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Geisaer Zeitung
Ausgabe 10/2026
Kirchennachrichten
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Karfreitag aus den Augen der Stadtpfarrkirche

Gangolfikapelle Geisa

Sarg Jesus Geisa

Kath. Kirche Geisa von Innen

Ich bin alt, älter als viele der Häuser, die sich in der Stadt aneinanderschmiegen, und seit Jahrhunderten wache ich über die Straßen von Geisa – still, standhaft und mit weitem Blick über das Leben der Menschen. Doch an Karfreitag ist alles anders, selbst für mich. Schon seit dem Abend des Gründonnerstags herrscht eine ungewohnte Stille in meinem Turm, denn meine Glocken, die sonst den Rhythmus des Tages bestimmen, sind verstummt. Der Legende nach sind sie nach Rom geflogen – und so bleibe ich zurück, ungewohnt leise. Doch ganz still wird es nie in den Straßen unserer Stadt. Noch vor Sonnenaufgang, wenn die letzten Nebelschwaden über die Dächer ziehen, höre ich sie zum ersten Mal: das Klappern der Messdiener. Meine 33 Ministranten und Ministrantinnen sind schon früh auf den Beinen. Besonders für die ganz Jungen unter ihnen, ist es der Beginn einer aufregenden Zeit. Vor sechs Uhr ziehen sie alle in kleinen Gruppen durch die Gassen, ihre hölzernen Klappern ersetzen das, was ich nicht mehr geben kann. Ihr Klang ist rauer, einfacher – und doch erfüllt er die Stadt mit einer besonderen Würde. Später sehe ich sie hinauffahren zum Rasdorfer Berg, auf dem sich Menschen aus den Orten der Umgebung versammeln, um gegen sieben Uhr gemeinsam entlang des „Weges der Hoffnung“ den Kreuzweg zu beten. Viele sehen sich jedes Jahr wieder, andere hingegen sind das erste Mal zum gemeinsamen Kreuzweg gekommen. Eine neue Ostertradition kann beginnen. Die metallenen Kunstwerke nehmen die Gläubigen mit auf den letzten schweren Weg Jesu Christi. Die Texte zu den einzelnen Stationen werden dazu von verschiedenen Personen spontan vorgetragen und beinhalten auch eine kurze Betrachtung der entsprechenden Figur des Künstlers Dr. Ulrich Barnickel. Das „Vater unser“ und einen letzten Blick in die Rhön, schließen diesen frühen Morgen ab. Zurück in der Stadt kehrt danach Leben ein, als sich die Messdiener im AKH versammeln und sie ein schlichtes, aber herzliches Frühstück erwartet: traditionell kein Fleisch, keine Wurst, dafür warmes Rührei und knuspriger Toast, begleitet von Gemeinschaft und Gesprächen. Danach kommen Sie noch zum Üben ihres Dienstes für die Karfreitagsliturgie zu mir, um die letzten Veränderungen des Tages zu besprechen. Währenddessen bereiten junge Männer aus der Pfarrgemeinde einen Holzsarg vor und betten die geschnitzte Figur Jesu mit großer Sorgfalt hinein, ohne Eile, ohne Prunk, nur in Stille. Der festlich geschmückte Sarg wartet nun in meinem Altarraum bis zur Karfreitagsliturgie. Diese alljährliche Tradition begleitet Geisa schon seit Jahrzehnten. Der Tag schreitet voran, und um zwölf Uhr erklingt erneut das Klappern in den Straßen – ein weiterer Ruf, ein weiteres Zeichen dieses besonderen Tages. Als die Stunde drei schlägt, strömen die Menschen zu mir, füllen mein Inneres mit stillem Atem und gesenkten Blicken. Ich bin schlicht geschmückt, fast karg, ohne Glanz und ohne Schmuck, ganz auf das Wesentliche reduziert, während die Karfreitagsliturgie beginnt. Nach ihrem Ende öffne ich meine Türen weit, und fünf Männer begleiten den Sarg mit der Jesusfigur auf ihren Schultern. Langsam setzt sich die Prozession in Bewegung. Unser Pfarrer geht mit der Gemeinde, begleitet von den Klängen der Stadtkapelle, die Trauer und Hoffnung zugleich in ihre Melodien legt. Ich sehe ihnen nach, wie sie durch die Straßen zur Gangolfikapelle ziehen, wo zum Abschluss die fünf Wunden Christi gebetet werden. Doch selbst dann ist der Tag noch nicht vorbei, denn ein letztes Mal machen sich die Messdiener auf den Weg und erfüllen um 18 Uhr mit ihren Klappern erneut die Straßen – ein letztes Echo dieses Tages, bevor die große Stille der Nacht beginnt. Ich warte geduldig, denn ich weiß: Spätestens in der Osternacht werden meine Glocken zurückkehren, und dann werde ich wieder klingen – hell, festlich und voller Leben. Doch heute, an Karfreitag, trage ich die Stille und bewahre in ihr alles, was diesen Tag ausmacht: Trauer, Gemeinschaft, Erinnerung und die leise Hoffnung auf das, was kommt – die Auferstehung Jesu und damit das wahre Ostern.

Beitrag von Barbara Hausdörfer, PGR Geisa