Je mehr man den Vogelzug erforschte, desto unglaublicher wurde er: Orientierung und Navigation bei Tag und Nacht, bei bedecktem Himmel oder Sonnenschein über Tausende von Kilometern. Non-stop-Flüge über Wüsten, Ozeane und Gebirge. Pünktliche Ankunft an den Brutplätzen, oft auf den Tag genau, nach Reisen von 8000 bis 10000 km.
Obwohl die Menschen den Vogelzug seit Jahrtausenden beobachtet haben, sind wissenschaftliche Untersuchungen erst im 18. Jahrhundert begonnen worden.
Fast alle Vogelarten der Arktis und der nördlichen Halbkugel sind Zugvögel. Weiter südlich, je wärmer und milder das Klima wird, desto weniger Arten ziehen. Die meisten Insektenfresser aus unseren Breiten, wie Schwalben und Grasmücken, ziehen im Herbst.
Einige bleiben, wie z.B. die Meisen, und leben im Winter von Samenkörnern.
In den gemäßigten Zonen ist der Zugvogelanteil wesentlich niedriger. Offensichtlich ist entscheidend für solche Verhaltensweisen, dass die Vögel ihre große Mobilität nutzen, um die für die Arterhaltung besten Bedingungen in unterschiedlichen oft weit auseinander liegenden Lebensräumen zu nutzen. Es lohnt sich für die Blässgänse in der Einsamkeit der sibirischen Tundra ihre Jungen aufzuziehen, dann dem nordischen Winter auszuweichen und ihn auf den saftigen Wiesen bei uns oder weiter südlich zu verbringen.
Der Vogelzug hat sich vor etwa 25 Millionen Jahren entwickelt. Die Eigenschaft des Fliegens ermöglichte den Vögeln die ganze Erde als Lebensraum zu erobern. Dabei wurden auch Gebiete besiedelt, deren Klima wenige Monate optimale Lebensbedingungen boten, die sich dann aber im Jahresrhythmus drastisch verschlechterten. Eine Abwanderung in bessere Nahrungsgründe war notwendig fürs Überleben.
Jahreszeitliche Wanderungen auch über große Entfernungen in Gebiete, die jeweils die besten Lebensmöglichkeiten bieten, sind offensichtlich vorteilhaft für viele Vogelarten. Das Wanderverhalten ist Teil der Evolution und hat sich in den Genen fest verwurzelt. Es ist angeboren. Auch Standvögel wie Elster oder Tannenhäher unternehmen gelegentlich periodische Wanderungen. Man kann also vermuten, dass alle Vögel potentiell Zugvögel sind.