Titel Logo
Stadtzeitung Bad Neuenahr-Ahrweiler
Ausgabe 3/2021
Aktuelles
Zurück zur vorigeren Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Was bedeutet eine Fernwärmesatzung?

© Dominik Ketz - Dominik Neswadba.

BAD NEUENAHR-AHRWEILER. Die Kreisstadt will aktiv die Energiewende mitgestalten. Unter anderem wurden dafür vor mehr als zehn Jahren die Ahrtal-Werke gegründet, die seither ein Fernwärmenetz aufbauen. Nun brachten die Stadtratsfraktionen von CDU, SPD, FWG, Wählergruppe Jakobs und Bündnis 90/DIE GRÜNEN den Antrag auf Erlass einer Satzung über den Anschluss und die Benutzung der Fernwärmeversorgung in den städtischen Gremien ein. Die Stadtzeitung sprach mit Dominik Neswadba, Geschäftsführer der Ahrtal-Werke, über die Pläne der Kreisstadt zur möglichen Einführung einer Fernwärmesatzung für das Stadtgebiet Bad Neuenahr.

Stadtzeitung: Herr Neswadba, derzeit wird das Vorhaben diskutiert, im Stadtgebiet von Bad Neuenahr eine Fernwärmesatzung einzuführen. Was ist der Hintergrund?

Ahrtalwerke: Die Stadtverwaltung wurde beauftragt eine Satzungseinführung zu prüfen. Der Grundgedanke ist ökologischer Natur. Ziele sind der Schutz des Klimas und der Luftqualität des Kurortes. Ein solch weitreichendes Vorhaben kann nur gelingen, wenn die ökologische Zielsetzung mit wirtschaftlicher Effizienz und einer geringstmöglichen Belastung der Bürger durch die Baumaßnahmen einhergeht. Hier setzt der Gedanke der Fernwärmesatzung an.

Stadtzeitung: Warum ist eine Fernwärmesatzung sinnvoll oder besonders umweltfreundlich?

Ahrtalwerke: Die Fernwärme der Ahrtal-Werke wird mit einem zertifizierten Primärenergiefaktor von 0,00 produziert. Das ist gleichbedeutend mit dem Einsatz von 100% erneuerbarer Energie in der Wärmeerzeugung und schont so die Umwelt.

Stadtzeitung: Bietet eine Satzung neben dem ökologischen Vorteil auch dem Bürger einen Nutzen?

Ahrtalwerke: Ja, mit einer Satzung verpflichtet eine Stadt das Fernwärmeversorgungsunternehmen, den Einwohnern eine ökologische Wärmeversorgung über das Fernwärmenetz bereitzustellen. So wird eine zügige und nachhaltige Infrastrukturentwicklung gesichert. Unseren Einwohnern wird die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Nutzung von erneuerbarer Wärmeenergie, verbunden mit einer sehr hohen Anschluss- und Versorgungsverlässlichkeit offeriert. Der Ausstoß an klimaschädlichen Emissionen im Stadtgebiet kann nachhaltig begrenzt und Klimaschutzziele können erreicht werden.

Stadtzeitung: Gehen damit nicht Kosten für die Bürger einher?

Ahrtalwerke: Nein. Das Thema Bestandsschutz hat im Rahmen der diskutierten Grundlage eine hohe Bedeutung. Niemand müsste bei einer Satzungseinführung umgehend seine Heizung umstellen. Eine Verpflichtung zur Nutzung von Fernwärme ist lediglich für den Neubau geplant, wenn ohnehin eine Heizung angeschafft wird. Im Bestand soll erst dann umgestellt werden, wenn die bestehende Heizung erneuert werden muss.

Stadtzeitung: Kommt es zu einer Monopolbildung durch eine Satzung? Werden andere Heizsysteme ausgeschlossen?

Ahrtalwerke: Die Satzung ist lediglich eine Festschreibung ökologischer Mindeststandards. Der Entwurf sieht vor, dass jedes Alternativsystem, welches einen gleichen ökologischen Nutzen sichert auch zukünftig eingesetzt werden kann. Beispielsweise also auch eine Pellet oder Hackschnitzelheizung, sofern der CO2-Emissionsfaktor der Fernwärme entspricht oder besser ist. Eine Satzung schließt nur klimaschädlichere Technologien aus.

Stadtzeitung: Bin ich nach Einbau des Heizsystems von der preislichen Willkür der Ahrtal-Werke abhängig?

Ahrtalwerke: Absolut nicht. Mit den Allgemeinen Versorgungsbedingungen Fernwärme existiert eine gesetzliche Grundlage, die Fernwärmekunden absichert. Die Anpassung der Preise erfolgt durch eine mathematische Formel, die an Indizes des Statistischen Bundesamtes gekoppelt ist. Jeder Nutzer kann Anpassungen anhand dieser Indizes transparent nachvollziehen. Sie lässt keinen individuellen Spielraum für das Fernwärmeversorgungsunternehmen zu. Die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Einbeziehung eines „Wärmemarktgliedes“ verhindert darüber hinaus, dass sich der Fernwärmepreis langfristig von den Preisen der andern Heizsysteme entkoppelt. Eine Wettbewerbsfähigkeit ist garantiert.

Stadtzeitung: Ist der Einsatz von Fernwärme wirtschaftlich für die Nutzer?

Ahrtalwerke: Gerade im Neubau ist der Einsatz von Fernwärme besonders attraktiv. Neben vielen weiteren Vorteilen, erfüllen Fernwärmekunden alle Anforderungen der Energieeinsparverordnung. Dies verursacht deutliche Kosteneinsparungen im Bauprojekt. Auch langfristig zeigt sich die Vorteilhaftigkeit. Nach einmaliger Erstellung ist nie wieder eine Heizungserneuerung nötig. Dies ist Aufgabe des Fernwärmeversorgers. Wenn dagegen eine Ölheizung kaputt geht müssen Sie eine neue kaufen.

Stadtzeitung: Kann ein Kunde nicht einfach freiwillig Fernwärme beziehen?

Ahrtalwerke: Als Ahrtal-Werke versorgen wir jeden Kunden gerne mit Fernwärme. Eine flächendeckende Umsetzung kann aber nur bei einem strukturierten und koordinierten Netzausbau erfolgen, da so die Belastungen der Bürger so gering wie möglich gehalten werden.

Stadtzeitung: Wäre es nicht kontraproduktiv sich heute auf Fernwärme festzulegen, wenn zukünftig eventuell noch umweltfreundlichere Methoden zu Heizzwecken entwickelt werden könnten?

Ahrtalwerke: Gerade in Bezug auf zukünftige Entwicklungen stellen wir uns heute mit einer Satzung gut auf, da wir eine primärenergieträgerunabhängige Basisinfrastruktur aufbauen. Sollte zukünftig ein effizienteres System zur Wärmeerzeugung entwickelt werden, könnte die heutige Wärmeerzeugung zentral ersetzt werden. Dadurch würde umgehend das gesamte Netz mit der neuen Technologie noch umweltfreundlicher versorgt werden, ohne dass Endkunden eine Investition tätigen müssten.

Stadtzeitung: Kritiker machen sich Sorgen um innovationshemmende Auswirkungen bei der Suche nach der optimalen Lösung für die Energiewende.

Ahrtalwerke: Ich möchte nochmals betonen, dass eine Satzung, nicht dem Ausschluss von Alternativsystemen gleichkommt, sondern bewusst einen ökologischen Mindeststandard in Bezug auf das Heizsystem festsetzt. Insbesondere durch die Entwicklung eines Mindeststandards in Bezug auf eine ökologisch nachhaltig geprägte Energiebereitstellung wird die Entwicklung innovativer Ansätze fördern. Die geforderte Technologieoffenheit für ökologisch vergleichbare Systeme wird explizit gewahrt.

Stadtzeitung: Demnach ist eine Satzung kein Zwang, sondern vielmehr als Chance zu werten?

Ahrtalwerke: Genau. Der Ausweis eines Satzungsgebietes ist eine Chance gemeinwohlorientiert, im Rahmen einer Solidargemeinschaft die Klimaschutzziele der Stadt zu erreichen und den Klimawandel nachhaltig zu bekämpfen. Denn Fernwärme ist eine leitungsgebundene und somit im Netzaufbau für den Investor kapitalintensive Wärmeversorgung. Viele Kunden können nur dann angeschlossen werden, wenn sich die Gesamtmaßnahme refinanziert. Nur durch ein Satzungsgebiet ist ein flächendeckender Ausbau mit frühzeitigen Versorgungszusagen sowie der geringstmöglichen Belastung der Einwohnerinnen und Einwohner durch Baumaßnahmen möglich.

Stadtzeitung: Wenn eine Fernwärmesatzung die beschriebenen Vorteile bietet, müssten dann nicht auch andernorts vergleichbare Ideen existieren?

Ahrtalwerke: Beispiele für entsprechende Satzungen werden in Deutschland bereits vielfältig umgesetzt. Spontan zu nennen sind Städte wie Schwäbisch Hall, Rostock, Potsdam, Wiesbaden, Heidelberg, Kaiserslautern oder viele andere. In Berlin wird derzeit auf Landesebene sogar über eine Solar-Pflicht diskutiert. Leider gibt es aber auch heute immer noch viele Städte in Deutschland, in denen man einerseits Umweltschutz propagiert, eine Umsetzung möglicher Maßnahmen aber nicht erfolgt. Das ökologische Problembewusstsein, verbunden mit der Suche nach nachhaltigen Lösungsansätzen ist also kein Alleinstellungsmerkmal. Den Wunsch unserer Stadt, Verantwortung im Bereich der Energiewende zu übernehmen und dadurch einen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel zum Schutz nachfolgender Generationen zu leisten, halten wir für außerordentlich begrüßenswert.

Stadtzeitung: Vielen Dank für das Interview.