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Heimatblatt Langgöns
Ausgabe 19/2026
Heimatblatt
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40 Jahre nach Tschernobyl: Langgönser Hilfe wirkt bis heute

Eberhard Klein

Beim Gedenkgottesdienst 2011 (v. l.): Christel Dern, Eberhard Klein, Sigrid Blochwitz, Christel Rohm und Gerhard Keller.

In der Suppenküche, die der Arbeitskreis initiiert hat.

In der Nähstube, die der Arbeitskreis initiiert hat.

Gruppenbild mit Helfern in einer Packpause vor dem Container, in dem 2013 das Hilfsmaterial zwischengelagert wurde.

Beim Laden 2010.

Bei der Kleidersammlung 2015

Langgöns (ikr). Vier Jahrzehnte sind vergangen, seit der Reaktor in Tschernobyl explodierte und eine radioaktive Wolke über weite Teile Europas zog. Für viele ist die Katastrophe längst Geschichte, für andere bleibt sie bis heute schmerzhaft präsent. In Langgöns führte dieses Ereignis vor über 35 Jahren zur Gründung einer Initiative, die aus Mitgefühl konkrete Hilfe machte: der Arbeitskreis „Leben nach Tschernobyl“. Von 1990 bis zu seiner Auflösung im Jahr 2021 trug er Unterstützung dorthin, wo die Folgen des Super-GAUs besonders lange spürbar waren – nach Borispol nahe Kiew in der Ukraine, in Krankenhäuser, Familien, Kinderheime und soziale Einrichtungen. Seine Geschichte wirkt bis heute fort, in der Ukrainehilfe der Evangelischen Kirchengemeinde Lang-Göns.

Der Gedanke hinter der Initiative war ebenso einfach wie anspruchsvoll: nicht nur erinnern, sondern handeln; nicht nur mahnen, sondern helfen. Eberhard Klein, heute Pfarrer im Ruhestand, der die Arbeit über Jahrzehnte prägte, bringt es auf den Punkt: „Wir wollten nicht nur über Tschernobyl sprechen. Wir wollten etwas tun.“ Aus dieser Haltung entwickelte sich eine bemerkenswerte ehrenamtliche Struktur, getragen von Klein, Mitstreitern wie Reinhard Knauf, Gerhard Keller und vielen weiteren Engagierten. Über Jahre hinweg sammelte der Arbeitskreis Hilfsgüter, organisierte Transporte und pflegte enge Kontakte in die betroffene Region. Mehr als 450 Tonnen Hilfsgüter wurden in über 40 Konvois in die Ukraine gebracht. „Wer die Folgen sieht, darf nicht beim Kopfschütteln stehen bleiben“, sagt Klein. Das Leitmotiv der Arbeit brachte ein bekanntes Lied auf den Punkt: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“

Die Hilfe blieb nie abstrakt, sondern wurde vor Ort sichtbar und wirksam. Das Bezirkskrankenhaus in Borispol wurde mit Betten, medizinischen Geräten und Ausstattung versorgt, Teile des OP-Bereichs renoviert. Ein Altenheim wurde modernisiert, eine Kleiderkammer aufgebaut, eine Nähstube eingerichtet, die später eigenständig weiterarbeitete. In den Wintermonaten versorgte eine Suppenküche über Jahre hinweg täglich rund 120 Bedürftige mit warmen Mahlzeiten. Gleichzeitig kamen immer wieder Kinder aus der Ukraine zu Erholungsaufenthalten nach Langgöns. „Hilfe muss ankommen – genau dort, wo sie gebraucht wird“, beschreibt Klein den Anspruch.

Dabei ging es dem Arbeitskreis nie nur um kurzfristige Unterstützung. Ein zentrales Ziel war Hilfe zur Selbsthilfe – Menschen so zu stärken, dass sie ihre Lebenssituation langfristig verbessern können. „Es geht nicht nur um Kleidung oder Lebensmittel, sondern darum, Selbstvertrauen und Perspektiven zu geben“, sagt Klein. In diesem Sinne verstand sich die Arbeit auch als eine Form von „Volksdiplomatie“: als direkte, menschliche Verbindung über Grenzen hinweg, getragen von Vertrauen und Respekt.

Tschernobyl war für die Engagierten nie nur ein technisches Unglück, sondern ein tiefer Einschnitt in Lebensläufe, Familiengeschichten und ganze Regionen. Noch Jahrzehnte später sind die Folgen spürbar. Der Arbeitskreis verstand seine Tätigkeit deshalb auch als Gedenkarbeit – bewusst ohne Pathos, aber mit klarer Haltung. „Erinnern heißt für uns nicht erstarren, sondern Verantwortung übernehmen“, so Klein. Auch deswegen fanden jährlich am 26. April Gedenkgottesdienste statt.

Gerade im 40. Jahr nach der Katastrophe wird deutlich, dass Tschernobyl nicht vorbei ist, nur weil es aus den Schlagzeilen verschwunden ist.

Mit dieser Haltung verband der Arbeitskreis sein 31-jähriges Engagement auch mit Aufklärungsarbeit über die Gefahren der Atomenergie. Zahlreiche Vorträge – etwa mit Franz Alt, Horst Eberhard Richter, Holger Strom oder Wladimir Tschernousenko – sowie Lesungen und Konzerte mit Künstlern wie Gudrun Pausewang, Give me Five, FaberhaftGuth oder Hans Dieter Hüsch regten Diskussionen an und zeigten Wege aus der Gefahr auf. Auch Aktionen wie ein bundesweiter „Siemensboykott“ wurden mit angestoßen.

Der Abschied vom Arbeitskreis im Herbst 2021 fiel vielen schwer. Nach drei Jahrzehnten intensiver Arbeit waren es vor allem das Alter und nachlassende Kräfte, die diesen Schritt notwendig machten. Doch ein endgültiger Schlusspunkt war es nicht.

Denn mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 erhielt die Arbeit eine neue, bedrückende Aktualität. Der Kreis wurde von denselben Akteuren um Eberhard Klein wiederbelebt – nun als „Ukrainehilfe Langgöns“ unter dem Dach der Evangelischen Kirchengemeinde Lang-Göns. Seitdem organisiert die Gruppe erneut Hilfstransporte, sammelt Spenden und unterstützt Menschen mit Kleidung, Lebensmitteln und medizinischen Gütern. Die Zusammenarbeit mit Partnern in Borispol und inzwischen auch in Korosten besteht weiter.

So zeigt sich: Ein über Jahre gewachsenes Netz aus Vertrauen endet nicht mit der formalen Auflösung einer kirchengemeindlichen Initiative. Strukturen, Erfahrungen und vor allem die Haltung tragen weiter. „Diese Arbeit lebt davon, dass Menschen wissen: Es kommt an“, sagt Klein. Transparenz und direkte Kontakte haben der Initiative eine stille, aber verlässliche Glaubwürdigkeit gegeben.

So bleibt eine Geschichte, die gerade durch ihre Nüchternheit überzeugt. Sie beginnt mit der Erinnerung an Tschernobyl und führt bis in die Gegenwart – in konkrete Hilfe für Menschen, die heute unter Krieg und Unsicherheit leiden. Der Arbeitskreis „Leben nach Tschernobyl“ ist Geschichte, seine Haltung jedoch nicht. Oder, wie Eberhard Klein es formuliert: „Am Ende sind es die vielen kleinen Schritte, die wirklich etwas verändern.“