Cornelia Stieler und Pater Edmund Yainao SJ berichteten über das Leben des Rhöner Missionars
Viele Interessierte kamen in den Borscher Hof
Wilhelm Ritz mit Cornelia Stieler
Borsch/Schleid. Beim 400. Schneefest in Schleid stand nicht nur das gemeinsame Feiern im Mittelpunkt. Im Dorfgemeinschaftshaus in Borsch wurde zugleich an einen außergewöhnlichen Sohn der Region erinnert: den Jesuitenpater Eugen Büchel, der in South Dakota wirkte und sich in besonderer Weise für die Lakota engagierte.
Cornelia Stieler, Urgroßnichte Büchels, und Pater Edmund Yainao SJ, sein heutiger Nachfolger in der Missionsstation St. Francis, berichteten über das Leben des Rhöner Missionars, seine Arbeit und die Spuren, die er bis heute hinterlassen hat. Unter den Zuhörern waren zahlreiche Angehörige der Familie Büchel.
„Wir waren 38 Cousinen und Cousins, die insgesamt 87 Kinder geboren haben, viele Enkel und Urenkel kamen dazu“, erzählte Stieler. Dass nun ein Jesuit aus der Rhön einst in die Welt gegangen und ein anderer aus der Missionsstation St. Francis in die Rhön zurückgekehrt sei, empfand sie als besonderen Moment: „Somit schließt sich der Kreis.“
Eugen Büchel wurde 1874 in Schleid als eines von zehn Geschwistern geboren. Schon früh musste er schwere Schicksalsschläge verkraften. Mehrere Geschwister starben im Kindesalter, und als Eugen acht Jahre alt war, verlor er beide Eltern.
Nach dem Besuch der Volksschule in Schleid wechselte er an das Bischöfliche Knabenkonvikt in Fulda. 1896/97 begann er sein Studium im Priesterseminar und trat anschließend in den Jesuitenorden ein. Da der Orden unter Bismarck in Deutschland zeitweise verboten war, setzte Büchel seine Ausbildung in den Niederlanden fort.
1900 ging er in die USA. Nach einem Philosophiestudium in Wisconsin führte ihn sein Weg nach South Dakota. Dort arbeitete er bis zu seinem Tod 1954 als Missionar. 1906 wurde er zum Priester geweiht.
Büchel war weit mehr als ein Seelsorger. „Pater Eugen Büchel war ein Universalgelehrter. Er war Missionar, Anthropologe, Linguist, Botaniker und Brückenbauer zwischen den Kulturen“, sagte seine Urgroßnichte.
Schon kurz nach seiner Ankunft in St. Francis begann Büchel, Pflanzen zu sammeln und sich bei den Einheimischen nach deren Heilwirkungen zu erkundigen. Rund 300 Pflanzenarten katalogisierte er und veröffentlichte seine Erkenntnisse in einem Buch.
Besonders bedeutend war seine Beschäftigung mit der Sprache der Lakota. Rund 30.000 Wörter sammelte Büchel, erarbeitete ein Wörterbuch und eine Grammatik. Seine sprachwissenschaftlichen Arbeiten werden bis heute genutzt und dienen als Grundlage für weitere Veröffentlichungen.
Auch das Leben und die Kultur der Lakota hielt Büchel in mehr als 2.000 Fotografien fest. Dabei durfte er sogar Zeremonien fotografieren, die Außenstehenden normalerweise verschlossen blieben. Das Vertrauen der Lakota war dafür entscheidend. Sie betrachteten Büchel als einen der ihren, adoptierten ihn und gaben ihm den Namen „Wanbli Sapa“ – „Schwarzer Adler“.
Die Lakota gehören zu den Sioux und sind die indigene Bevölkerung South Dakotas. Ihre traditionelle Lebensweise war eng mit der Bisonjagd verbunden. Mit der zunehmenden Besiedlung durch europäische Einwanderer verloren sie große Teile ihres Landes. Obwohl ihnen die Black Hills im Vertrag von Fort Laramie zugesichert worden waren, wurde diese Vereinbarung nach Goldfunden gebrochen.
Nach den kriegerischen Auseinandersetzungen wurden die Lakota und andere indigene Gruppen in Reservate umgesiedelt. Zu den dunkelsten Kapiteln dieser Zeit zählt das Massaker am Wounded Knee im Jahr 1890, bei dem amerikanische Soldaten rund 300 Frauen, Kinder und ältere Menschen töteten.
Wie engagiert Büchel seine Aufgabe wahrnahm, zeigen historische Fotos. Sie zeigen ihn beim Beladen seines Autos für Hausbesuche. In den ersten Jahren seiner Tätigkeit war er noch mit Pferd und Wagen unterwegs. Bei seinen Besuchen brachte er den Menschen auch Lebensmittel und andere dringend benötigte Dinge.
Büchel begegnete den Lakota mit Respekt und auf Augenhöhe. Er war überzeugt, dass sie dieselben Chancen auf Bildung und Entwicklung erhalten müssten wie die weiße Bevölkerung. Auch religiöse Inhalte vermittelte er auf eine Weise, die die Kinder erreichte. Er verpackte sie in Geschichten, an die sich ehemalige Schüler laut Stieler noch im hohen Alter erinnerten.
Die Lebensbedingungen vieler Lakota sind bis heute schwierig. Stieler berichtete von hoher Arbeitslosigkeit, Armut, fehlender Krankenversicherung und beengten Wohnverhältnissen. Auch die medizinische Versorgung ist vielerorts unzureichend. Kliniken liegen teilweise weit entfernt, zudem fehlen Ärzte und Therapieplätze. Die Lebenserwartung liegt deutlich unter dem US-amerikanischen Durchschnitt.
Auch heute engagieren sich Jesuiten in den Missionsstationen für die Lakota. Zu den großen Herausforderungen zählen unter anderem Armut und Alkoholismus. Die Missionare setzen deshalb auf Bildung, den Erhalt der Sprache und Kultur, Spiritualität sowie die Stärkung von Familie und Gemeinschaft.
Sie betreiben Schulen, kümmern sich um Schulbusse und übernehmen zahlreiche praktische Aufgaben. „Sie machen alles selber und krempeln die Ärmel hoch“, berichtete Stieler.
Dabei versuchen die Jesuiten, den katholischen Glauben nicht über die Lakota-Kultur zu stellen, sondern beides miteinander zu verbinden. In den Kirchen finden sich deshalb beispielsweise Tipi-Elemente, und auf Darstellungen des Kreuzwegs werden Lakota gezeigt.
Pater Edmund Yainao SJ führt diese Arbeit heute fort. Der aus Indien stammende Jesuit arbeitet seit zehn Jahren mit den Lakota und leitet seit drei Jahren die Missionsstation. Auch sein Alltag erinnert in mancher Hinsicht an Büchels Arbeit. Vor Hausbesuchen oder Gottesdiensten belädt er seinen Pickup mit dem benötigten Material. Bei Beerdigungen gehören sogar Hacke und Schaufel dazu, weil die Gräber unmittelbar vor der Trauerfeier ausgehoben werden.
Für Yainao bleibt Büchel ein Vorbild. „Pater Büchel war ein Geschenk Gottes für die Menschen im Lakotaland“, sagte er. Besonders wichtig sei dessen Einsatz für die Lakota-Sprache. Lange Zeit war es den Lakota staatlicherseits verboten, ihre Sprache zu sprechen. Büchel dokumentierte sie und machte sie mit seinem Wörterbuch für kommende Generationen zugänglich.
Yainao selbst möchte die Sprache fließend beherrschen und Gebete sowie Kirchenlieder ins Lakota übersetzen. Büchels Lebenswerk verstehe er als Botschaft an alle Menschen: „Wir müssen alle Kulturen respektieren, denn wir sind alle gleich.“
Dass Eugen Büchels Wirken auch in seiner Heimat nicht vergessen wird, zeigte der Vortrag in Borsch. Der Heimat- und Geschichtsverein Geisaer Amt hatte bereits vor einigen Jahren eine umfangreiche Ausstellung über Büchel und die Lakota im Geisaer Museum präsentiert.
Auch Wilhelm Ritz beschäftigte sich intensiv mit dem Missionar. Gemeinsam mit Manfred Dittmar war er an der damaligen Ausstellung beteiligt. Kürzlich veröffentlichte Ritz das Buch „Wanbli Sapa (Schwarzer Adler) – Der Indianerpater aus der Rhön“.
Ritz appellierte daran, das Andenken an Büchel stärker zu bewahren. Die frühere Sonderausstellung mit einer Fläche von rund 60 Quadratmetern sei nach ihrer Präsentation abgebaut worden. Auch ein eigens angeschafftes Präparat eines nordamerikanischen Schwarzbären sei inzwischen dem Verfall preisgegeben.
Mit seinem Buch möchte Ritz dazu beitragen, Büchels Geschichte lebendig zu halten. Der Vortrag in Borsch machte deutlich, dass der Name Eugen Büchel weit über seine Heimat Schleid hinaus Bedeutung besitzt. Sein Wirken verbindet die Rhön mit den Lakota in South Dakota – und zeigt, wie wichtig Respekt, kultureller Austausch und die Bewahrung von Sprache und Geschichte sein können.
Zum Abschluss dankte Cornelia Stieler allen Beteiligten, insbesondere Borschs Ortsteilbürgermeisterin Sabine Volkmar für die Bereitstellung des Dorfgemeinschaftshauses, den Borschern für die Bewirtung auf Spendenbasis und Ewald Göbel für die Naturführung.