Heberegister vor der Restaurierung
Heberegister nach der Restaurierung
Gut 37 mal 23 Zentimeter misst historische Akte, die jüngst frisch restauriert ihren Weg ins Langgönser Gemeindearchiv zurückgefunden hat. Im Rahmen der Erschließungsarbeiten an den Unterlagen der ehemals selbständigen Gemeinde Lang-Göns war der Band im vergangenen Jahr von Gemeindearchivarin Söhngen-Haffer als dringend restaurierungsbedürftig eingestuft worden. Ein alter Wasser- und Schimmelschaden hatte das Archivale in Mitleidenschaft gezogen, Einband, Titelblatt und Bindung waren durch unsachgemäße Lagerung in den vergangenen gut zwei Jahrhunderten stark beschädigt und das Papier instabil geworden. Risse und Fehlstellen hatten sich gebildet und bereits zu Informationsverlusten geführt.
Die Restaurierung von Juni bis September 2025 hat den weiteren Zerfall nun gestoppt. Der Foliant wurde trocken gereinigt, Fehlstellen und Risse geschlossen, Blätter geglättet und ein neuer schützender Einband gefertigt, so dass das Stück der Nutzung im Langgönser Gemeindearchiv nun wieder zur Verfügung steht.
Viel Interessantes ist dem gewichtigen Heberegister – einem Verzeichnis der in der Gemeinde Lang-Göns zu erhebenden Steuern und Abgaben – und den darüber hinaus enthaltenen Rechnungsbelegen zu entnehmen. Es diente ursprünglich der Verwaltung der Einkünfte und der Dokumentation von Rechten und Pflichten und ist heute eine wichtige Quelle der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Ortes. So finden sich beispielsweise Angaben zur Erhebung von Freigeld, Pfluggeld und Frongeld, Feld- und Waldrügen und zur Erhebung des sogenannten „Holß- und Doktorgeldes“. Der Begriff des „Doktorgeldes“ hat hierbei nichts mit der ärztlichen Versorgung der Lang-Gönser Einwohnerschaft zu tun, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Vielmehr bezieht er sich im Zusammenhang mit der Forstwirtschaft auf die Kosten für Wiederaufforstung und Waldpflege und dokumentiert somit die Bemühungen um Erhalt der natürlichen Ressourcen.
Darüber hinaus findet sich in besagtem Register- und Rechnungsbelegband auch ein „Verzeichnis gethaner Kriegsfahrten im Jahr 1809“, das im Kontext des Fünften Koalitionskrieges zwischen Österreich und Frankreich zu sehen ist. Johannes Weber aus Lang-Göns erhielt neben Konrad Hartmann, Wilhelm Bopf und anderen eine Entschädigung dafür, dass er „in Gießen mit 3 Pferden angespannt und nach Frie[d]berg gefahren“ war. Quittiert wurde die Auszahlung durch „Schultheiß Wentzel“ am 24. Januar 1810, so dass der aufmerksame Leser nebenbei auch den Namen des damaligen Lang-Gönser Bürgermeisters Jost Wentzel erfährt, der dieses Amt wohl schon ab 1795 bis mindestens 1818/19 inne hatte. Ein paar Seiten weiterblätternd kann man in das Alltagsleben der Einwohner mit seinen Widrigkeiten eintauchen, wenn man erfährt, dass „im Juni 1809 unter den Schwein“ eine Krankheit ausgebrochen war, weswegen Johannes Nern für „zu brauchende Arznei“ sieben Gulden und 21 Kreuzer erhielt. Aber auch die schönen Seiten des Alltags sind herauszulesen, wurden doch laut Beleg Numero 220 des Aktenbandes „im Jahr Christi 1809 […] in der hiesigen Gemeinde überhaupt Acht und Dreißig Kinder gebohren“, was wiederum einen Einblick in die Bevölkerungsgeschichte des Dorfes gibt.
Kurzum: eine wichtige und nunmehr für die Zukunft gesicherte Quelle der Ortsgeschichte harrt ihrer Auswertung durch interessierte Nutzerinnen und Nutzer und kann nach Terminvereinbarung im Gemeindearchiv eingesehen werden.
Dipl.-Archivarin Marei Söhngen-Haffer M.A., September 2025