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Stadtzeitung Bad Neuenahr-Ahrweiler
Ausgabe 21/2022
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Unverzichtbarer Bestandteil des sozialen Angebots

Ulrike Dobrowolny stellt ihre Mitstreiterinnen im Vorstand des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr vor: (v.l.) Berta Bauer, Claudia Steinheuer, Dr. Liesel Albrecht, Hildegard Schneider.

Die Ehrenvorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands, Gerda Graf, hielt den Festvortrag zum Thema „Sorge.“

Landrätin Cornelia Weigand (v.l.), MdL Horst Gies, Ulrike Dobrowolny (Vorsitzende des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr), Dr. Liesel Albrecht, Berta Bauer (beide Vorstandsmitglied), Festrednerin Gerda Graf (Ehrenvorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands), Hildegard Schneider (stellvertretende Vorsitzende), Kreisstadt-Bürgermeister Guido Orthen, Claudia Steinheuer (Vorstandsmitglied).

Für Unterhaltung auf und jenseits der Bühne sorgten die Klinikclowns „Lilly" und „Robert" sowie Jonas Röser (Saxophon) und Joao Louis (Gitarre).

Hospiz-Verein Rhein-Ahr feierte 30-jähriges Bestehen mit Musik, Clownerien und ernsten Worten

AHRWEILER. Alle kamen zum 30. Geburtstag des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr ins Ahrweiler Bürgerzentrum. Wenn an einem sonnigen Nachmittag die Landrätin und der Bürgermeister der Kreisstadt sowie aus allen Kommunen im Ahrweiler Kreisgebiet die Bürgermeister oder deren Beigeordneten zu einer Feier kämen, dann müsse schon eine Gruppierung ein Jubiläum begehen, „die, zum einen, im gesamten Kreis aktiv ist und, zum zweiten, bedeutend sein muss für alle Kommunen“, fand Horst Gies, Landtagsabgeordneter und Erster Beigeordneter des Kreises Ahrweiler mit Blick auf die Und eben das sei Hospiz-Verein Rhein-Ahr. Gies selbst erinnerte an seinen Erstkontakt mit der Hospizarbeit im Kreis beim Besuch in der Remagener Palliativstation vor rund zehn Jahren: „Als ich die Station verlassen habe, habe ich mich fast wohl gefühlt, weil ich gemerkt habe, was da für eine Atmosphäre herrscht, wie man sich kümmert, wie man da für andere da ist. Das war etwas, das mich für mein Leben geprägt hat.“

Eine durchaus entspannte Atmosphäre herrschte auch in und um das Bürgerzentrum bei Clownerien und Musik, wo es indes auch ums Kümmern respektive konkret das Thema „Sorge“ ging: Im Festvortrag, den die Ehrenvorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV), Gerda Graf, hielt. Doch vorher noch gab es Grußworte und Gratulationen und einen Rückblick auf die vergangenen 30 Jahre des Hospiz-Vereins.

„Die allermeisten von uns wünschen sich, wenn es einmal soweit ist, unter vertrauten Menschen zu sterben. Mit dem Anspruch , dieses möglich zu machen und Angehörige in dieser schwierigen Situation zu unterstützen, wurde 1992 der Hospiz-Verein gegründet. Seit dieser Zeit ist der Verein mehr und mehr unverzichtbarer Bestandteil des sozialen Angebots hier in unserer Region geworden“, sagt Landrätin Cornelia Weigand. In persönlichen Worten durch das Beispiel der Begleitung ihres Vaters „auf seinem letzten Weg“ und bis zum letzten Atemzug durch sie selbst und ihre Familie beschrieb sie „welch unglaublich wertvolle Arbeit“ die Hospizbewegung leiste. Und ihr Dank galt nicht nur der Hospizarbeit, sondern auch dem Engagement des Vereins in Sachen Trauer und Trauma, insbesondere der „personellen Unterstützung in Zusammenarbeit mit dem Kreis bei der Planung und Koordinierung für Hilfen für die vielen Betroffenen der Flutkatastrophe, die unter psychischen Folgen und Belastungen dieses sehr traumatischen Ereignisses leiden“. Und Guido Orthen, Bürgermeister sah das Verdienst des Vereins so: „Nicht nur, dass Sterben und Tod in dieser Stadt, in diesem Kreis kein Tabuthema mehr ist, sondern Sie, die Haupt- und Ehrenamtlichen, geben dem Sterbeprozess etwas Besonderes, etwas Menschliches. Sie begleiten durch den Schmerz hindurch, und Sie halten mit ihrem Armen, mit einer Berührung , Sie halten mit Ihrem Dasein. Sie halten mit einem guten Wort. Und Sie halten aus. Ihr Tun ist ein Werk der Liebe. Sie geben den Sterbenden und dem Sterben Leben.“

Immer wieder angesprochen wurde der Wert der Bedeutung der Zeit, die die Hospizbegleiter für andere opferten und die – so Gies – „das Wertvollste ist, das wir neben der Gesundheit haben“. Er verwies auch auf Auszeichnungen für den Verein wie den „Zukunftspreis Heimat der Volksbank Rhein-Ahr-Eifel“ und die Landesverdienstmedaille für die Vorsitzende Ulrike Dobrowolny und deren Vize Hildegard Schneider.

Dobrowolnys Rückblick galt Meilensteinen des Vereins, der heute 1360 Mitglieder sowie bis zu sieben hauptamtliche Palliativcareschwestern und 78 ehrenamtliche Hospizbegleiter zähle. Dazu gehörten die Gründung in Sinzig 1992, das seit Beginn verfolgte und 2015 erreichte Ziel des Baus eines stationären Hospizes im Ahrtal, 2017 die Gründung der Hospizstiftung Rhein-Ahr-Eifel, die Anfang 2020 begonnene Basisqualifikation in palliativer Praxis für Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen im Kreis Ahrweiler und die kürzlich gestartete „Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung“ (SAPV). Auch auf die Flutkatastrophe habe der Verein reagiert mit Angeboten zur Trauer- und Traumabewältigung reagiert und mit bald beginnenden Fahrten für flutbetroffene Senioren, die diese Gemeinschaft und neue Eindrücke erleben lassen sollen. Haltung, Helfen, Geduld und Fürsorge sind laut Dobrowolny wichtige Elemente im Wirken in der Hospizbewegung.

Der „sorgenden Haltung“ und dem „Sorgemut“, den der Hospiz-Verein zeige und für den sie plädierte, widmete sich auch Gerda Graf in ihrem Festvortrag: „Die Last für den anderen da zu sein, wenn seine Kräfte schwinden, und diese Last als eine Gnade anzunehmen: Das ist Sorgemut.“ Sorgemut, der sich auch in der Solidarität nach der Flut gezeigt habe und „Sorgemut, Versorgungslücken zu schließen, denn das Sterben kennt weder die originären Arbeitszeiten noch die Unfähigkeit, die wir zum Teil selbst herbeigeführt haben. Meine Erfahrung zeigt: Wir üben das Sterbenlernen nicht mehr ein.“

Graf lud ein zum Nachdenken ein darüber, „dass wir alle wissen, dass wir endlich sind, dass wir sterben müssen, und dass wir uns so wenig damit auseinandersetzen. Warum? Weil das Leben so funktional ist, weil es getaktet ist.“ Sie warnte vor den Folgen des Bundesverfassungsgerichts-Urteils zum assistierten Suizid, wonach jeder ab dem 18. Lebensjahr für sich selbst entscheiden könne, ob er assistiert suizidiert werden möchte, wenn ein aussichtsloses und untragbares Leiden vorherrscht. „Was aber ist aussichtslos und untragbar? Das wird nicht beschrieben. Ist es der unerträgliche Liebeskummer des Jugendlichen? Oder ist es die Sorge des alten Menschen, zur Last zu fallen und somit untragbar zu sein für die Gesellschaft?“ Das Urteil rationalisiere Suizid und stelle die Autonomie des Menschen an erster Stelle. Eine Autonomie, die sie als „Hyperliberalisierung der Selbstbestimmung in Zeitalter der hochgelobten Individualität“ sah. Einige ihrer Forderungen: Sorgemut zeigen, sich einmischen gegen Effizienzstreben in Kliniken und Pflegeheimen, sich einmischen zum Wohlsein des Menschen für eine Sorgekultur in der Hospizarbeit, und Versöhnung und Mitgefühl weiter ausbilden, um weitere Akzente für ein gutes Leben und ein gutes Sterben zu setzen.

Schon vor Programmbeginn waren die Gäste vor dem Bürgerzentrum von „Lilly“ und „Robert“, Klinikclowns von Eckart von Hirschhausens Stiftung „Humor hilft heilen“, begrüßt worden. Drinnen sorgte ein breites Spektrum musikalischer Darbietungen für Unterhaltung mit Christiane Parlings (Gesang) und Ilse Kösling (Piano) sowie mit Jonas Röser (Saxophon) und Joao Louis (Gitarre) auf der Bühne. Letztere jazzten am Ende sogar gemeinsam mit dem Klinikclowns, und die Gäste widmeten sich angeregten Gesprächen und erfreuten sich am Büchertisch einer örtlichen Buchhandlung und an einer Weinprobe lokaler Weingüter.