Heinz Ulm, wie ihn die Langgönser kannten und liebten
Hans-Ottmar Müller
Eine der Plakatwände der Ausstellung
Auch der hessische Finanzminister a. D. Karl Starzacher erinnert an Heinz Ulm
Klaus Ulm (4. v. l.) und Familienmitglieder (links daneben) betrachten die Ausstellungstafeln
Marius Reusch begrüßt die Besucher
Blick ins Publikum
Peter Jurenda
Die Teilnehmer der Gesprächsrunde auf dem Podium mit (v. l.) Uwe Müller, Klaus Ulm, Horst Röhrig und Han-Jürgen „Jimmy“ Naumann erinnern mit Geschichten und Anekdoten an Heinz Ulm
Langgöns (ikr). Eine Sofa-Sitzecke auf der Bühne, eine Ausstellung mit alten Fotos und Zeitungsartikeln an den Wänden, viel Gelächter im Saal - und immer wieder dieses Gefühl: Heinz Ulm, der frühere und 1998 verstorbene Bürgermeister von Langgöns, ist an diesem Abend irgendwie da. Als sich am Tag seines 100. Geburtstags im Bürgerhaus Lang-Göns zahlreiche Besucher auf Einladung der Gemeinde einfinden, steht ein Mensch im Mittelpunkt, der Spuren hinterlassen hat: Tatkraft, Nähe zu den Leuten und eine gehörige Portion Humor. Ulm war ein echtes Original, oder wie es Moderator Uwe Müller ausdrückte: „Es war schon immer was Besonderes mit ihm.“
Der heutige Bürgermeister Marius Reusch begrüßte neben der Familie Ulm zahlreiche Weggefährten und Vertreter aus Politik, Vereinen und Kirche - darunter die SPD-Fraktionsvorsitzende Anja Asmussen, Leiterin des Seniorenzentrums Heinz-Ulm-Haus und Initiatorin sowie Mitorganisatorin des Abends, sowie den ehemaligen hessischen Finanzminister Karl Starzacher. Reusch nannte Ulm eine „lokale historische Persönlichkeit mit nachhaltiger Wirkung“ und machte dies an drei Punkten fest: Ulm sei ein wesentlicher Wegbereiter der Großgemeinde gewesen, habe die Entwicklung des Ortsteils Lang-Göns maßgeblich geprägt und wirke dadurch bis heute nach. Die Zahlen belegen das: Rund 2000 Einwohner vor dem Krieg im Kernort, über 3000 danach, etwa 5800 im Jahr 1982 gegen Ende von Ulms Amtszeit - heute sind es rund 6500. „In meinem Arbeitsalltag ist Heinz Ulm bis heute spürbar, ich stolpere immer wieder über Dinge aus seiner Zeit“, sagte Reusch schmunzelnd - etwa über fehlende Bebauungspläne. Das passe zu Ulm. Überliefert seien Sätze wie: „Macht emol, fangt schon mal oan, das kriegen wir schon.“ Angesichts heutiger Bürokratie, so Reusch augenzwinkernd, könne man von dieser Haltung manchmal etwas gebrauchen.
Ulm sei nicht nur Bürgermeister, sondern auch leidenschaftlicher Vereinsmensch gewesen, Mitbegründer des TSV Lang-Göns und Motor des örtlichen Vereinslebens. Reusch dankte allen, die den Abend vorbereitet hatten - insbesondere Uwe Müller sowie Anja Asmussen, Luisa Pfuhl, Lukas Friedrich und ihren Teams.
Herzstück des Abends war eine von Uwe Müller sehr souverän moderierte Gesprächsrunde. Auf dem Sofa saßen Ulms ältester Sohn Klaus Ulm, Altbürgermeister Horst Röhrig und Hans-Jürgen „Jimmy“ Naumann vom TSV Lang-Göns. Sie zeichneten ein vielschichtiges Bild des Sozialdemokraten - und sorgten immer wieder für herzhaftes Lachen.
Heinz Ulm wurde am 5. Januar 1926 in Lang-Göns geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm er früh Verantwortung. Am 1. Oktober 1957 wurde er Bürgermeister der damals selbstständigen Gemeinde Lang-Göns. 1977 ernannte man ihn zunächst zum Staatsbeauftragten Bürgermeister der neuen Großgemeinde, ab Juni desselben Jahres war er gewählter Bürgermeister - bis zu seinem Ausscheiden 1983. Auch im Kreis engagierte er sich.
Uwe Müller beschrieb Ulm als „Langgönser Bub“, gesellig, dialektfest und bis ins Alter voller Schalk. Klaus Ulm steuerte sehr persönliche Erinnerungen bei - etwa die Geschichte vom „bedeutendsten Schnapsbrenner von Lang-Göns“, der ihm als Säugling in der Nachkriegszeit das Leben gerettet habe: Weil die Mutter ihn nicht stillen konnte und er keine Kuhmilch vertrug, organisierte der Vater Ziegenmilch im Tausch gegen Selbstgebrannten. „In meinem Kinderwagen lag oft Schnaps“, erzählte der Sohn. Ulm sei fast immer unterwegs gewesen, besonders gern für Fußball und Spielmannszug, Kettenraucher, war Liebhaber von Süßigkeiten - und Fan von Leberwurstbrot mit Zucker bestreut.
Peter Jurenda vom Heimatkreis Bärn würdigte Ulms Einsatz für die Vertriebenen: „Von Anfang an hat er ihre Belange bedacht - wir haben ihm viel zu verdanken.“
Jimmy Naumann verriet, dass Ulm Fan von Borussia Dortmund war und nicht nur dem Fußball in Lang-Göns nach dem Krieg neuen Schwung gab: „Alle Vereine konnten froh sein, ihn zu haben.“ Karl Starzacher nannte Ulm bodenständig, an den Interessen der einfachen Leute orientiert und entschlossen.
Dass Ulm trotz seinerzeit politischer Dominanz kein abgehobener Mensch war, zeigte Hans-Ottmar Müller (CDU). Man habe gestritten, aber auch gemeinsam ein Bier getrunken. Seine Anekdote vom „Plakatstreit“, bei dem CDU-Plakate im Kellerschacht landeten und Müller schließlich im Gegenzug SPD-Plakate klaute, bis Frieden herrschte, passte ins Bild.
Altbürgermeister Horst Röhrig nannte Ulm einen „Platzhirsch“, der sich kümmerte, die Ortsteilfeuerwehren als Einheit verstand und den „Dienstleistungsdonnerstag“ einführte, lange bevor es den Begriff gab. Gemeindebrandinspektor a. D. Klaus Kießling erinnerte daran, wie sehr Ulm die Feuerwehr unterstützte - und dass man nach Übungen oft gemeinsam beim „Gambrinus“ einkehrte, nach Nachteinsätzen auch mal morgens um halb sieben die Wirtin aus dem Bett scheuchte.
Zum Schluss fand Klaus Ulm auch ehrliche kritische Worte: „Mein Vater war kein Engel, er war ein Mensch mit Fehlern.“ Als er im Alter die Wahrheit nicht mehr ganz so genau genommen habe, habe der Sohn - derselben Partei angehörig, aber oft nicht der gleichen Meinung wie sein Vater - ihm als damaliger Parlamentspräsident öffentlich widersprochen: Danach herrschte drei Wochen Funkstille zwischen Vater und Sohn. Gerade diese Offenheit, Ulm von verschiedenen Seiten zu spiegeln, habe den Abend so stimmig gemacht, sagte sein Sohn dankbar: locker, menschlich und dem Vater gerecht.
Vielleicht, meinte Uwe Müller zum Abschluss, habe Heinz Ulm von oben zugeschaut - und herzhaft gelacht.
Eine interessante Ausstellung zu Leben und Wirken von Heinz Ulm mit zahlreichen Presseartikeln und Fotografien rundete den sehr gelungenen Abend ab. Sie ist während der regulären Öffnungszeiten bis Ende Februar im Rathaus zu sehen, anschließend bis voraussichtlich Mai im Heinz-Ulm-Haus.