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Stadtzeitung Bad Neuenahr-Ahrweiler
Ausgabe 28/2021
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Das Licht der Erkenntnis am Ende des Tunnels

Vorstellung der Untersuchungsergebnisse mit Manfred Grieger (r.), Thomas Rheindorf, Rolf Deißler, Bernhard Kubatzki und Uwe Bader.

Bei der Podiumsdiskussion: Manfred Grieger, Thomas Rheindorf, Rolf Deißler, Bernhard Kubatzki und Uwe Bader (v.l.).

Die Eröffnung der Gedenkstätte im November 2017

Gutachten über Lager Rebstock vorgestellt

AHRWEILER.GW. In einer mit über 50 Zuhörern besuchten Informationsveranstaltung im Bürgerzentrum stellte Professor Manfred Grieger die von der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz beauftragte Studie ""Rebstock" und "Rebstock (Stephan)" - zwei Außenlager im Konzentrationslager-System bei Marienthal und Dernau, August bis Dezember 1944" vor. In seinen Begrüßungsworten betonte der 1. Vorsitzende des Bürgervereines Synagoge e.V., Dr. Thomas Rheindorf, in dessen Trägerschaft die Erinnerungs- und Gedenkstätte in Marienthal steht:

"Die Geschichte des Gedenkens an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft oberhalb von Dernau und Mariental, die Suche nach einer geeigneten Formgebung und das Ringen um das, was der Fall war, reicht Jahrzehnte zurück. Von Anfang an war der Prozess von Lärm, Alarm und oft einem dem Diskurs unangemessenen Ton begleitet. Die Protagonisten führten ihre Auseinandersetzungen in einer Gemengelage aus Betroffenheit und Lust an der Schlacht auf dem Feld der Deutungshoheit. Die Lager linker Moralapostel und rechter Relativierer standen sich oft unversöhnlich gegenüber. Geeint hat sie - von ihnen selbst unbemerkt - die Suche nach den Möglichkeiten einer Heimat- und Vaterlandsliebe nach dem Ende des Faschismus. Dass sich der Bürgerverein der Aufgabe gestellt hat, einen angemessenen Gedenkort zu schaffen, ist das große Verdienst meiner Vorgänger. Heute bekennt sich der Bürgerverein Synagoge ausdrücklich zu dieser Stätte der Aufklärung, Mahnung und Erinnerung. Dieses Bekenntnis leitet sich für uns ab aus unserer Aufgabe, die ehemalige Synagoge als einen Ort von Gedenken und Kultur lebendig zu halten und mit ihm auch die Erinnerung an jüdisches Leben hier im Ahrtal. Wir sind überzeugt, dass eins vom anderen nicht zu trennen ist, will man Freiheit und Demokratie stärken und einen andauernden Beitrag zur Verlebendigung der Werte des wiedervereinigten Nachkriegsdeutschlands leisten. [...] Geschichtsschreibung ist wie jede Erkenntnis und Wissenschaft dem Wandel unterzogen: Es passieren Fehler, Holzwege werden beschritten und neue Zeugnisse und Quellen werden entdeckt. Dann ist eine Neubewertung vorzunehmen. Wir nennen das Fortschritt und reklamieren für unser Handeln, daran Anteil haben zu wollen."

Aus der Podiumsrunde mit den Bürgervereinsvorsitzenden Dr. Thomas Rheindorf und Rolf Deißler, Gutachtenautor Prof. Dr. Manfred Grieger und Dieter Burgard von der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit Rheinland-Pfalz ergriff Dr. Bernhard Kukatzki, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, das Wort:

"Mit seiner Studie nimmt Manfred Grieger eine Analyse des oft widerspruchsvollen Ineinandergreifens von KZ-System und SS einerseits und der NS-Rüstungsplanung andererseits vor. Und er verbindet dies mit den betrieblichen und lokalen Entwicklungen im Ahrtal. Die beiden KZ-Außenlager „Rebstock“ und „Rebstock (Stephan)“ stellt er in ihren vielfältigen Entstehungszusammenhängen dar und zeigt deren dynamische Entwicklung auf. Deutlich wird, wie sich aufgrund der jeweiligen Kriegslage die rüstungswirtschaftlichen Dringlichkeitsstufen immer wieder änderten und dies die Bemühungen beeinflusste, die beiden Lager einzurichten. Der Autor beschreibt das Nebeneinander von verschiedenen Formen der Zwangsarbeit im Ahrtal. Er überprüfte Ankünfte und Abfahrten von Häftlingstransporten, zum einen aus der Zuständigkeit von KZ-Stammlagern in die beiden „Rebstock“-Lager, zum anderen zu den Konzentrationslagern und Einsatzorten in Thüringen nach dem Aufenthalt der Häftlinge im Ahrtal. Quellenkritisch überprüfte Grieger Aussagen und Überlieferungen über die Zustände in den Lagern, zu den Wachmannschaften und den verschiedenen Zwangsarbeitergruppen.

2018 wurden zuerst Zweifel an einzelnen geschilderten Sachverhalten und Einschätzungen in dem von der Landeszentrale 2016 herausgegebenen „Blatt zum Land“ bekannt. Dann erbrachte ein Heimatforscher den Nachweis von konkreten Fehlern im Heft, woraufhin die Landeszentrale die Ausgabe aus ihrem Publikationsangebot nahm. Die Situation war für die Gedenkarbeit in der Region irritierend und nicht gerade förderlich. Sie gab denjenigen Auftrieb, die eine Erinnerung an die NS Verbrechen entweder nicht wollen oder sie zumindest in Misskredit bringen möchten. Ursächlich dafür war natürlich nicht das Aufdecken von begangenen handwerklichen Fehlern. Deren Aufdeckung war wichtig und notwendig und dafür waren und sind wir auch dankbar.... An diesem Beispiel zeigt sich aber generell, dass zu viel Vertrauen in die Arbeitsweise von engagierten Autoren oder Akteuren in der Gedenkarbeit, denen eine Fachausbildung zum Historiker fehlt, auch zu Problemen führen kann. Die vorhin schon angesprochene Komplexität der Vorgänge, die ein äußerst quellenkritisches Vorgehen erfordert, wurde nicht genügend beachtet. Der Autor war damals der Landeszentrale in Mainz aus der Region heraus wärmstens empfohlen worden... Am Ende seiner Studie gibt Herr Grieger Handlungsempfehlungen für die künftige Gedenkarbeit zu den beiden KZ-Außenlagern in den Bereichen Marienthal und Dernau. Die Landeszentrale für politische Bildung wird diese Vorschläge beachten..... Wir werden zusammen mit Prof. Grieger und mit der Universität Trier, mit Herrn Dr. Grotum und seinem Team, den Vorstand des Bürgervereins Synagoge Ahrweiler unterstützen. Dies geschieht im Hinblick auf die in Trägerschaft des Vereins errichtete und inhaltlich und konzeptionell verantwortete Erinnerungsstätte in Marienthal." In seinem halbstündigen Vortrag erklärte Prof. Manfred Grieger detailliert und nachvollziehbar die Vorgehensweise seiner Studie und deren Ergebnisse. Seine Empfehlung lautet: "Da viele Verbrechen des Nationalsozialismus vor Ort geschahen und gerade auch das KL-Außenlagersystem durch eine zersplitterte dezentrale Struktur geprägt war, bietet eine dezentrale Erinnerungslandschaft am ehesten Chancen, den Dialog über die Lehren der Geschichte in die Breite der Gesellschaft hineinzutragen. Vor diesem Hintergrund sind die Aktivitäten des Bürgervereins Synagoge e.V. Bad Neuenahr-Ahrweiler zur Präsentation der KL-Geschichte am früheren Standort des KL-Außenlagers „Rebstock“ von herausragender Bedeutung und verdienen umfassende Unterstützung. Hierzu sollte die Landeszentrale für politische Bildung im Rahmen ihrer personellen und finanziellen Möglichkeiten über finanzielle Hilfe und Beratung zur ergänzenden Mitteleinwerbung hinaus ihre Kompetenzen zur präsentatorischen Optimierung und zur fachlich-historischen Qualitätssicherung stärker als bisher einbringen..." Kuriosum am Rande: Die Kosten des Grieger-Gutachtens liegen im "mittleren fünfstelligem Bereich", wie am Rande der Veranstaltung zu erfahren war, und sind damit höher als die Gesamtkosten zur Errichtung der Gedenkstätte Marienthal. Die Landeszentrale für politische Bildung RLP bot jedem Besucher ein Freiexemplar des Gutachtens in Buchform an. Interessierte können kostenfrei das Buch/Gutachten anfordern: Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Am Kronberger Hof 6, 55116 Mainz, Telefon: 06131162971, E-Mail: lpb.zentrale@politische-bildung-rlp.de