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Der Stadtkurier
Ausgabe 4/2022
Allgemeines
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NABU-Gruppe Bingenheim

Wintergäste

Klettert man an Wintertagen in den Dachstuhl, trifft man häufig auf überwinternde Schmetterlinge und Florfliegen. Schmetterlinge nutzen alle Strategien der Überwinterung: Je nach Art wird als Ei (Frostspanner), Raupe (Apfelwickler), Puppe (Kohlweißling) oder ausgewachsener Schmetterling die kalte Jahreszeit überdauert. Admiral und Distelfalter wandern im Herbst Richtung Süden über die Alpen. Ungeschützt sitzen dagegen draußen im Frost die Zitronenfalter an einem Zweig. Ein spezielles Winterprogramm macht sie gegen Kälte unempfindlich: Wasserausscheidung konzentriert ihre Zellsäfte, der Gefrierpunkt der Körperflüssigkeiten wird gesenkt und Glycerin als Frostschutzmittel gebildet.

Dagegen müssen die Weibchen von Tagpfauenauge und Kleinem Fuchs frostfreie Quartiere aufsuchen, bis sie im Frühling die Sonne und warme Temperaturen wieder hervorlocken. Dann legen sie ihre Eier ab und sorgen für die nächste Generation bunter Sommergaukler. Gelegentlich werden sie im Dachstuhl von Langohr-Fledermäusen verspeist.

Schmetterlinge verfügen über keine großen Energiereserven. In warmen Räumen erwachen sie, verbrauchen ihren Kraftstoff und sterben vorzeitig. Aufgefundene Schmetterlinge sollten in einen kühlen, unbeheizten Raum verbracht werden, in dem sie ungestört bis zum Frühling ruhen. Ähnlich ergeht es Marienkäfern und Florfliegen.

Florfliegen findet man völlig verändert unterm Dach. Sind die zarten Flügel der als Blattlausvertilger geschätzten „Goldaugen“ im Sommer grün gefärbt, sorgt im Winter der Farbstoff Karotin für ein rötliches Aussehen. Marienkäfer sammeln sich gerne scharenweise zum Beispiel in Spalten der Fensterrahmen zum gemeinsamen Überwintern. Leicht werden die leblos wirkenden Käfer für tot gehalten und weggekehrt. Beide Arten sollten in kühlen Räumen ruhen und vor dem Frühjahrsputz sicher sein können.

Weniger beliebte Gäste dürften die Stechmücken sein, die sich mitunter in Massen in kühlen Kellern einfinden. Mit den draußen in der Wintersonne tanzenden Mückenschwärmen haben sie nichts zu tun, bei ihnen handelt es sich um Winter- oder Stelzmücken, die erst bei vier Grad Celsius aktiv werden und sich im Winter paaren. Zu Unrecht ungeliebt sind Spinnen und Weberknechte, die die ersten kalten Nächte in Keller und Wohnungen treibt. Das Jahr über leben sie in Gärten, Parks und Anlagen. Heimische Spinnen sind harmlos und nützliche Insektenjäger. Die langbeinigen Weberknechte kommen in mehreren Arten bei uns vor und sind ebenfalls harmlos. Manche legen ihre Eier in Gebäuden ab und sterben dann, andere überwintern gesellig, indem sie miteinander über Beinkontakt Verbindung halten und sich bei Störungen gegenseitig alarmieren.

Wintergäste tolerieren

Stubenfliegen gibt es das ganze Jahr. Im Winter sind sie seltener, denn sie vermehren sich jetzt langsamer. Meist kommen sie dann nur in Ställen vor, von denen aus sie im Frühjahr auf kilometerlangen Flügen alle Stuben in Land und Stadt wieder in gewohnter Zahl besiedeln.

Die Beispiele zeigen, wie viele Tierarten unsere Gebäude als Überwinterungsnische nutzen. Die meisten von ihnen können mit etwas gutem Willen problemlos als Wintergäste toleriert und beherbergt werden. Dabei eröffnet sich die Chance, Wildtiere mit interessanten Lebensweisen live kennen zu lernen und hautnah zu beobachten.