KAPITEL 2 - DER ANHÄNGER
(Was bisher geschah: Im Hainich wurde eine schwer verletzte Frau gefunden. Neben ihr lag ein Medaillon - identisch mit dem Schmuckstück, das Erika Voß trug, als sie vor drei Jahren verschwand.)
Mira Jensen starrte auf den Bildschirm, bis die Buchstaben zu grauen Streifen verschwammen. Das Büro des „Treffpunkt UH“ rauschte um sie herum - Telefone, Tastaturen, Kaffeemaschine. Normalerweise beruhigte sie dieser Lärm. Heute klang alles wie Watte.
Unten rechts ploppte eine Mail auf:
„Einsatz Hainich. Frau verletzt. Braucht ihr Bilder?“
Hainich. Das Wort traf sie.
„Schick rüber“, tippte sie.
Das Foto öffnete sich: Blaulicht, Flatterband, eine Trage. Routine. Bis Mira hineinzoomte. Der Waldboden wurde deutlicher, körniger. Ihr Blick blieb an etwas Silbernem hängen.
Ein Medaillon.
Rund. Filigraner Rand.
Ein Baum des Lebens.
Miras Atem stockte.
Erikas Anhänger.
Sie sah ihn vor sich - an Erikas Hals, beim Kaffee, bei Spaziergängen am Hainich. Ein Geschenk. Ihre Idee.
„Alles klar bei dir?“, fragte ihr Chefredakteur.
Mira deutete auf den Bildschirm. „Das ist ihrer.“
Er sah genauer hin. „Das Foto ist unscharf.“
„Ich war dabei, als wir ihn gekauft haben.“
Er hob die Hände. „Wir reißen den Fall Voß nicht wegen eines verwackelten Pixels auf. Offiziell gibt’s heute nur eine neutrale Blaulichtmeldung.“
„Klar“, log sie und griff nach ihrer Jacke.
Das Helios-Klinikum lag nur Minuten entfernt. Mira fuhr zu schnell. In der Notaufnahme zeigte sie reflexhaft ihren Ausweis.
„Ich brauche eine Auskunft zur Frau aus dem Hainich.“
„Keine Auskunft - nur Polizei oder Angehörige“, sagte die Schwester.
„Es geht um Erika Voß.“
Die Schwester sah genauer hin. „Sie waren damals oft hier. Hartung war eben schon da.“
Der Name katapultierte Mira zurück in all das Ungesagte der letzten Jahre.
„Kann ich die Frau wenigstens sehen?“
Nach einem Zögern nickte die Schwester. „Durch die Scheibe.“
Sie gingen den Flur entlang. Hinter Glas lag eine Frau Mitte fünfzig: bandagierter Kopf, Schrammen, flache Atemzüge.
Mira kannte sie nicht - aber etwas an ihr schrie Angst.
„Hat sie etwas gesagt?“
„Das geht Sie-“
„Schon erledigt“, sagte eine Stimme hinter ihr.
Mira fuhr herum.
Jonas.
Dunkle Jacke, derselbe Blick wie früher, nur müder.
„Du bist schnell“, sagte er. „Ich wusste, das Bild bleibt nicht lange bei dir.“
„Du hättest mich selbst informieren können. Das ist Erikas Anhänger.“
„Wir wissen es nicht sicher.“
„Jonas. Du kennst ihn.“
Er wich nicht aus. „Er sieht aus wie ihrer. Mehr kann ich nicht sagen.“
„Drei Jahre weg - und jetzt liegt er wieder im gleichen Waldstück. Wie viel Zufall brauchst du noch?“
„Ich arbeite nicht mit Zufällen. Ich arbeite mit Beweisen.“
„Dein Problem war nie Mangel an Beweisen“, flüsterte sie. „Es war Henning.“
Er reagierte nicht. Stattdessen öffnete er die Tür.
„Sie war kurz wach. Vielleicht reagiert sie.“
Mira blieb am Fußende stehen. Jonas sprach ruhig:
„Frau Henschel? Polizei. Können Sie mich hören?“
Die Frau bewegte leicht den Kopf.
„Erinnern Sie sich?“
Ein heiseres Flüstern.
„Er… hat… gewartet…“
Mira fror ein. Jonas’ Blick wurde schmal. „Wer?“ Doch die Frau sank zurück.
„Mehr geht nicht“, sagte Jonas und führte Mira hinaus.
Im Flur schien die Luft zu stehen.
„‚Er hat gewartet‘“, murmelte Mira. „Das klingt nicht nach Zufall.“
„Nein. Es klingt nach jemandem, der die Stelle kennt.“
„Jemandem, der auch Erikas Route kannte.“
Er schwieg - und das Schweigen war Antwort genug.
Als Mira später ihre Wohnung aufschloss, lag der Tag schwer auf ihr. Der Anhänger, die verletzte Frau, Jonas im Flur - alles rauschte durcheinander.
Vor der Tür stand ein kleines Päckchen.
Brauner Karton.
Kein Absender.
Nur ihr Name.
Ein Knoten zog sich in ihrem Bauch zusammen.
Sie nahm es mit hinein, öffnete es mit zitternden Händen. Innen lag eine schwarze Schmuckschachtel.
„Nein“, flüsterte sie.
Der silberne Ohrring darin war fein, ein kleines Blatt. Ein Einzelstück.
Erikas Ohrring.
Mira stützte sich an der Tischkante ab, um nicht den Halt zu verlieren.
Draußen, im Schatten gegenüberliegender Bäume, stand jemand und beobachtete ihr Fenster. Still. Wartend.
Sie hat ihn erkannt.
Gut.
Der Weg zurück in den Hainich hatte begonnen.
Für sie.
Für ihn.
...
- Der Unstrut-Erzähler -