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Südpfalz Kurier
Ausgabe 16/2020
Nachrichten aus der Verbandsgemeinde
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Corona – Gedanken

„Der Applaus ist das Brot des Künstlers“

Ein Satz, der mir durch den Kopf schießt, als ich morgens nach dem Aufwachen im Bett liegend den blauen Himmel anschaue und die Gedanke noch etwas träge zwischen schlafen und wachen hin und her dümpeln. Corona-Zeit – alle Auftritte abgesagt bis in den Sommer hinein. Das heißt: kein Einkommen und viel Zeit zum Nachhängen der Gedanken – ohne in die Existenzangst zu verfallen... (das ist die erste Kunst dabei).

Da bin ich wach. Hellwach!

Ein Satz, der so oft gedankenlos von Leuten gesagt wird, die ihr Brot nicht mit Kunst verdienen. Die ihr regelmäßiges Einkommen, ihre Pensionen und Bezüge, ihre Boni und Weihnachtsgelder, betriebliche Altersvorsorgen und andere Extras als selbstverständlich hinnehmen, „mitnehmen“.

Ich habe nie heraus gefunden, wie es gemeint ist.

Anerkennend? À la „du bist es doch gewohnt, am Abgrund singend und tanzend auf dem Seil zu balancieren – eine echte Lebenskünstlerin.“

Herabwürdigend? À la „ihr Künstler lebt doch von Luft, Liebe und Applaus, was braucht ihr mehr. Gute Kunst entsteht nur aus der Not.“

Zynisch? Im Sinne von „Du spielst doch, du arbeitest nicht, das macht dir doch Spaß!“

Wie lange muss ich wohl klatschen, bis sich das Getreide selbst ausgesät, gepflegt, geerntet, zur Mühle gebracht und gemahlen und dann in der Bäckerei zu Brot gebacken hat?

Wie lange klatsche ich, um meine Miete und das Auto, die Versicherungen, die Steuern, die Künstlersozialkasse und das Essen zu bezahlen?

Reicht meine Lebenszeit klatschend dafür aus?

In den Städten klatschen seit einigen Wochen die Menschen auf ihren Balkonen oder aus den Fenstern, um Ihre Anerkennung dem medizinischen Personal auszudrücken. Eine nette Geste.

Auf anderen Balkonen musizieren Künstler gratis, auch sehr nett von ihnen – und alle zücken ihr Handy um das zu filmen.

Was ist der Gesellschaft die Kunst wert?

Was sind der Gesellschaft ihre kreativen Menschen wert?

Wovon sollen Künstler*innen leben, wenn sie keine Honorare, Subventionen oder institutionellen Förderungen erhalten - und damit keine Einnahmen haben?

Ist der Gesellschaft Kunst ausschließlich als Wohlfühlelement wichtig, als angenehm schmückendes Beiwerk, als plätscherndes Nebenher?

Ist Kunst eine Luxus-Frage, eine Frage des Überflusses einer satten Gesellschaft?

Kunst ist seit Spotify & Co dem Durchschnittsnutzer wenig bis nichts wert. Es steht doch im Internet zur Verfügung, also bitte, wozu dafür bezahlen?! Gedankenloses Rund-um-die Uhr-Streamen zum Null- oder Minimaltarif ist normal geworden. „Dann sollen sie es doch nicht ins Internet stellen“ habe ich schon als Antwort gehört.

Private Videoaufzeichnungen von Theaterveranstaltungen und Konzerten sind selbstverständlich geworden. Es wird doch öffentlich aufgeführt, warum soll ich es nicht mitschneiden und dann weiter verteilen an Andere, die keinen Eintritt bezahlt haben?

Wovon bezahlen die Veranstalter die Honorare der Künstler, die Kosten ihrer Häuser, ihrer Mitarbeiter? Nichts ist selbstverständlich!

Kunst macht viel Arbeit.

Kunst zu machen ist teuer.

Kunst wird politisch und gesellschaftlich gering wertgeschätzt.

Von Kunst zu leben ist extrem hart.

Von all dem will kein Zuschauer etwas auf der Bühne sehen, sondern einen netten Abend haben, bespaßt und abgelenkt werden.

Das durchschnittliche Jahresbruttoeinkommen von Künstler*innen liegt bei ca. 18.000,- Euro (siehe https://www.kuenstlersozialkasse.de/service/ksk-in-zahlen.html ). Und das, obwohl die allermeisten Künstler*innen mindestens einen Hochschulabschluss haben, mehrere Sprachen sprechen, kreativ und extrem flexibel sind, selbstverantwortlich arbeiten, Organisationstalente und nicht kreditwürdig sind - und die Altersarmut so sicher wie das Amen in der Kirche auf sie wartet.

Also: was ist uns Allen die Kunst wert?

Der Dalai Lama sagte einmal: „Der Planet braucht keine erfolgreichen Menschen mehr. Der Planet braucht dringend Friedensstifter, Heiler, Erneuerer, Geschichtenerzähler und Liebende aller Art.“

Lasst und in diesem Sinne bewusst denken und handeln.

Übernehmen wir Selbstverantwortung.

Lasst uns aus der Corona-Zeit lernen, worauf es wirklich ankommt im Leben, wofür das Herz schlägt.

Und lacht und tanzt dabei!

Anke Scholz, Schweigen-Rechtenbach
ArtisjokTheater