SELTERS-MÜNSTER. Gabi Rittig hat ihren Freund Christian Y. Schmidt kaum launig begrüßt und ihm das Mikrofon übergeben, da gibt die Technik „scharfe Schüsse ab“ statt brav zu verstärken und ist erst zu beruhigen, als der Gast auf das Mikro verzichtet. Er kommentiert: „Den Langen Marsch habe ich überstanden, aber ob ich aus Münster rauskomme?“ Christian Y. Schmidt überwindet die Technikpannen und zieht das Publikum mit einer lebendigen Lesung in den Bann der Geschichte. So erlebt ein großes Publikum in der Kirche von Münster einen Abend voller Dramatik und Witz in der Reihe „Literatur in der Kirche“.
Christian Y. Schmidt, ehemaliger Titanic-Redakteur und Schriftsteller, stellt sein Buch „Der lange Fahrrad-Marsch“ vor. Aber: Wie kommt jemand, der 17 Jahre mit seiner chinesischen Frau in Peking lebte, ein Fahrrad aber nur zum Einkaufen nutzte, dazu, einer 7000 km langen Tour über hohe Pässe zuzustimmen? Diese Frage beantwortet ein Prolog, den der Autor so lebendig vorliest, dass der Hörer lacht, wo es menschelt, und das tut es bis zur letzten Seite, und staunt, wo es um Fakten geht. Zusammen eine Geschichtsstunde, wie sie lebendiger nicht sein kann.
Der Radreiseveranstalter Volker Häring hatte die Idee, zusammen mit Christian Y. Schmidt als erste Nicht-Chinesen die Route des Langen Marschs mit dem Fahrrad nachzufahren. Jenen „Langen Marsch“, den die Kommunisten 1934/35, von Chiang Kai-shek aus ihrem Gebiet vertrieben, unternahmen. Eine gewaltige körperliche Herausforderung, vor der Schmidt Respekt hatte. Aber da gab es eine Figur der Geschichte, die ihn schon lange vorher beschäftigte. Otto Braun. Ein deutscher Kommunist, der den „Langen Marsch“ anfangs befohlen hatte - entgegen der in Geschichtsbüchern verbreiteten Version. Erst später übernahm Mao die Führung des Marsches und auch der Kommunistischen Partei.