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Landkreisausgabe Treffpunkt Unstrut-Hainich
Ausgabe 1/2026
Sonstiges
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Aktuelles

Das kleine Häschen und die lange Suche nach dem Frühling

Tief im Wald, dort wo die Tannen dicht beieinanderstanden und der Boden mit Moos bedeckt war, lebte ein kleines Häschen. Sein Fell war weich und grau, und seine Ohren waren immer aufmerksam nach oben gerichtet. Doch in diesem Jahr war etwas anders. Der Winter wollte einfach nicht verschwinden.

Noch immer lag kalte Luft zwischen den Bäumen. Morgens glitzerte Reif auf den Zweigen, und das Gras fühlte sich hart und kühl an. Das kleine Häschen fror an den Pfoten und kuschelte sich enger an seine Mutter.

„Wann kommt endlich der Frühling?“, fragte es eines Morgens.

Die Mutter lächelte sanft. „Der Frühling kommt, wenn er bereit ist“, sagte sie. „Manchmal muss man geduldig sein.“

Doch das kleine Häschen war neugierig. Es wollte nicht warten. Es wollte den Frühling finden.

Also machte es sich eines Tages früh am Morgen auf den Weg. Die Sonne stand noch tief, und der Wald war still. Nur das Knacken der Zweige unter den Pfoten des Häschens war zu hören.

„Ich werde den Frühling suchen“, sagte es mutig zu sich selbst. „Und wenn ich ihn finde, bringe ich ihn mit nach Hause.“

Der Weg führte das Häschen zuerst an den Waldrand. Dort öffnete sich der Wald, und eine große Wiese lag vor ihm. Noch war sie grau und leer, doch in der Mitte der Wiese stand ein Reh. Es bewegte sich ruhig und vorsichtig, als würde es genau wissen, wohin es trat.

Das Häschen hoppelte näher heran.

„Guten Morgen, Reh“, sagte es höflich.

Das Reh hob den Kopf und schaute freundlich. „Guten Morgen, kleines Häschen.“

„Reh“, fragte das Häschen, „hast du den Frühling gesehen? Ich suche ihn überall.“

Das Reh dachte einen Moment nach. Dann sagte es:

„Ich sehe jeden Tag, wie sich der Wald verändert. Noch ist es kühl, aber schau genau hin. An manchen Zweigen sind kleine Knospen. Wenn sie wachsen und sich öffnen, dann weißt du: Der Frühling ist nicht mehr weit.“

Das Häschen schaute zu den Bäumen. Tatsächlich - ganz klein und unscheinbar saßen dort winzige Knospen.

„Danke, Reh“, sagte es. „Ich werde weiter suchen.“

Es hoppelte weiter, tiefer in den Wald hinein. Die Sonne war inzwischen höher gestiegen, und es wurde ein wenig wärmer. Plötzlich hörte das Häschen ein leises Summen. Erst ganz leise, dann immer deutlicher.

Zwischen zwei Steinen wuchs eine kleine Blume. Und über dieser Blume flog eine Biene. Sie summte fröhlich und setzte sich kurz auf die Blüte.

„Hallo, Biene“, sagte das Häschen vorsichtig.

Die Biene brummte freundlich. „Hallo, kleines Häschen.“

„Biene“, fragte das Häschen, „weißt du, wo der Frühling ist? Ich suche ihn schon so lange.“

Die Biene flog eine kleine Runde und lachte.

„Wenn ich wieder ausfliege und Nektar sammle“, sagte sie, „dann ist der Frühling ganz nah. Denn ohne Blumen könnte ich nicht hier sein.“

Das Häschen schaute sich um. Die Blume war klein, aber sie war da.

„Dann ist der Frühling vielleicht schon auf dem Weg“, dachte es.

Es verabschiedete sich von der Biene und hoppelte weiter. Der Wald wurde dichter, und die Schatten zwischen den Bäumen wurden länger. Da hörte das Häschen plötzlich Schritte im Laub.

Aus dem Gebüsch trat ein Fuchs. Sein Fell leuchtete rotbraun im Sonnenlicht, und seine Augen blickten wach und klug.

Das Häschen blieb stehen. Ein bisschen klopfte sein Herz schneller, aber der Fuchs sah freundlich aus.

„Guten Tag, Fuchs“, sagte das Häschen mutig.

Der Fuchs setzte sich hin und nickte. „Guten Tag, kleines Häschen. Wohin des Weges?“

„Ich suche den Frühling“, antwortete das Häschen. „Hast du ihn vielleicht gesehen?“

Der Fuchs schnupperte in der Luft.

„Ich rieche ihn schon“, sagte er langsam. „Die Erde riecht anders, nicht mehr nach Winter. Und nachts höre ich den Wald wieder leiser atmen. Das sind Zeichen, dass der Frühling kommt.“

Das Häschen spitzte die Ohren. Es hatte gar nicht bemerkt, dass der Wald anders roch.

„Danke, Fuchs“, sagte es leise und hoppelte weiter.

Der Weg führte nun zu einer kleinen Lichtung. Dort lag ein großer Laubhaufen. Plötzlich bewegte sich etwas darin, und ein Igel streckte vorsichtig seine Nase heraus.

„Oh! Hallo“, sagte das Häschen überrascht.

Der Igel gähnte und blinzelte. „Hallo, kleines Häschen. Ich bin gerade erst aufgewacht.“

„Igel“, fragte das Häschen aufgeregt, „weißt du, wo der Frühling ist?“

Der Igel lächelte müde.

„Wenn ich aus meinem Winterschlaf aufwache“, sagte er langsam, „dann ist der Frühling schon da. Die Sonne weckt mich, und mein Bauch sagt mir, dass es Zeit ist.“

Das Häschen setzte sich neben den Igel.

„Dann bist du also ein Zeichen für den Frühling?“, fragte es.

Der Igel nickte. „Vielleicht“, sagte er und kuschelte sich wieder ein wenig in den Laubhaufen.

Das Häschen blieb noch einen Moment sitzen. Es hörte das Summen der Biene in der Ferne, sah das Reh am Waldrand stehen und erinnerte sich an die Worte des Fuchses. Die Sonne wärmte sein Fell, und plötzlich bemerkte es etwas Neues.

Zwischen den grauen Halmen lugten kleine grüne Spitzen hervor.

Ein Vogel begann zu singen.

Der Wind fühlte sich nicht mehr so kalt an.

Da verstand das kleine Häschen etwas Wichtiges.

Der Frühling war kein Wesen, das man finden und mitnehmen konnte.

Der Frühling war überall um es herum.

Glücklich machte sich das Häschen auf den Heimweg. Als es bei seiner Mutter ankam, kuschelte es sich an sie.

„Hast du den Frühling gefunden?“, fragte sie.

Das Häschen lächelte.

„Ja“, sagte es. „Er war die ganze Zeit da.“

Und draußen im Wald begann langsam, ganz leise, der Frühling.