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Stadtkurier Reichelsheim
Ausgabe 36/2026
Allgemeines
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NABU-Gruppe Bingenheim

Die Gottesanbeterin breitet sich immer weiter aus

Aufgrund des Klimawandels breitet sich die Gottesanbeterin seit einigen Jahren in Deutschland aus. Der Sommer 2026 scheint der Fangschrecke mit den Riesenaugen besonders gut zu tun. Noch nie wurden so viele Gottesanbeterinnen gesichtet.

Einst war die Gottesanbeterin eines der seltensten Insekten Deutschlands. Inzwischen ist sie immer öfter in neuen Regionen zu finden. Berühmt und berüchtigt ist die Fangschrecke vor allem wegen ihres Paarungsverhaltens: dem sexuellen Kannibalismus.

Schon die alten Ägypter und Römer waren von ihr fasziniert und verewigten die Europäische Gottesanbeterin, Mantis religiosa, auf Bildnissen und Münzen. Der Gattungsname Mantis stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Seherin“ oder „Wahrsagerin“. Ihren Artnamen religiosa verdankt sie ihren zwei Fangbeinen, die sie in Ruhestellung vor dem Körper hält und damit an zum Gebet erhobene Arme erinnert.

Verglichen mit anderen bei uns vorkommenden Insekten ist die Gottesanbeterin sehr groß: Weibchen werden bis zu acht, Männchen bis zu sechs Zentimeter groß. Dennoch ist sie in freier Wildbahn nur schwer zu entdecken. Durch ihre meist grüne oder braune Färbung ist sie hervorragend getarnt, dabei hilft auch, dass sie meist regungslos ist. Dies kommt ihr bei der Jagd nach anderen Insekten zugute.

Zuschnappen schneller als ein Lidschlag

Für viele andere Arten ist die Fangschrecke eine gefährliche Lauerjägerin. Zu ihrem Beutespektrum gehören vor allem Heuschrecken, Fliegen und diverse Hautflügler. Sie kann über Stunden unbemerkt in der hohen Vegetation ruhen. Ist die Beute in Reichweite, wird sie zuerst mit den großen Facettenaugen fixiert, bevor sich die Gottesanbeterin im Zeitlupentempo heranschleicht. Für den tödlichen Zugriff ist sie ebenso perfekt wie auffällig ausgerüstet: Ihre kräftigen Fangarme sind mit zahlreichen Dornen bestückt und können sich rasend schnell bewegen. Einmal in den Fangarmen gibt es für die Beute kein Zurück mehr. Der Vorgang des Fangschlags dauert nur 50 bis 60 Millisekunden- das ist etwa sechsmal schneller als ein Lidschlag des menschlichen Auges.

Doch nicht nur kleinere Insekten müssen auf der Hut sein, sondern auch die eigenen Artgenossen. Mitunter trifft es die kleineren Männchen, die nach der Paarung von den Weibchen verspeist werden. Dieser sogenannte Sexkannibalismus ist unter anderem auch bei verschiedenen Spinnenarten dokumentiert. Die Gottesanbeterin legt dieses Verhalten zwar oft an den Tag, es ist in freier Natur aber nicht die Regel, sodass die Männchen meist glimpflich davonkommen.

Nach der Paarung legen die Weibchen ihre Eier in gut getarnten Paketen, den Ootheken, ab. Die erhärtete Schaummasse kann bis zu 200 Eier enthalten, die die kalte Jahreszeit geschützt in der dichten Vegetation, unter Steinen oder an Felsen überdauern. Die winzigen, kaum sichtbaren Jungtiere (Nymphen) schlüpfen im Mai. Sie ähneln vom Körperbau her schon den erwachsenen Gottesanbeterinnen und leben genau wie diese räuberisch. Die ersten erwachsenen Tiere finden sich ab Ende Juli und können bis zu den ersten frostigen Nächten im Herbst aktiv sein.