Gruppenbild mit Feldhamstern (v. l.) Nils Stanik, Marius Reusch, Felix Döring, Michael Ruhl, Carsten Schneider und Julia Heinze.
Während Michael Ruhl (l.) den Hamster „Fendt“ noch etwas kritisch mustert, macht Carsten Schneider schon ganz begeistert Fotos von „Nemo“.
Neugierig schaut einer der Feldhamster in der Zuchtstation zu den Besuchern
Jörg Müller (r.) erläutert den Gästen die landwirtschaftlichen Maßnahmen
Die Feldhamster zaubern allen ein Lächeln ins Gesicht (v. l.): Julia Heinze, Martin Wenisch, Marius Reusch und Jörg Müller
Carsten Schneider besucht Erhaltungsstation auf dem Hof Niederfeld – Projekt gilt als wichtiger Baustein für den Schutz der bedrohten Art
Langgöns (ikr). Kameras klicken, Politiker stehen dicht gedrängt – und im Mittelpunkt sitzt ein Feldhamster. Als Julia Heinze, Leiterin der Erhaltungsstation für Feldhamster, Bundesumweltminister Carsten Schneider den Käfig mit „Nemo“ reicht, wird aus einem politischen Besuch auf dem Hof Niederfeld in Langgöns plötzlich eine Begegnung mit einem der seltensten Tiere Hessens.
Dass ein Ministerbesuch einmal ganz im Zeichen von Feldhamstern stehen würde, war auch für Langgöns kein alltäglicher Termin. Doch genau darum ging es auf dem Hof von Landwirt Jörg Müller: um den Schutz einer Tierart, die in Hessen und weit darüber hinaus beinahe verschwunden ist.
Eingeladen hatte den Minister der Gießener SPD-Bundestagsabgeordnete Felix Döring. Auch Staatssekretär Michael Ruhl aus dem Hessischen Landwirtschafts- und Umweltministerium, der Langgönser Bürgermeister Marius Reusch sowie Vertreter des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) waren gekommen. Empfangen wurden sie von Dr. Nils Stanik, Vorsitzender der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON), seinem Vorgänger Dr. Tobias Reiners, Stationsleiterin Julia Heinze und Landwirt Jörg Müller.
Die Erhaltungszuchtstation im ehemaligen Schweinestall der Familie Müller gilt als zentrales Artenschutzprojekt in Hessen. Projektträger ist die Arbeitsgruppe Feldhamsterschutz der HGON, das Land fördert die Anlage über sechs Jahre mit rund 720.000 Euro. Dr. Tobias Reiners stellte das Konzept vor: Hier werden Feldhamster gezielt verpaart, um die genetische Vielfalt zu stärken. Bereits 2021 zogen hier die ersten Tiere ein.
Südlich des Langgönser Ortskerns sowie im benachbarten Pohlheim-Holzheim leben zwei der größten Feldhamsterpopulationen Hessens – obwohl die streng geschützte Art bundesweit fast verschwunden ist. Dass es hier noch vergleichsweise viele Tiere gibt, ist auch der jahrzehntelangen Arbeit des Langgönser Naturschützers Martin Wenisch zu verdanken. Ein Problem bleibt jedoch: Die Tiere sind sehr standorttreu, und die Autobahn 45 trennt ihre Lebensräume. Dadurch droht Inzucht. Die Fachleute setzen deshalb auf „assistierte Migration“ – ein Zuchtprogramm, bei dem Tiere gezielt verpaart und ihre Nachkommen später ausgewildert werden. Mittlerweile werden auch Hamster aus der Wetterau und aus Südhessen einbezogen. „Unser ursprüngliches Ziel war es, die Populationen von Langgöns und Pohlheim genetisch zu verbinden“, erklärte Reiners. „Inzwischen haben wir die Zucht auf Tiere aus anderen Regionen ausgeweitet. Das erhöht die genetische Vielfalt und stärkt langfristig den Bestand.“
Neben der Zuchtstation spielt auch die Zusammenarbeit mit Landwirten eine wichtige Rolle. Jörg Müller erläuterte Maßnahmen wie sogenannte Feldhamsterstreifen – speziell angelegte Bereiche auf den Äckern. „Der Erfolg der Zuchtstation und der landwirtschaftlichen Maßnahmen ist inzwischen deutlich sichtbar“, sagte Müller. „Wir beobachten wieder mehr Rebhühner und Feldhasen auf den Flächen.“ Der Feldhamster selbst bleibt meist verborgen: Die Tiere sind nachtaktiv und verbringen den Großteil ihres Lebens unter der Erde.
Rund 800 Feldhamster leben derzeit im Raum Langgöns – ein außergewöhnlich guter Bestand. In der Station selbst befinden sich aktuell 147 Tiere, rund 100 davon sollen im Frühjahr hessenweit ausgewildert werden.
Der wohl ungewöhnlichste Teil des Besuchs folgte bei der Führung durch die Station: Die Gäste durften einige der Tiere sogar selbst halten – im Käfig. Minister Schneider bekam Hamster „Nemo“ überreicht, Felix Döring lernte „Paris“ kennen, Staatssekretär Ruhl machte Bekanntschaft mit „Fendt“ und Bürgermeister Reusch mit „Nina“. Die Politiker fütterten die Tiere vorsichtig mit Gemüse – allerdings warnte Reiners mit einem Schmunzeln: „Stecken Sie bitte keinen Finger hinein. Die sehen niedlich aus, sind aber sehr bissig.“ Die wohlgenährten Hamster ließen sich vom politischen Trubel erstaunlich wenig beeindrucken. Gelassen knabberten sie ihr Futter – und zauberten ihren Besuchern dabei immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Der Minister – sonst Objekt der Fotografen – drehte den Spieß sogar kurz um und fotografierte selbst „seinen“ Hamster.
Zum Abschluss überreichte Stanik dem Bundesumweltminister eine Urkunde: Schneider ist nun offizieller Hamsterpate. Der Minister zeigte sich beeindruckt vom Engagement vor Ort. „Hier sieht man, wie erfolgreicher Artenschutz funktioniert: Wissenschaft, Landwirtschaft, Ehrenamt und Politik arbeiten gemeinsam an einem Ziel“, sagte Schneider. „Das Projekt in Langgöns ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man bedrohte Arten konkret schützen kann.“ Auch Felix Döring lobte die Initiative: „Was hier entstanden ist, hat Modellcharakter.“ Ruhl sprach von „einem Highlight von bundesweiter Bedeutung“.