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Wochenzeitung für die Gemeinde Eschenburg
Ausgabe 46/2020
Goure
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Denken ist Daueraufgabe

Den Volkstrauertag 2020 wollten wir diesmal in Wissenbach begehen. Die Gedenkveranstaltung wechselt jährlich, in allen anderen Ortsteilen legen wir Kränze nieder. „Verweile und gedenke“ steht in Wissenbach an unserem Denkmal. Mit dem neuen Pfarrer hätten wir gewiss gut über das Jubiläum 75 Jahre Kriegsende nachdenken können. Vom Gesangverein hatte ich mir schon Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ gewünscht, das in der Vertonung von Othmar Kist das Herz ergreift. Und das Lied „Der gute Kamerad“ hätte der Posaunenchor genauso mitfühlend intoniert, wie es ja auch eigentlich 1809 geschrieben worden war. Und 30 Jahre Deutsche Einheit wäre auch ein guter Grund gewesen, mal wieder „Nun danket alle Gott“ zu singen. Und in Wissenbach gibt es vier Kriegsgräber auf dem Friedhof, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Denn Erinnern für die Zukunft, das ist das Thema vom Volkstrauertag. Corona machte alles ganz anders. Eine Gedenkveranstaltung wäre nicht verboten, aber es ist nun nicht gestattet; es ist nicht klug, unnötige Risiken einzugehen. Das lernen wir von der „Spanischen Grippe“, die in den Jahren 1918 und 1919 doppelt so viele Menschen tötete wie zuvor der erste Weltkrieg. In der Stadt Philadelphia musste trotz Warnungen am 28. September 1918 eine große Parade abgehalten und das Kriegsende gefeiert werden, wobei sich 200.000 Schaulustige am Straßenrand drängen. Drei Tage später sind alle Krankenhäuser überfüllt, binnen einer Woche etwa 45.000 Bürger infiziert, nach sechs Wochen sind dort mehr als 12.000 Menschen tot - mehr als in jeder anderen amerikanischen Stadt. In St. Louis hingegen reagierten die Behörden frühzeitig, warnen vor dem ersten registrierten Fall vor der Gefahr durch Menschenmengen, sagen ihre Parade ab, schließen rasch Schulen, Kinos, Billardsalons, Bibliotheken und Kirchen, verbieten Versammlungen. Die Infektionen verteilen sich über einen längeren Zeitraum, die Krankenhäuser können die Patienten verarzten. Die maximale Sterberate ist achtmal niedriger als in Philadelphia, letztlich sterben in St. Louis 700 Menschen an der so genannten „Spanischen Grippe“, die höchstwahrscheinlich aus Amerika stammte. Paraden und Gedenkveranstaltungen abzusagen aus Gründen der Sicherheit und Sorge füreinander soll uns nicht abhalten, miteinander auch in Zukunft die Erinnerung wachzuhalten, als Volk zu trauern und dafür uns einzusetzen, dass die Welt um uns herum friedlicher wird und friedlich bleibt. Ein Denkmal ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern ein Mahnmal für die Zukunft: Immer mal wieder denken bleibt unsere Daueraufgabe, meint

Ihr Bürgermeister
Götz Konrad