KAPITEL 1 - Fund im Hainich
Der Hainich lag im frühen Licht, ein fahler Schimmer über feuchten Buchen und Eichen. Jonas Hartung stand am Rand des Wanderwegs nahe der Südschleife. Nasses Laub, kalte Erde, gedämpfte Stille. Zwischen zwei jungen Buchen flatterte gelb-weißes Flatterband, dahinter knieten die Sanitäter.
„Sie liegt dort hinten“, sagte der Kollege. „Spaziergängerin mit Hund. Langula Richtung Südhang.“
Jonas trat vorsichtig über den matschigen Boden. Zwischen Farn und Unterholz öffnete sich eine Senke, kaum sichtbar, wenn man nicht direkt darauf zuging. Dort lag die Frau. Verschmutztes Gesicht, fahl, Blut am Haaransatz, eine Platzwunde an der Schläfe.
„Schädeltrauma, mehrere Prellungen. Sie driftet“, sagte ein Sanitäter.
Jonas kniete sich neben sie. Etwas Silbernes glitzerte im Laub. Ein Medaillon - rund, filigraner Baum des Lebens. Seine Brust wurde eng. Erikas Anhänger. Der, den sie trug, als sie vor drei Jahren verschwand.
Er zog Handschuhe über, rief die Spurensicherung und wich einen Schritt zurück. Das Laub raschelte, als würde der Wald selbst lauschen.
„Hat jemand die Stelle berührt?“, fragte er.
„Niemand. Sie lag so.“
Jonas glaubte nicht an Zufall. Dieser Anhänger war ein Zeichen. Jemand wollte, dass er ihn fand.
Ein Stück entfernt stand der Spaziergänger, blass, in eine Rettungsdecke gehüllt.
„Hartung, Kripo. Sie haben sie gefunden?“
Der Mann nickte. „Mein Hund blieb stehen, hat gewinselt. Ich dachte erst, ein Wildschwein liegt da. Dann lag sie dort unten… so verdreht. Ich gehe sonst nie in die Senke. Irgendwas stimmt hier seit Jahren nicht. Man fühlt sich beobachtet.“
Jonas spürte ein Ziehen im Nacken.
Die Sanitäter hoben die Frau auf die Trage. Als sie an ihm vorbeigeschoben wurde, öffnete sie kurz die Augen. Nur einen Spalt.
„Können Sie mich hören? Polizei.“
Ihre Lippen bewegten sich. Ein Hauch.
„Er… hat… gewartet…“
„Wer?“
Doch ihre Lider sanken wieder. Die Worte trafen Jonas wie ein Schlag.
Als die Trage zum Weg hochgetragen wurde, blickte er erneut in die Senke. Zu versteckt für Zufall, zu sichtbar, um unentdeckt zu bleiben. Ein gewollter Ort.
Ein Knacken ließ ihn herumfahren. Zwischen den Buchen - nur Schatten. Oder doch?
Weiter hinten, kaum erkennbar, stand ein Mann. Regungslos. Lautlos. Beobachtend.
Er sah Jonas.
Er sah jeden Schritt der Sanitäter.
Er wartete.
Er kennt ihn, dachte die Gestalt.
Und sie wird es auch wissen.
Es beginnt neu.
Als Jonas wieder hinsah, war der Mann verschwunden - lautlos, als wäre er im Wald aufgelöst.
Der Kollege trat neben ihn. „Chef? Spurensicherung ist gleich da.“
Jonas nickte, doch sein Blick blieb an der Senke hängen. Etwas an diesem Ort fühlte sich falsch an. Erwartend. Wie ein Rätsel, das jemand nach Jahren wieder geöffnet hatte.
Der Fall Voß hatte ihn nie losgelassen.
Und jetzt lag hier eine fremde Frau - mit Erikas Anhänger.
Ein Zufall war das nicht.
Jonas wusste, dass dies erst der Anfang war.
Und dass Mira Jensen bald wissen wollte, was im Hainich passiert war.
...
- Der Unstrut Erzähler -