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Südpfalz Kurier
Ausgabe 21/2020
Nachrichten aus der Verbandsgemeinde
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Zur aktuellen Lage der vertragsärztlichen Versorgung in der Stadt und Verbandsgemeinde Bad Bergzabern

15 Kommunal- und Ärztevertreter in großer Diskussionsrunde

Nachfolger gesucht … und nicht gefunden

(kh) Die Verbandsgemeinde Bad Bergzabern bringt vergangenen Mittwoch, 6. Mai 2020, gemeinsam mit der Stadt, Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland Pfalz, Ärzte aus der Region sowie politische Vertreter des Landes und des Landkreises in der Schlosshalle zusammen – natürlich mit Maske.

Viele Hausarztpraxen auf dem Land finden keine Nachfolger. Dieses Problem ist nicht neu, aber die Lage verschärft sich. Und das obwohl der Hausarztberuf für junge Ärztinnen und Ärzte eigentlich sehr attraktiv ist, denn hier treffen ein breites Patientenspektrum auf abwechslungsreiche Behandlungs- und Beratungsmöglichkeiten. Hinzu kommt die soziale Komponente, die von vielen Hausärzten sehr geschätzt wird. Wie ist es also möglich, dass es dennoch vielerorts nicht mit einer Praxisübernahme klappt? Welche Aussichten und Angebote locken junge Mediziner aufs Land, damit eine ärztliche Versorgung ortsnah gewährleistet bleibt?

Um die Situation der vertragsärztlichen Versorgung in der Region und speziell auch innerhalb der Verbandsgemeinde eingehend zu betrachten, hat die Verbandsgemeinde Bad Bergzabern zusammen mit der Stadt Bad Bergzabern und der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland Pfalz, kurz KV RLP, diesen Termin in der Schlosshalle zum Austausch anberaumt, unter der Koordination von Herrn Dr. med. Volker Thorn, Vorsitzender der Ärztlichen Kreisvereinigung Landau / SÜW und Facharzt für HNO-Heilkunde, aus Landau. Ziel des Gesprächs ist es, die vorgestellten Auswertungen der Versorgungsforschung der KV RLP, insbesondere den Entscheidungsträgern der Kommune und des Landkreises, einerseits Informationen über die derzeitigen Versorgungstrukturen zur Verfügung zu stellen und andererseits diese für die Entwicklungsprognosen bis zum Jahr 2024 und darüber hinaus zu sensibilisieren.

Einen wichtigen Anstoß für die Zusammenkunft habe Helmut Ehrhart, der Vorsitzende des Seniorenbeirates der Verbandsgemeinde Bad Bergzabern gegeben, erklärten Landrat Dietmar Seefeldt und Bürgermeister Hermann Bohrer. Herr Ehrhart habe das Gespräch mit den Amtsträgern gesucht. Dass der Termin trotz Corona stattfinden konnte, sei erfreulich. Wichtig sei für ihn die Frage, was der Landkreis tun könne, um die Lage zu verbessern.

„Ich weiß, dass dieses Thema hier viele Menschen umtreibt. In erster Linie die ältere Generation. In der Verbandsgemeinde sind über 30% der Einwohner über 60 Jahre alt, in der Stadt Bad Bergzabern sind es sogar über 40% der Generation 60plus. Die KV versucht Kommunen zu gewinnen, um die Situation zu stabilisieren. Ich freue mich über die Aufzeigung neuer Wege, um eine gesicherte Lösung für die Zukunft zu finden“, so Bürgermeister Hermann Bohrer.

Stadtbürgermeister Hermann Augspurger ist sich der schwierigen Lage und einem zügigen Handlungsbedarf ebenfalls bewusst: „Meine Schwester lebt in Mecklenburg-Vorpommern, in einer sehr ländlichen Region. Sie muss inzwischen 60 Kilometer zum nächsten Hausarzt fahren. Das ist kaum zumutbar, vor allem nicht für ältere Menschen, die weit weniger mobil sind, als die jüngere Generation.“

Zu den aktuellen Trends in der vertragsärztlichen Versorgung informierte Dr. Nadja Moreno, Leiterin der Abteilung Sicherstellung der KV RLP. Demnach gebe es steigende Zahlen bei Fachärzten und Psychotherapeuten, jedoch einen Rückgang bei Hausärzten. Zudem hätten die Datenerhebungen aufgezeigt, dass in Rheinland Pfalz die im Durchschnitt ältesten Hausärzte bundesweit lebten. Momentan sei die Kreisregion sehr gut aufgestellt, auf 101 Versorgungsaufträge kommen 107 Hausärzte im Kreis, in der Verbandsgemeinde Bad Bergzabern stehen 14,5 Versorgungsaufträge 16 Hausärzten gegenüber. Doch die Situation wird so nicht bleiben. In den kommenden Jahren wird die Zahl der nachrückenden Ärzte kleiner und die Zahl der nicht wieder besetzten Arztsitze größer. Prozentual gesehen bedeutet dies bis ins Jahr 2024 einen Nachbesetzungsbedarf an Hausärzten von 64% in Landau und von 71% in Bad Bergzabern. Dies sei das Worst-Case-Szenario, so Dr. Moreno, jedoch langfristig gesehen, ein durchaus reales Zukunftsbild, wenn nicht frühzeitig reagiert werde. Auch die Versorgungsbereiche der Chirurgen und Orthopäden, Hautärzte, Kinderärzte, Psychotherapeuten und Urologen sollten dabei im Blick behalten werden.

Was also kann unternommen werden, um junge Ärztinnen und Ärzte in die ländlichen Regionen und damit auch in den Kreis Südliche Weinstraße und die Verbandsgemeinde Bad Bergzabern zu holen? „Die KV RLP hat erkannt, dass die Kommunen zur Umsetzung dieser Aufgabe Unterstützung benötigen. Bei der KV bietet die Beratungsstelle unter Arkadius Adamczyk kostenfreie Beratung eigens für Kommunen an“, erklärt Harald Allmendinger, Leiter des Ressort Beratung der Abteilung Sicherstellung der KV RLP. Die Beratungsstelle erstelle Versorgungsanalysen, unterstütze bei Informationsveranstaltungen und begleite genauso Imagekampagnen. Dabei setze man jedoch in erster Linie auf Hilfe zur Selbsthilfe. Die Mitarbeiter der Beratungsstelle verstehen sich als Brückenbauer zwischen den Beteiligten im Gesundheitswesen. Auf diese Weise solle die enge Zusammenarbeit zwischen den kommunalen Entscheidungsträgern und den ortsansässigen Ärzten gefördert und bei der Entwicklung von Ideen unterstützt werden.

Zu klären bleibt, was eine Region für Ärzte besonders attraktiv macht und was die Kommune zu einer Ansiedlungsförderung von Ärzten beitragen kann. Ganz oben auf der Attraktivitätsliste steht die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Freizeit, gefolgt von geregelten Arbeitszeiten, Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Kollegen und die Erreichbarkeit einer nächstgelegenen Großstadt. Ein weiterer gewichtiger Faktor ist der Arbeitsplatz für den Ehepartner sowie eine gute kommunale Infrastruktur, was Schulen und Betreuungsangebote für Kinder angeht.

An diesem Punkt kann die Kommune ansetzen. Die Zusammenarbeit mit den örtlichen Unternehmen sei ein Muss, so Allmendinger. Die Vermittlung von Wohn- und Praxisräumen kann sich die Kommune zur Aufgabe machen. Eine Möglichkeit sind auch finanzielle Förderungen für die Gründung einer Praxis beispielsweise oder sonstige Subventionen. Bei diesem Punkt wandte Alexander Schweitzer (Mitglied des Landtages Rheinland Pfalz) jedoch ein, dass solche Ansiedlungsanreize nicht in den Vordergrund gestellt werden sollten. „Ärzte dürfen keinesfalls als käuflich dargestellt werden“, erläuterte er seinen Einwand. Eine kommunalpolitische Herangehensweise sehe er in etwa darin, auf Medizinmessen und ähnlichen Veranstaltungen für die Region zu werben.

Auch die KV sieht gezielte PR-Maßnahmen, die Interaktion mit den Medien sowie die Kommunikation auf sozialen Netzwerken als weitere sinnvolle Maßnahmen an. „Ich möchte sehr gerne werben, es gibt hier bei uns viel Attraktives, es fehlt aber an einer zentralen Stelle zur Koordination dieser Maßnahmen und Aufgaben“, sagt Bürgermeister Bohrer.

Generell sind sich die Vertreter von Politik und Gesundheitswesen einig, dass die medizinischen Nachwuchskräfte bereits früh auf die regionale Attraktivität in der Südpfalz aufmerksam gemacht werden müssten. Auch Weiterbildungsassistenten müssten durch gezielte und für sie interessante Angebote zum Bleiben animiert werden.

Für die weitere Vorgehensweise rät Dr. Moreno: Bürgermeister Hermann Bohrer und Stadtbürgermeister Hermann Augspurger sollten sich mit den ortsansässigen Ärzten gemeinsam an einen Tisch setzen, sich austauschen und im Folgeschritt die Beratung der KV in Anspruch nehmen.

Die Verbandsgemeinde Bad Bergzabern müsse auf sich aufmerksam machen, so Dr. Moreno abschließend. Und Harald Allmendinger ergänzt: „Zumal das hier eine der schönsten Regionen Deutschlands ist, wenn nicht sogar die schönste.“