Linda Hettler mit Tochter Rosa und Sohn Karl in ihrem Hof. Ihr Traum: In der ehemaligen Scheune möchte sie eines Tages ein kleines Hof- oder Eiscafé als Ort der Begegnung einrichten
Linda Hettler und ihre Tochter Rosa beim gemeinsamen Singen
Langgöns (ikr). Man könnte meinen, das alte Haus habe auf sie gewartet. Die historische Hofreite in der Lang-Gönser Obergasse, rund 300 Jahre alt, wirkt wie ein Ort, an dem Geschichten entstehen müssen. Hinter dem Tor liegen ein Haus, eine ehemalige Scheune, ein Garten und Hof, in dem Hühner, Wachteln, Kanarienvögel, Schildkröten und ein kleiner Hund zum Familienleben gehören: Es ist das Zuhause von Linda Hettler. Wer der 36-Jährigen begegnet, spürt schnell ihre warme, offene Art – und versteht, warum Menschen sich von ihrer Musik angesprochen fühlen: Sie ist ehrlich, leise und erstaunlich berührend.
Ihre Videos sind schlicht, ihre Musik, Gesang, den sie am Klavier begleitet, schnörkellos – und gerade deshalb wirken die Lieder so authentisch. Keine großen Effekte, keine Inszenierung, sondern Musik direkt aus dem Leben. Linda Hettler setzt auf etwas, das in den sozialen Medien fast schon selten geworden ist: Echtheit. Ihre selbst geschriebenen Lieder handeln von Hoffnung, Zweifeln, Familie, Freundschaft, Glauben und manchmal auch von McDonald's. Immer mehr Menschen hören auf YouTube und Instagram zu.
„Das Haus fördert Kreativität“, sagt Linda Hettler und lächelt. Vor einem Jahr zog sie mit ihrem Mann und den drei Kindern Rosa (12), Juli (10) und Karl (5) in die historische Hofreite. Während im vorderen Bereich zwei Wohnungen vermietet sind, lebt die Familie im hinteren Teil. In der ehemaligen Scheune erinnern noch Werkstücke der Vorbesitzerin daran, dass hier einst getöpfert wurde. Es ist ein Ort mit Geschichte – und einer, an dem neue Geschichten entstehen. Nicht als Roman. Sondern als Lieder.
Dass sie einmal ihre Musik öffentlich machen würde, hätte Linda Hettler selbst lange nicht geglaubt. Musik begleitet sie schon ihr ganzes Leben. Nach dem Abitur studierte sie zunächst einige Semester Kunst, Musik- und Medienwissenschaften in Marburg, bevor sie sich für eine Ausbildung zur Rettungsassistentin entschied und später in diesem Beruf arbeitete, während ihr Mann Medizin studierte. Aufgewachsen ist sie in einer Familie, in der viel klassische Musik gespielt wurde. „Ich habe mich dort oft nicht so richtig zugehörig gefühlt“, erzählt sie. „Ich habe nie gern nach Noten gespielt, sondern lieber nach Gehör.“ Gerade das machte sie unsicher. Obwohl sie schon als Kind Texte und Melodien erfand, zeigte sie ihre Lieder kaum. Zunächst hörten nur Familie und Freunde ihre Musik. Bis heute erinnert sie sich an den Moment, als eine Freundin nach einem Lied weinte. „Ich fragte sie: Warum weinst du denn? Und sie sagte: Weil mich das Stück so berührt.“
Trotzdem dachte Linda Hettler lange: „Meine Lieder braucht doch kein Mensch. Es gibt doch schon so viele.“ Heute sieht sie das anders.
Ein Wendepunkt entstand in einer schwierigen Lebensphase. Rund um das Jahr 2019 geriet Linda Hettler an ihre Belastungsgrenze. Sie verausgabte sich, durchlebte längere Zeit eine Depression – und begann gerade in dieser Zeit besonders intensiv zu schreiben. Sie spricht darüber ganz offen. Nicht, weil sie Aufmerksamkeit sucht, sondern weil sie anderen Mut machen möchte.
„Meine Lieder entstehen aus der jeweiligen Situation“, sagt sie. „Das Unperfekte daran kommt gut an. Lustigerweise war genau das früher der Grund, warum ich mich nie getraut habe vorzuspielen.“ Ihre Musik wirkt nicht auf Perfektion getrimmt. Die Melodien sind schlicht, eingängig und bleiben im Ohr. Ihr geht es nicht um möglichst viele Klicks. „Ich möchte mich davon nicht abhängig machen und mich auch nicht vergleichen“, sagt sie. „Vieles Gute wächst langsam. Mir ist wichtig, dass ich mir selbst treu bleibe und dass alles echt bleibt.“ Ihre Botschaft sei letztlich immer dieselbe: Hoffnung.
„In einer Depression ist das Schlimmste, dass man die Hoffnung verliert“, sagt sie. „Ich möchte Menschen sagen, dass es wieder aufwärtsgehen kann.“ Und sie rät dazu, offen über Depressionen zu sprechen und sie nicht zu verstecken: „Dann erfährt man auch, wie viele Menschen, gerade auch in meinem Alter, darunter leiden.“
Der christliche Glaube gibt ihr Halt. In der Bibel habe sie Trost gefunden. Sie glaube, dass Gott Menschen auch durch schwierige Zeiten begleite. „Das Schwere gehört in jedem Leben dazu. Ich schreibe Lieder, die der Seele und dem Herzen guttun.“
Wie sehr ihre Musik Menschen erreicht, zeigen persönliche Rückmeldungen. Eine Freundin mit starken Selbstzweifeln hörte ihr Lied „Identität“ immer wieder. Solche Geschichten bedeuten Linda Hettler mehr als jede Statistik.
Besonders berührend sind die Videos, in denen Tochter Rosa mitsingt. „Wir haben von klein auf zusammen gesungen“, erzählt Linda Hettler. Rosa singt außerdem in einem Kinderchor und sei ein echter Bühnenmensch. Sie war es auch, die ihre Mutter ermutigte, die Lieder ins Internet zu stellen.
Gemeinsam mit Rosa entstand zuletzt auch das „Sommerlied“, das derzeit bei ihren Fans besonders gut ankommt. Geschrieben hat Linda Hettler es während der Hitzewelle im Juni – im kühlen Keller des Hauses. Darin geht es ums Innehalten, darum, die Seele am See baumeln zu lassen und den Menschen, die einem wichtig sind, wieder öfter zu sagen: „Ich liebe dich.“
Daneben gibt es die ganz andere Seite der Songschreiberin. Etwa die augenzwinkernde „Ode an McDonald's“, die nach einer Familienreise spontan entstand – ein humorvolles Lied über Pommes, Kuscheltiere und das unverzichtbare Klo nach einer langen Autofahrt.
Ihre 92-jährige Oma Herta habe sie besonders geprägt, verrät sie – sie beide seien sich sehr ähnlich. Von ihr habe sie gelernt, auf die Seele zu achten. Bis heute schreibt sie – wie ihre Großmutter – jeden Abend einige Zeilen über ihren Tag auf.
Bevor sie begann, ihre Musik im Internet zu veröffentlichen, hatte Linda Hettler eigentlich einen anderen Traum. Sie wollte aus der alten Scheune ein kleines Café oder Eiscafé machen – einen Ort der Begegnung. Noch fehlt dafür die Zeit. Doch aufgegeben hat sie die Idee nicht. „So etwas fehlt hier im Ort“, hätten ihr schon viele Menschen gesagt.
Am Ende des Gesprächs begleitet Linda Hettler ihren Besuch wieder hinaus auf die Obergasse. Hinter dem Tor bleibt eine Welt zurück, in der Musik nicht beeindrucken, sondern verbinden will. Vielleicht erklärt genau das, warum ihre Lieder immer mehr Menschen erreichen: nicht, weil sie laut sind, sondern weil sie den Mut haben, leise zu sein.
Im Internet: www.youtube.com/@Lisabethsgoldmomente