KAPITEL 3 - BRUCHSTÜCKE
(Was bisher geschah: Mira erkannte Erikas Anhänger auf dem Foto aus dem Hainich. Die verletzte Frau flüsterte „Er hat gewartet“. Abends fand Mira ein Päckchen - mit Erikas verschwundenem Ohrring.)
Der silberne Ohrring lag noch auf Miras Küchentisch, als sie am nächsten Morgen losfuhr. Schlaf hatte sie kaum gefunden. Zu viele Bilder jagten durch ihren Kopf: der Anhänger im Laub, der Ohrring im Päckchen, die Worte der verletzten Frau - und Jonas, mit seinem Schweigen, seinen Zweifeln.
Im Krankenhaus roch der Flur nach Desinfektionsmittel und etwas Kaltem, das an verlorene Fälle erinnerte. Jonas wartete vor Zimmer 214, die Hände in den Taschen, die Schultern angespannt.
„Bereit?“, fragte er.
Mira nickte, obwohl ihre Finger zitterten.
Frau Henschel wirkte noch zerbrechlicher als am Vortag. Verband um den Kopf, Schrammen im Gesicht, flache Atemzüge. Die Ärztin hob die Hand. „Kurze Fragen.“
Jonas trat ans Bett. „Frau Henschel? Können Sie mich hören?“
Die Lider der Frau zuckten. Ein kaum erkennbares Nicken.
„Sie wurden im Hainich verletzt“, sagte er ruhig. „Können Sie sich erinnern?“
Ihre Lippen öffneten sich. „Er… war da…“
Mira spannte sich an. „Wer?“
„Er… hat… gewartet…“
Jonas’ Blick wurde hart. „Worauf?“
Ein Zittern ging durch die Frau. „Wie… damals…“
Mira und Jonas tauschten einen schnellen Blick.
„Was meinen Sie mit ‚damals‘?“, fragte er.
Ein Hauch. „Bei ihr…“
Mira erstarrte. „Erika?“
Ein leises „Angst…“ - dann stieg der Puls. Die Ärztin drängte sie hinaus. „Schluss. Sie kippt weg.“
Im Flur schloss Mira die Augen. „Jonas, das war eindeutig. Sie meinte Erika. Sie hat ihn damals gesehen.“
„Wir wissen nicht, was sie gesehen hat“, sagte Jonas. „Vielleicht vermischt sie Dinge.“
„Oder sie bestätigt alles, was ich seit drei Jahren sage.“ Mira sah ihn scharf an. „Henning-“
„Henning hat nichts damit zu tun.“ Jonas’ Stimme war härter, als er beabsichtigt hatte.
„Du willst es nicht sehen! Sie hat ‚bei ihr‘ gesagt.“
„Und du hörst, was du hören willst. Ich brauche Fakten.“
Mira hielt seinem Blick stand, dann griff sie in die Tasche und zog die kleine schwarze Schachtel hervor.
„Dann ist DAS ein Fakt.“
Sie öffnete sie. Der silberne Ohrring glänzte matt im Neonlicht.
Jonas’ Gesicht wurde hart. „Warum sagst du mir das erst jetzt?“
„Weil du mich wieder als hysterisch hingestellt hättest.“
Er atmete aus. „Mira… das ist ernst. Jemand spielt mit dir.“
„Mit uns“, korrigierte sie.
Sie standen dicht voreinander. Drei Jahre Schweigen, Misstrauen und Schuld lagen zwischen ihnen. Ein leises Knacken ließ beide herumfahren.
„Hast du das gehört?“, flüsterte Mira.
Der Flur war leer. Klinisch. Still.
Ganz am Ende huschte ein Schatten um die Ecke.
Jonas ging ein paar Schritte, blieb dann stehen. „Da war jemand.“
„Er hört uns zu“, sagte Mira.
Bevor sie zurück ins Zimmer konnten, kam die Ärztin ihnen entgegen. „Kurzer Einbruch. Zu viel Belastung. Sie ist wieder bewusstlos.“
„Bewusstlos?“
„Mehr morgen.“
Mira nickte mechanisch. Ihre Hände zitterten, ohne dass sie es bemerkte. Jonas legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter - und sie wich nicht zurück.
Weiter hinten, in einer dunklen Nische, stand jemand reglos. Unsichtbar, aber nah genug, um jedes Wort gehört zu haben.
Sie erinnern sich. Sie kommen näher. Gefährlich.
Frau Henschel wusste zu viel. Noch.
Er lächelte. Lautlos.
Mira?
Ihr Weg hatte gerade erst begonnen.
- Der Unstrut-Erzähler -