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Landkreisausgabe Treffpunkt Unstrut-Hainich
Ausgabe 7/2026
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Das „besonders“ besondere Interview - Menschen aus unserer Heimat

Manfred R., 72 Jahre jung

Saale bei Saalfeld

 

Ein Interview, geführt von Mirko Reise, LW Medien KG

An einem kalten Frühjahrsnachmittag, als ein frischer Wind durch die Straßen von Mellrichstadt zog und die ersten zaghaften Sonnenstrahlen zwischen dichten Wolken hervorkamen, traf sich die Redaktion von LINUS WITTICH in einem kleinen, gemütlichen Café nahe Mellrichstadt mit einem Mann, der viel zu erzählen hat. Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee lag in der Luft, während draußen die Menschen noch in dicken Jacken durch die Straßen eilten. Zwischen leiser Musik und dem Klirren der Tassen saß Manfred R. - ein ruhiger, besonnener Mensch mit warmem Blick und einer tiefen Verbundenheit zu seiner Heimat.

 

 

Herr R. stammt ursprünglich aus Saalfeld in Thüringen. Noch heute spricht er voller Stolz und Liebe über die Wälder, die Menschen und die Geschichte seiner Heimatregion. Auch wenn er inzwischen in Mellrichstadt lebt, trägt er Thüringen immer in seinem Herzen. Besonders das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt ihn seit vielen Jahren. Für ihn ist Nachhaltigkeit nicht bloß ein modernes Schlagwort, sondern eine Haltung, die tief mit Verantwortung, Heimatliebe und dem respektvollen Umgang mit Natur und Mensch verbunden ist.

In unserem ausführlichen Gespräch sprach Herr R. offen über die Veränderungen der heutigen Zeit, über Sorgen, Hoffnungen und darüber, warum gerade kleine Schritte oft die größte Wirkung entfalten können.


LINUS WITTICH: Herr R., wenn Sie an Ihre Heimat Thüringen denken - was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie persönlich?

Manfred R.: Wissen Sie, Nachhaltigkeit beginnt für mich nicht bei großen politischen Debatten oder komplizierten Klimamodellen. Sie beginnt dort, wo Menschen ihre Heimat lieben. Ich bin in Saalfeld aufgewachsen. Die Wälder dort, die frische Luft, die kleinen Flüsse und die herrliche Saale selbst - das alles prägt einen Menschen fürs Leben. Als Kind war ich ständig draußen unterwegs. Wir haben Pilze gesammelt, Holz gemacht, im Garten gearbeitet. Damals hat niemand von „Nachhaltigkeit“ gesprochen, aber viele Menschen haben bereits nachhaltig gelebt. Man hat Dinge repariert statt weggeworfen. Lebensmittel wurden wertgeschätzt. Man nahm nur so viel aus der Natur, wie man wirklich brauchte.

Heute sehe ich oft eine Gesellschaft, die sehr schnell geworden ist. Alles muss sofort verfügbar sein. Viele verlieren dabei das Gefühl für den Wert der Dinge. Nachhaltigkeit bedeutet für mich deshalb auch Entschleunigung. Wieder lernen, achtsam zu leben. Nicht immer höher, schneller, weiter - sondern bewusster.


LINUS WITTICH: Hat sich Ihr Blick auf die Umwelt im Laufe der Jahre verändert?

Manfred R.: Ja, sehr sogar. Früher dachte ich, die Natur sei unerschöpflich. Als junger Mensch macht man sich darüber wenig Gedanken. Doch mit den Jahren erkennt man Veränderungen. Wälder leiden unter Trockenheit. Sommer werden heißer. Früher gab es in Thüringen richtige Winter mit meterhohem Schnee. Heute erleben wir oft graue, nasse Wintermonate. Das macht nachdenklich.

Ich glaube, viele Menschen spüren inzwischen, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Gleichzeitig dürfen wir aber nicht nur in Angst leben. Nachhaltigkeit darf kein reines Verzichtsthema sein. Es geht darum, neue Wege zu finden, ohne dabei Lebensfreude zu verlieren.


LINUS WITTICH: Sie leben heute in Mellrichstadt. Gibt es Unterschiede zwischen Thüringen und Franken im Umgang mit Nachhaltigkeit?

Manfred R.: Jede Region hat ihre eigene Mentalität, aber ich sehe viele Gemeinsamkeiten. Sowohl in Thüringen als auch hier in Franken gibt es viele bodenständige Menschen, die einen starken Bezug zur Natur haben. Gerade auf dem Land achten viele darauf, Ressourcen sinnvoll zu nutzen. Man kennt noch den Wert harter Arbeit.

Allerdings merke ich auch, dass die Herausforderungen überall größer werden. Kleine Betriebe kämpfen ums Überleben. Landwirtschaft steht unter enormem Druck. Gleichzeitig erwarten Verbraucher immer günstigere Preise. Das passt oft nicht zusammen. Nachhaltigkeit funktioniert aber nur, wenn Menschen wirtschaftlich überhaupt überleben können.


LINUS WITTICH: Was läuft Ihrer Meinung nach aktuell falsch in unserer Gesellschaft?

Manfred R.: Ich denke, wir haben ein Problem mit Maß und Mitte bekommen. Viele Menschen definieren sich heute über Konsum. Größeres Auto, neues Handy, ständig neue Kleidung. Dabei vergessen wir oft die einfachen Dinge, die wirklich glücklich machen: Zeit mit der Familie, Gespräche, Natur, Gemeinschaft.

Außerdem fehlt häufig die Geduld. Nachhaltige Veränderungen brauchen Zeit. Ein Baum wächst schließlich auch nicht über Nacht. Doch viele erwarten sofortige Lösungen. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stehen unter enormem Druck. Das führt manchmal zu hektischen und auch falschen Entscheidungen.

Ich wünsche mir wieder mehr Dialog statt ständiger gegenseitiger Vorwürfe. Nachhaltigkeit gelingt nur gemeinsam.


LINUS WITTICH: Viele junge Menschen engagieren sich stark für Klima- und Umweltschutz. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Manfred R.: Grundsätzlich finde ich das wunderbar. Junge Menschen bringen Energie und neue Ideen mit. Es ist wichtig, dass sie Fragen stellen und Missstände ansprechen. Ohne junge Stimmen würde vieles gar nicht diskutiert werden.

Aber ich glaube auch, dass beide Generationen voneinander lernen müssen. Die ältere Generation hat oft praktische Erfahrungen und kennt Zeiten, in denen Ressourcen knapp waren. Die jüngere Generation bringt technisches Wissen und neue Perspektiven ein. Wenn man diese beiden Seiten verbindet, kann viel Gutes entstehen.

Gegenseitige Schuldzuwendungen im Bundestag zB bringen da nichts, weiter möchte ich gar nicht darauf eingehen.


LINUS WITTICH: Gibt es Momente, in denen Sie pessimistisch in die Zukunft blicken?

Manfred R.: Natürlich gibt es diese Momente. Wenn man die Nachrichten verfolgt, kann einem manchmal Angst und Bange werden. Klimakrise, Kriege, gesellschaftliche Spaltung - vieles wirkt überwältigend. Aber ich versuche trotzdem, optimistisch zu bleiben.

Die Menschheit hat schon viele Krisen überstanden. Entscheidend ist, dass wir nicht resignieren. Jeder Mensch kann im Kleinen etwas verändern. Nachhaltigkeit beginnt oft mit kleinen Entscheidungen: regional einkaufen, weniger verschwenden, bewusster konsumieren, manchmal auch ein wenig verzichten...

Ich glaube fest daran, dass viele kleine Schritte zusammen Großes bewirken können.


LINUS WITTICH: Welche Rolle spielt (IHRE) Heimatliebe beim Thema Nachhaltigkeit?

Manfred R.: Eine sehr große Rolle. Wer seine Heimat liebt, möchte sie bewahren. Ich denke oft an die Wälder rund um Saalfeld zurück. Diese Landschaften haben meine Kindheit geprägt. Wenn ich heute sehe, wie Wälder unter Trockenheit leiden, gerade Richtung Rennsteig fast alles abgeholzt wurde und ich einen Schlafzimmerschrank aus Thüringer Fichte „Made in China“ kaufen kann, trifft mich das wahnsinnig emotional.

 

 

Heimat ist mehr als ein Ort. Heimat ist Erinnerung, Identität, Gefühl. Nachhaltigkeit bedeutet auch, kommenden Generationen diese Heimat zu erhalten. Damit Kinder noch erleben können, wie ein klarer Bach aussieht oder wie frische Waldluft riecht.


LINUS WITTICH: Viele Menschen fühlen sich durch die Vielzahl an Problemen überfordert. Was würden Sie ihnen raten?

Manfred R.: Sich nicht verrückt machen lassen. Man kann nicht allein die Welt retten. Aber man kann Verantwortung für sein eigenes Umfeld übernehmen. Oft beginnen Veränderungen direkt vor der Haustür, ausgelöst durch keine Aktionen, die jeder kann, keinem weh tun:

Vielleicht öfter das Fahrrad nehmen. Lebensmittel bewusster einkaufen. Dinge reparieren statt sofort wegwerfen. Mit Nachbarn reden. Gemeinschaft pflegen. Das klingt banal, aber genau dort entsteht echte Nachhaltigkeit.

Außerdem sollten wir lernen, wieder dankbarer zu sein. Für Wasser aus dem Hahn, für Frieden, für Natur, den wohltuenden Walspaziergang. Vieles erscheint selbstverständlich, ist es aber nicht.


LINUS WITTICH: Was bedeutet Ihnen persönlich Lebensqualität?

Manfred R.: Lebensqualität hat für mich wenig mit Luxus zu tun. Es sind die einfachen Momente: morgens ein Spaziergang, ein gutes Gespräch, Zeit mit Menschen, die man liebt. Auch Ruhe gehört dazu. Heute sind viele Menschen permanent erreichbar, ständig online. Das macht auf Dauer krank.

Früher saßen Menschen abends zusammen, haben erzählt oder musiziert. Heute schaut oft jeder auf sein eigenes Display. Dabei brauchen wir echte Begegnungen mehr denn je.


LINUS WITTICH: Glauben Sie, dass Nachhaltigkeit manchmal falsch verstanden wird?

Manfred R.: Ja, durchaus. Viele verbinden damit nur Verbote oder Einschränkungen. Aber Nachhaltigkeit kann auch Lebensqualität bedeuten. Weniger Stress. Mehr Bewusstsein. Bessere Ernährung. Mehr Nähe zur Natur.

Natürlich müssen wir unseren Lebensstil hinterfragen. Aber das heißt nicht automatisch, dass das Leben schlechter wird. Vielleicht wird es sogar menschlicher.


LINUS WITTICH: Welche Erinnerungen aus Thüringen tragen Sie bis heute besonders im Herzen?

Manfred R.: Oh, da gibt es viele. Die Wälder im Morgennebel. Weihnachtsmärkte mit diesem besonderen Duft aus Glühwein und gebrannten Mandeln, Thüringer Bratwürsten und frischem Rostbrätel. Die Menschen dort haben oft eine gewisse Bodenständigkeit und Herzlichkeit.

Thüringen, Saalfeld bleibt immer ein Teil von mir. Dort liegen meine Wurzeln und auch meine Urahnen begraben. Auch wenn ich heute in Mellrichstadt lebe und mich hier sehr wohlfühle - Heimat vergisst man nie - sie sitzt im Herzen.


LINUS WITTICH: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Manfred R.: Mehr Menschlichkeit. Mehr gegenseitigen Respekt. Und mehr Mut, Dinge langfristig zu denken. Nachhaltigkeit bedeutet letztlich Verantwortung - nicht nur für uns selbst, sondern auch für kommende Generationen.

Ich wünsche mir, dass Kinder wieder mehr Natur erleben können. Dass Menschen lernen, bewusster zu leben, ohne dabei ständig Angst zu haben. Und dass wir erkennen, dass echter Fortschritt nicht nur aus Technik besteht, sondern auch aus Mitgefühl und Vernunft.


Als das Gespräch langsam zu Ende ging, war es draußen bereits dunkel geworden. Die Lichter des kleinen Cafés spiegelten sich in den regennassen Straßen von Mellrichstadt. Herr R. nahm einen letzten Schluck Kaffee und blickte kurz schweigend aus dem Fenster. Man spürte in seinen Worten nicht nur Sorge um die Zukunft, sondern auch Hoffnung. Hoffnung darauf, dass Menschen wieder näher zusammenrücken, Verantwortung übernehmen und lernen, bewusster mit ihrer Heimat und miteinander umzugehen.

Das Gespräch mit Manfred R. zeigte eindrucksvoll, dass Nachhaltigkeit weit mehr ist als ein politisches Schlagwort. Es geht um Haltung, Werte und die Frage, wie wir leben wollen - heute und morgen. Und vielleicht beginnt echte Veränderung tatsächlich genau dort, wo Menschen ihre Heimat lieben und bereit sind, sie zu bewahren.

Herzlichen Dank Herr R. - man sieht sich ja immer mindestens zweimal im Leben, so sagt man - sind wir also gespannt. Bis dann…

Mirko Reise,

LINUS WITTICH Medien KG, 98693 Ilmenau