KAPITEL 6 - DIE BOTSCHAFT
(Was bisher geschah: Der Schatten beobachtet Mira und Jonas im Hainich. Henning provozierte Mira mit dem Satz, Erika habe „jemanden schützen wollen“. Mira ist überzeugt, dass der Täter wieder aktiv ist.)
Mira stürmte in die Redaktion, kaum dass sie Hennings Haus verlassen hatte. Der Streit, Jonas’ Zögern, Hennings Anspielungen - alles fraß sich wie ein Schwarm Wespen in ihr fest. Wut, Angst, Verwirrung. Nichts ließ sich sortieren.
Sie warf die Tasche in die Ecke, zog eine Archivschublade auf und holte die alten Mappen hervor. Erikas Fall. Ihre Interviews. Polizeizitate. Jede Zeile, die sie damals geschrieben hatte. Drei Jahre alt - und doch wieder brennend.
Mira blätterte, bis sie an Erikas Satz hängen blieb:
„Ich fühle mich beobachtet.“
Damals hatte Mira es abgetan. Heute klang es wie ein Hilfeschrei.
Das Telefon klingelte.
„Redaktion… Jensen.“
Stille.
Dann ein Atemzug. Nah. Zu nah.
„Mira.“
Ihr Name klang falsch - weich, intim, grenzüberschreitend.
„Wer ist da?“
„Jemand, der dich lange begleitet hat“, sagte die Stimme. „Du suchst Antworten. Wie damals.“
„Wovon reden Sie?“
„Erika wusste es“, hauchte er. „Sie wollte dich warnen. Aber du hast nicht zugehört.“
Miras Finger krallten sich in die Tischkante. „Was… habe ich nicht gehört?“
Ein Hauch. Als stünde jemand direkt hinter ihr.
„Dass du mir gehörst.“
Mira fuhr hoch. „Lassen Sie mich in Ruhe!“
Ein leises, enttäuschtes Schnauben.
„Ich bin bei dir, Mira. Näher, als du denkst.“
Die Leitung klickte.
Mira zitterte so heftig, dass sie das Telefon kaum ablegte. Sie wählte Jonas.
Er hob sofort ab. „Mira?“
„Er… er hat mich angerufen. Er wusste, wer ich bin. Wo ich bin. Jonas-“
„Ich komme sofort.“
Zehn Minuten später war er da. Direkt. Fokus in den Augen.
„Erzähl.“
Sie berichtete jedes Detail. Jonas hörte zu, der Kiefer hart.
„Das war kein Zufall“, sagte er. „Der kennt dich. Der beobachtet dich seit Tagen.“
Mira sah weg. „Ich weiß nicht mehr, wem ich glauben soll. Du zweifelst an allem. Und Henning-“
„Mira.“ Jonas trat näher. „Das hier geht über Henning hinaus.“
„Ja. Und genau das macht mir Angst.“
Jonas legte eine Hand auf ihren Unterarm. Warm. Kurz. Sie zog nicht zurück.
Gemeinsam verließen sie die Redaktion. Auf dem Parkplatz wirkte die Luft dichter, schwerer - als läge etwas Unsichtbares darin.
Dann: ein Knacken im Gebüsch.
Jonas stellte sich sofort vor Mira. Sein Blick glitt durch die Schatten. Nichts zu sehen. Und doch war da etwas.
Eine Präsenz.
Eine Beobachtung.
Ein Blick, der auf der Haut brannte.
„Geh zum Auto“, flüsterte er.
„Jonas… ist er-?“
„Ja.“ Ruhig. Kontrolliert. „Er ist hier.“
Wieder ein Knacken. Weiter links.
Ein flüchtiger Umriss zwischen zwei Sträuchern, kaum mehr als ein Schattenstreifen - und weg.
„Lauf“, sagte Jonas.
Mira rannte. Jonas dicht hinter ihr.
Im Gebüsch stand jemand. Regungslos. Lautlos.
Ein Lächeln auf den Lippen.
Sie hat Angst.
Perfekt.
So beginnt alles.
- Der Unstrut-Erzähler -