v.l.n.r.: Bürgermeister Markus Röder, Max Reith und Stephan Storch (beide RWS Architekten BDA PartG mbH Photo: RWS Architekten BDA PartG mbH
Artikel „Vorbildliche Bauten“ • Originalseiten 133–139
| Adresse: | Zum Ringwall, 36145 Hofbieber |
| Architekt*innen: | Reith Wehner Storch Architekten BDA PartG mbB, Fulda |
| Bauherr: | Gemeinde Hofbieber, Bürgermeister Markus Röder |
| Fertigstellung: | 2026 |
Die neue Milseburghütte ist weit mehr als der Ersatzneubau einer Schutzhütte im Naturpark Hessische Rhön. Sie zeigt eindrucksvoll, welche Kraft qualitätsvolle Architektur auch im ländlichen Raum entfalten kann. Als Identifikationsort für die Menschen der Region, als beliebtes Ausflugsziel und als wichtiger wirtschaftlicher Baustein verbindet sie Heimat, Tourismus und regionale Wertschöpfung.
Die Milseburg gehört seit Generationen zu den bedeutendsten Ausflugszielen Hessens. Für Wandernde, Familien und Naturbegeisterte ist sie ein Ort der Begegnung und der Erinnerung. Mit dem Neubau ist es gelungen, diesen identitätsstiftenden Ort zu erhalten und zugleich zeitgemäß weiterzuentwickeln. Die Hütte an der Milseburg stärkt den
Tourismus als Ausflugsziel, sichert Arbeitsplätze in Gastronomie und liefernden bäuerlichen Betrieben und trägt damit unmittelbar zur wirtschaftlichen Entwicklung der Region bei.
Besonders beeindruckend ist die hohe Qualität der Umsetzung. Unter den anspruchsvollen Bedingungen eines sensiblen Naturschutzgebietes entstand ein Bauwerk, das technische Präzision, handwerkliche Sorgfalt und gestalterische Klarheit in bemerkenswerter Weise vereint. Die Ausführung überzeugt bis ins Detail und zeugt von einer engen Zusammenarbeit aller Beteiligten - von der Planung bis zur Realisierung.
Konstruktiv setzt die Milseburghütte Maßstäbe. Der Holz-Hybrid-Bau nutzt die Möglichkeiten des modernen Holzbaus auf höchstem Niveau. 57 vorgefertigte Holzelemente wurden mit Spezialfahrzeugen auf den Berg gebracht. Die Tragstruktur aus Brettsperrholzelementen entwickelt ihre Stabilität aus dem Zusammenwirken von Dach und Wandflächen. Dadurch konnte vollständig auf sichtbare Stützen oder Zugglieder verzichtet werden. Das Ergebnis sind ruhige, präzise proportionierte Innenräume, deren konstruktive Logik unmittelbar erlebbar wird und deren handwerkliche Qualität beeindruckt.
Dabei ordnet sich die Architektur mit großer Selbstverständlichkeit der Landschaft unter.
Naturstein aus dem Bestand, unbehandeltes Holz und die reduzierte Formensprache schaffen ein Gebäude, das sich respektvoll in seine außergewöhnliche Umgebung einfügt. Es sucht nicht den spektakulären Auftritt, sondern gewinnt seine Stärke aus Maß, Material und Präzision.
Die Jury würdigt mit dieser Anerkennung deshalb nicht nur ein herausragendes Bauwerk, sondern ein Projekt, das beispielhaft zeigt, wie Architektur kulturelle Identität bewahren, wirtschaftliche Entwicklung fördern und nachhaltiges Bauen miteinander verbinden kann.
Die neue Milseburghütte ist ein überzeugendes Vorbild für die Baukultur im ländlichen Raum und ein Gewinn – für die Region, ihre Menschen und ihre Gäste.
Der Berg Milseburg ist die markanteste Erhebung des Rhöngebirges mit über 835 Metern über Normalhöhennull und ein beliebtes Ausflugsziel. Seit 1894 stand nur wenige Meter unterhalb des Gipfels und der Wallfahrtskapelle St. Gangolf eine einfache Schutzhütte für Wanderer. 2019 musste diese aufgrund der schlechten Bausubstanz geschlossen und kurz darauf abgebrochen werden. Weil der sagenumwobene Berg mit seiner Hütte über Jahrzehnte ein beliebter Ort der Einkehr und Begegnung sowie für viele Menschen der Region ein Identifikationsort war, entschied sich die Gemeinde Hofbieber als neue Eigentümerin 2020 für einen Ersatzbau unter strengen naturschutzrechtlichen Auflagen.
Eine besondere Herausforderung stellte, neben der Baulogistik, die neue Erschließung der Hütte mit Wasser, Abwasser und Strom dar. Dafür wurde im Bohrspülverfahren eine 400 Meter lange, unterirdisch verlaufende Versorgungsleitung geführt, die das Naturschutzgebiet in einer Tiefe von bis zu zwölf Metern unterquert.
Eine neue, zeitgemäße Architektur vermittelt an diesem traditionsgeprägten Ort zwischen Erinnerung und Zukunft sowie Bewahrung und Erschließung.
Die neue Schutzhütte orientiert sich in Volumen und Fußabdruck am historischen Bestand und begegnet dem Naturraum inmitten des Natur- und Landschaftsschutzgebiets mit größtmöglicher Zurückhaltung. Gestalterisch knüpft der Neubau an die Einfachheit der archaischen Grundform „Haus“ an: zwei eng aneinandergerückte Spitzgiebelbauten beherbergen die Gaststube mit einer kleinen Küche für die Zubereitung einfacher Speisen
und die sogenannte Keltenstube – ein kleiner Ausstellungsraum zur Siedlungsgeschichte des Ortes, mit Keltenausgrabungsfunden und Geschichten zum Berg (Oral History).
Die neue Milseburghütte ist als innovativer Holzbau mit digitaler Vorfertigung realisiert und vor Ort (just-in-time) zusammengebaut worden. Ihre Tragstruktur nutzt konsequent die Flächentragwirkung der verwendeten Brettsperrholzelemente. Dach- und Wandflächen wirken als Faltwerk zusammen, sodass auf weitere Hilfskonstruktionen verzichtet werden
konnte. Durch präzise ausgebildete Anschlüsse zwischen den Bauteilen beziehungsweise neuartige Eckverbindungen entstanden leistungsfähige Rahmenwirkungen. Der Holzbau besticht durch die Schlichtheit seiner Gestalt und der Materialien. Die Wand- und Dachelemente der beiden Spitzgiebelbauten sind bereits bei der Vorfertigung mit einer naturbelassenen Lärchenholzschalung außen und mit Weißtanne im Inneren verkleidet worden. Witterungs- und Gebrauchsspuren bilden mit der Zeit eine natürliche Patina aus.
An den Giebelseiten öffnen große Panoramafenster den Ausblick auf die Landschaft.
Gastraum und Keltenstube ruhen beide auf einem Natursteinsockel aus dem örtlichen Phonolithgestein. Die Sockelwände schließen direkt an den natürlichen Felsen an, sodass kein Eingriff in das Gestein nötig war. Hierfür wurde das Abbruchmaterial des Vorgängerbaus wiederverwendet.
Textverfasser: Roland Krebs