Titel Logo
Stadtzeitung Bad Neuenahr-Ahrweiler
Ausgabe 36/2021
Hauptthemen
Zurück zur vorigeren Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

„Der Himmel und die Hölle am selben Fleck“

Bundespräsident Steinmeier erinnerte an die Opfer der Flut.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer sprach den Angehörigen ihr Mitgefühl aus.

Staatsakt für die Opfer der Flutkatastrophe am Nürburgring.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedenken Toten und Verletzen der Ahrtalflut

NÜRBURGRING. Einsatzzentrale für Feuerwehr, THW und Co im Fahrerlager, Feldbettenstadt in der Boxengasse, Start- und Landeplatz für Rettungshubschrauber – das Gelände des Nürburgrings hat seit der tragischen Flutkatastrophe in der Nacht auf den 15. Juli durchgehend eine zentrale Rolle gespielt. Am frühen Abend des 1. September fand in der ring°arena ein offizieller Staatsakt statt, um den Flutopfern in Anwesenheit von Betroffenen, Angehörigen, Verletzten, Hilfskräften sowie Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern der mehr als 250 betroffenen Orte und vielen politischen Entscheidungsträger*innen aus der Region und darüber hinaus zu gedenken.

Andächtige Stille beherrschte den Abend. Einen würdigen musikalischen Rahmen bot das Gemeinsame Blechbläser-Ensemble des Heeresmusikcorps Koblenz und des Landespolizeiorchesters Rheinland-Pfalz unter der wechselnden Leitung von Oberstleutnant Alexandra Schulz-Knospe und Stefan Grefig. Sie gestalteten den musikalischen Einstieg mit „Über den Sternen“ von Franz Wilhelm Abt. Im Anschluss schilderten Bianca Groh und Dietmar Breininger, Fachberater*innen der Psychosozialen Notfallversorgung, ihre Eindrücke. Thematisch im Mittelpunkt stand dabei, wie der Einsatz im Katastrophengebiet trotz aller Tragik auch neue Verbindungen und ein starkes Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen geschaffen hat. „Lass uns Brücken der Zuversicht bauen, Brücken zwischen dir und mir“, so der Wortlaut des im Wechsel gelesenen Vortrags, der mit einem Zitat aus Michael Endes Buch „Momo“ endete.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer beklagte die vielen Toten und Verletzten und sprach den Hinterbliebenen ihre Anteilnahme aus. „Die Naturkatastrophe hat unser Land bis ins Mark getroffen. Ganz Rheinland-Pfalz nimmt Anteil an Ihrem Leid. Mit uns trauert ganz Deutschland.“ Niemand würde vergessen, betonte Dreyer. „Nicht die Verstorbenen, nicht diejenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben, nicht diejenigen, denen alles genommen wurde.“ Die geplanten Soforthilfen in dreistelliger Millionenhöhe sollten nun zügig und unkompliziert bereitgestellt werden. Zusammen mit den Kommunen wolle die Landesregierung ein „Ahrtal der Zukunft“ aufbauen, eine nachhaltige und zukunftssichere Heimat für die betroffenen Menschen. Abschließend dankte Dreyer den vielen Helfern, Landwirten, Lohnunternehmern, Handwerken und Winzern, aber auch den vielen privaten und freiwilligen Helfern und Spendern.

„Wofür noch leben, wenn nichts mehr ist, wie es war?“, zitierte Bundespräsident Frank-Walter-Steinmeier einen Betroffenen. Tief erschüttert hätten ihn solche Worte, sagte er zu Beginn seines Grußwortes. Auch er sprach Angehörigen und Hinterblieben Beileid und Anteilnahme aus. „Wir, das ganze Land, trauern mit Ihnen“. Angesichts der Bilder der Katastrophe, die ganz Deutschland erschüttert hätten, habe er tiefen Respekt vor der tatkräftigen Leistung im Wiederaufbau. Auch Steinmeier lobte die Hilfsbereitschaft von professioneller und privater Seite und begrüßte die Hilfsgelder von Bund und Ländern. Auch müsse daran gearbeitet werden, zukünftig auf Extremwetterlagen besser vorbereitet zu sein. „In der Stunde der Not sind wir ein starkes, solidarisches Land. Wir stehen zusammen“, so Steinmeier. „Das Unheil, das über Sie hereingebrochen ist, geht uns alle an. Auf Ihrem Weg zurück ins Leben lässt Sie Ihr Land nicht allein.“

Stellvertretend für die vielen persönlichen Schicksale berichtete Wilfried Laufer von den „schwersten Stunden seines Lebens“. Sein Vater, mit dem er zusammen ein Weinlokal in Altenahr betrieben hatte, ertrank in der Flut. Eine Schlammlawine hatte ihn am Abend der Katastrophe davon abgehalten, ihn abzuholen. „Es bleibt die völlige Hilflosigkeit in dieser Katastrophe“, schilderte Laufer seine Gefühlslage. Er wünsche nun allen Menschen die Kraft und die Mittel zum Wiederaufbau. Als emotionaler Höhepunkt des Abends schloss sich die Verlesung der Namen der Verstorbenen durch Raphaela Crossey und Wolfram Boelzle, Ensemble-Mitglieder des Koblenzer Theaters, an. Die Stille zwischen den Namen verdeutlichte abermals die schweren Schicksale, die großen Lücken, die der Verlust jedes geliebten Menschen in so viele Familien gerissen hat. Der Verlesung folgte eine Schweigeminute.

Cornelia Weigand, Verbandsgemeindebürgermeisterin aus Altenahr, nutze ihren Impuls für einen Dank für die große Hilfsbereitschaft aber auch einen eindringlichen Appell. „Leben an Flüssen muss neu gedacht werden“, so Weigand. Die Ahrregion könne Modellfunktion für das Leben an Mittelgebirgsflüssen in ganz Europa haben, mit konkreten Strategien zum Wiederaufbau und robusterer Infrastruktur, aber auch Lehren über gezieltere Warnungen und effektivere Krisenstäbe, die den Extremwetterlagen als wachsende Herausforderungen des Klimawandels zukünftig besser gerecht werden können. „Wir brauchen jetzt und in den kommenden Jahren Mut, Ausdauer, tragfähige Konzepte, echte Perspektiven und vor allem wahrhaftigen Zusammenhalt, über alle gesellschaftlichen Ebenen und politischen Parteien hinweg“, formulierte sie als selbst persönlich von der Flut Betroffene die Bedürfnisse der Menschen in ihrer Heimat.

Der Leitende Branddirektor Heinz Wolschendorf sprach anschließend über die enormen Belastungen und die Herausforderungen, die alle in der Blaulichtfamilie organisierten Helfer*innen im Flutgebiet “über die eigene psychische und physische Belastungsgrenze hinaus“ erlebt und mitgenommen hätten. Fassungslosigkeit habe geherrscht über die hochdynamische Lage und das Ausmaß der Katastrophe, das sich auf Bildern kaum begreifen lasse. Einen „großen Schulterschluss“ der Kräfte habe es gebraucht, aber die Menschen blickten nun auch wieder nach vorne. „Alle haben angepackt, wo es nötig war und schien, und überall ist die Hilfe dankbar angenommen worden“, betonte Wolschendorf. Er dankte den anwesenden Vertretern der professionellen Hilfsorganisationen ausdrücklich für ihre Unterstützung.

Thomas Pütz, Organisator des Helfershuttles #solidAHRität, das seit vielen Wochen ehrenamtliche Hilfskräfte dorthin bringt, wo sie am meisten gebraucht werden, konnte aus der Mitte der vielen Freiwilligen „von Hoffnung, Mut und Solidarität“ erzählen. Über 100.000 Hände seien im Ahrtal bereits koordiniert worden, das „Hölle und den Himmel am selben Fleck“ geworden sei, so ein Zitat aus der Helferschar. Man könne bei der Arbeit vor Ort nicht nur Gebäude wiederaufbauen, sondern auch verletzte Seelen heilen. „Wenn du das Vertrauen in die Menschlichkeit verloren hast, dann komm ins Ahrtal. Hier wirst du eines besseren belehrt. Das ist Zusammenhalt, das ist Empathie.“ An die Politik appellierte Pütz, Ingenieure, Fachleute und Kapazitäten ins Ahrtal zu entsenden, um den großen Mut und den Funken der Menschen zu schützen. „Wir haben gezeigt, was in uns steckt. Wir schaffen das nicht alleine. Es gibt nur ein Seil in Richtung Zukunft, lasst uns bitte am selben Ende ziehen.“

Ein Videobeitrag zeigte zum Abschluss Hoffnungsmomente, die erste Behelfsbrücke, untermalt vom A-Capella Gesang einiger Männer in Ahrweiler, die spontan im Schlamm ein Lied angestimmt hatten, bevor der Staatsakt mit der Nationalhymne sein Ende fand.

[Franziska Düngen]