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Landkreisausgabe Treffpunkt Unstrut-Hainich
Ausgabe 5/2026
Sonstiges
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Krimi-Roman (Fortsetzung)

Der Schatten von Hainich - Die Wahrheit im Fall Voß

KAPITEL 4 - DIE ROUTE

(Was bisher geschah: Mira erhielt Erikas Ohrring per Post. Die verletzte Frau flüsterte im Krankenhaus „Wie damals… bei ihr“. Jemand scheint Mira und Jonas im Hainich zu beobachten.)

Der Hainich lag in milchigem Morgennebel, der die Baumwipfel verschluckte und jedes Geräusch dämpfte. Jonas stieg aus dem Wagen, noch bevor der Motor aus war. Mira wartete am Rand des Wanderwegs, die Hände tief in den Taschen, den Blick auf die Stelle gerichtet, an der das Flatterband noch leicht wippte.

„Wir sollten den Weg abgehen, den sie genommen hat“, sagte Jonas.

„Den sie genommen haben“, korrigierte Mira. „Jemand hat sie hergebracht. Das war kein Zufall.“

Sie folgten dem feuchten Pfad. Der Wald roch nach nasser Erde und Erinnerung. Nach wenigen Metern blieb Mira stehen und zeigte nach links.

„Dort ist Erika damals immer langgelaufen.“

Jonas sah in die Richtung. Zwischen zwei Buchen führte ein schmaler, kaum sichtbarer Pfad tief in den Wald. Kein offizieller Weg, eher eine Spur für jemanden, der hier oft unterwegs war.

„Bist du sicher?“

„Ja. Immer vorbei an der Senke, dann Richtung Südschleife.“ Ihre Stimme bebte kaum. „Dieser Ort fühlt sich an wie damals.“

Jonas ließ den Blick wandern. „Das heißt nicht, dass der Täter wegen Erika hier war.“

„Nein. Aber es heißt, dass er den Ort kennt. Vielleicht seit Jahren.“

Sie erreichten die Senke. Der Boden war umgegraben, Markierungen der Spurensicherung überall. Und doch wirkte alles zu sauber, zu aufgeräumt.

„Siehst du das?“, sagte Mira.

„Was?“

„Nichts. Und genau das ist seltsam.“

Sie trat ein Stück weiter nach unten. „Wenn jemand panisch war, gäbe es Chaos. Abgebrochene Äste, Fußspuren. Aber hier … wirkt es arrangiert.“

Jonas kniff die Augen zusammen. „Du meinst, jemand hat den Ort bewusst sauber gehalten.“

„Oder jemand ist geübt. Und wusste, wann hier niemand ist.“

Jonas sah sie an. „Und du denkst an Henning.“

„Natürlich tue ich das. Er wusste, wann Erika lief. Wo sie lief. Dass dieser Weg ihr Rückzugsort war.“

„Das macht ihn nicht automatisch zum Täter.“

„Aber es macht ihn zu jemandem, den man schützt.“

Jonas schwieg. Mira sah, wie er innerlich kämpfte. Henning war sein blinder Fleck.

„Du willst ihn nicht verdächtigen“, sagte sie leise.

„Ich will keine Abkürzungen. Wenn uns jemand manipulieren will, dann genau über diesen Punkt.“

„Manipulieren?“ Mira schnaubte. „Der Anhänger. Der Ohrring. Die identische Stelle. Das ist keine Manipulation, Jonas. Das ist eine Handschrift.“

„Oder jemand legt Beweise so, dass du sofort an Henning denkst.“

Da knackte es über ihnen.

Beide fuhren herum.

Auf einer Anhöhe, zwischen zwei Fichten, stand eine Gestalt - nur einen Herzschlag lang, dann verschwand sie im Nebel.

„Hast du das gesehen?“, flüsterte Mira.

„Ja.“

Sie rannten hinauf. Oben fanden sie nur aufgewühlte Erde. Jemand war hier gestanden. Beobachtend. Wartend.

Jonas kniete sich hin. „Er war gerade erst hier.“

Mira starrte in den Nebel. „Er verfolgt uns.“

„Er beobachtet uns“, korrigierte Jonas. „Das ist ein Unterschied.“

„Nicht für ihn.“

Der Wind strich durch die Bäume, ließ lose Zweige rascheln. Mira fröstelte.

„Er wollte, dass wir ihn sehen“, sagte sie leise.

„Das macht ihn mutig“, murmelte Jonas.

„Oder sicher.“

Sie sahen sich an - ernst, angespannt, verbunden durch dieselbe Ahnung:

Hier im Wald hatte etwas begonnen, das tiefer reichte, als sie ahnten.

Weiter oben, hinter der Anhöhe, stand der Schatten erneut.

Reglos. Still.

Mira erinnert sich an den Weg.

Gut.

Jonas versteht noch nichts.

Aber bald würde Mira wissen, wer wirklich an ihrer Seite steht.

Er trat lautlos zurück und verschwand im Nebel.

- Der Unstrut-Erzähler -