Dr. Edgar Göll bekommt die Jubiläumsmedaille „ICAP65“ vom kubanischen Präsidenten Miguel Díaz-Canel überreicht.
Edgar Göll redet bei einer Veranstaltung.
Bei der Übergabe von Sachspenden an eine Geburtsklinik auf Kuba im Dezember 2025.
Pflanzaktion im Botanischen Garten. Er wurde mit Unterstützung des Netzwerks Cuba angelegt.
Langgöns (ikr). Havanna, Kuba, 28 °C, sommerliche Hitze. Musik erfüllt die Luft, Stimmen aus vielen Sprachen mischen sich. Vertreter von Solidaritätsorganisationen aus 35 Nationen sind an diesem Tag zusammengekommen. Als Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel nach vorn bittet, ist die Spannung spürbar. Dann fällt der Name Dr. Edgar Göll. Der gebürtige Oberkleener tritt vor, sichtbar überrascht – kurz darauf erhält er vom Präsidenten die Jubiläumsmedaille „ICAP65“, eine Anerkennung für sein langjähriges internationales Engagement und die vielen Aktivitäten der Gruppen in Deutschland.
„Es gab vorher Gerüchte, aber letztlich war es doch eine große Überraschung“, sagt der 68-Jährige. Während der Verleihung vor wenigen Wochen am 30. Dezember seien ihm viele Erlebnisse aus mehr als 30 Jahren durch den Kopf gegangen – Begegnungen, Projekte, Reisen. Die Freude über die persönliche Auszeichnung war groß, zugleich sieht Göll darin vor allem die Würdigung der Arbeit des Netzwerk Cuba e. V., dessen Vorsitzender er ist.
Das Netzwerk Cuba – Informationsbüro – e. V. wurde 1993 gegründet und ist ein Dachverband von rund 40 Solidaritätsgruppen, Initiativen und Einzelpersonen in Deutschland. Der Verein koordiniert ehrenamtlich Informations-, Austausch- und Unterstützungsprojekte mit Kuba und bündelt die Aktivitäten seiner Mitglieder.
Geboren und aufgewachsen in Oberkleen, kehrte Göll vor gut zweieinhalb Jahren aus familiären Gründen zurück. Nach einer Ausbildung bei E. Leitz in Wetzlar und einem Studium der Sozialwissenschaften promovierte er und arbeitet bis heute als Zukunftsforscher mit Schwerpunkt nachhaltige Entwicklung. Mehr als drei Jahrzehnte lebte er in Berlin, zuvor führten ihn weitere Stationen unter anderem in die USA, nach Kairo und Madagaskar.
Seit den frühen 1990er-Jahren begleitet ihn zudem ein ehrenamtliches Engagement für Kuba. „Mich hat dieses Land und die Art, wie Menschen dort mit knappen Ressourcen umgehen, früh beeindruckt“, sagt Göll. Seit 1993 hat er die Insel zwölfmal besucht.
Im Mittelpunkt der Netzwerkarbeit stehen konkrete Hilfe und Begegnung. So unterstützte eine Mitgliedsgruppe unter anderem den Aufbau eines botanischen Gartens: Junge Menschen verbrachten bis zu sechs Monate in Kuba, bekamen Spanisch- und Botanikunterricht und besuchten Schulen, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen. „Insgesamt haben zwölf Gruppen dieses Austauschprogramm wahrgenommen“, berichtet Göll. Hinzu kommen Sachspenden wie Fahrräder oder Traktoren sowie zahlreiche Informationsveranstaltungen in Deutschland.
Als Wissenschaftler legt Göll Wert auf sachliche Analyse und Einordnung. In seiner Netzwerkarbeit spricht er auch mit Parteien sowie Abgeordneten und Diplomaten. Bei seinem vierwöchigen Aufenthalt Ende vergangenen Jahres begleitete er zwei Delegationen – hessische Landespolitikerinnen und -politiker, darunter auch die MdB der Linken aus Gießen, Desiree Becker – sowie eine weitere Reisegruppe.
Seit Jahren beschäftigt Göll ein zentrales Thema: die seit 1961 wirkende US-Sanktionspolitik gegen Kuba. Besonders unter Präsident Donald Trump wurden zusätzliche Maßnahmen erlassen, die Handel, Finanztransaktionen und Energieversorgung erschwerten. Internationale Experten weisen darauf hin, dass die Sanktionen den Alltag der Bevölkerung deutlich beeinflussen – von der Versorgung mit Energie bis hin zu medizinischen Geräten und Ersatzteilen für Krankenhäuser. Die Wirtschaft sinke dadurch auf ein Drittel. Göll betont, dass diese Politik regelmäßig international verurteilt wird, etwa bei den UN-Generalversammlungen: Die UN-Generalversammlung stimme seit 1992 jedes Jahr über eine Resolution ab, die ein Ende des US-Embargos gegen Kuba fordert, und die USA stimmten dagegen – häufig gemeinsam mit Israel. „Dass die US-Regierungen dieses Votum ignorieren, ist sehr bedauerlich und ein Verbrechen“, sagt Göll. „Die zerstörerischen Auswirkungen in Kuba sind spürbar, und es ist wichtig, darüber sachlich zu informieren“, unterstreicht er.
Vor vier Jahren startete das Netzwerk deshalb eine EU-weite Informationskampagne „Unblock Cuba“, insbesondere rund um die UN-Abstimmung im November, mit vielfältigen Aktivitäten.
Die Medaille aus Havanna versteht Göll als Ansporn, weiterzumachen. „Natürlich habe ich mich persönlich gefreut“, sagt er. „Gleichzeitig sehe ich sie als Anerkennung für viele Ehrenamtliche – und als Verpflichtung, den Austausch fortzusetzen.“ Gölls größter Wunsch ist, dass Kubas besondere Leistungen anerkannt und die US-Blockade beendet oder zumindest deutlich gelockert wird.