Titel Logo
Freisener Nachrichten
Ausgabe 26/2020
Kirchliche Nachrichten
Zurück zur vorigeren Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Predigt - Not lehrt beten

Liebe Schwestern und Brüder,

„die Not lehrt beten“. Wie oft habe ich diesen Satz schon von älteren Menschen gehört, wenn es um die Frage geht, warum sich immer weniger Menschen an Gott halten, oder nicht mehr die heilige Messe besuchen. Den Menschen geht es zu gut, wird vermutet, wenn sich die Zeiten mal wieder ändern, dann werden sie von selbst wieder anfangen zu beten, so die landläufige Meinung. Gerade in Krisenzeiten hätten viele Menschen das Bedürfnis - so wurde bisher auch von Experten angenommen - sich mit dem Lebenssinn zu beschäftigen. Im Verlangen zu beten bekunde sich folglich auch eine Verunsicherung, die viele Menschen im Hinblick auf eine durch Krankheit und wirtschaftliche Not gefährdete Existenz fühlen.

Jetzt haben sich die Zeiten geändert und eine seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr dagewesene Krise hat unseren gesamten Planeten in Alarmzustand versetzt. Das Coronavirus hat die ganze Welt im Griff und stellt sie auf den Kopf. Die wirtschaftlichen Aussichten für unser Land nehmen bedrohliche Züge an und sind doch im Vergleich zu den Prognosen für andere Länder dann noch erträglich. Das Elend und die Not, die in vielen Ländern um sich greifen, sind nicht mehr aufzuhalten. Die Toten, die vielerorts zu beklagen sind, lassen einem den Atem stocken.

Nun ist die Not groß, doch wie sieht es mit dem Beten aus? Ich jedenfalls, habe noch nicht in den Medien gehört, dass jemand mal ernsthaft zum Gebet auffordert. Auch stelle ich nicht fest, dass in unseren Kirchen mehr Kerzen brennen. Die Gottesdienste, die ich im Internet übertrage, werden sogar von Sonntag zu Sonntag weniger angeschaut. Von wegen, die Not lehrt beten!

Stattdessen hört man nur noch Diskussionen über die Lockerungen von Corona - Auflagen. Wir sollten doch schon in unserem Land andere Sorgen haben, als ob uns wieder möglich ist in ein Restaurant zu gehen, Fußball zu schauen und im Sommer in ferne Länder in Ferien zu fliegen.

Dabei wäre es meiner Meinung nach viel wichtiger, sich in diesen Zeiten mal wieder auf eine höhere Macht zu besinnen, die wirklich helfen kann.

Hier kann das Gebet förderlich sein, die Unsicherheit zuzulassen und festzustellen, dass man die Lage gerade selbst nicht kontrollieren kann, was aber zwangsläufig nicht bedeuten muss, dass alles ein schlechtes Ende nimmt. So kann der Mensch in einem Gebet seine Not auch anders wahrnehmen. Das Gebet kann dazu beitragen nicht zu verzweifeln, weil man ja Gott um Hilfe anruft; zumindest um Hilfe zu etwas mehr Ruhe und Gelassenheit. Ein Gebet ist zugleich ein kleines Wunder. Der Beter verlässt sich, lässt sich selbst los und wendet sich Gott zu. Das ist ja der Sinn jeglichen Betens: man muss nicht beten, weil man an Gott glaubt, man muss beten, weil man nicht nur an sich selber glaubt. So bringt das Beten den Menschen zurück ins Gleichgewicht, weil spürbar wird, das man nicht alles sich selber verdankt.

Die Heilige Schrift berichtet immer wieder, dass Jesus gebetet hat. Und er zweifelte überhaupt nicht daran, ob überhaupt das Beten erhört wird. Wenn es bei den Menschen so ist, dass, wenn man jemanden eindringlich bittet, diese einen nicht zurückweisen, dann gilt das umso mehr für das Gebet zu Gott, erzählt er in seinen Gleichnissen. „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“

Aber stimmt dieses Wort des Herrn mit unseren Erfahrungen überein? Denn jeder von uns kennt wohl genügend Beispiele von Menschen, wo eben das nicht eingetroffen, deren Gebete nicht erhört worden sind. Aber wenn ich Jesus richtig verstehe, dann will er uns auch nicht sagen, dass wir durch Beten genau das bekommen, um was wir gebeten haben. Dann wäre ja Gott wie ein Automat, in den ich eine Münze werfe und dann genau das bekomme, wofür ich bezahlt habe. Er sagt nicht: „Bittet, so werdet ihr genau das erhalten, was ihr wollt.“ Vielmehr sagt er: „Bittet, und ihr werdet etwas von Gott erhalten.“

Das haben doch wohl schon ganz viele von uns erfahren. Wir haben erlebt, dass Gebete scheinbar nicht erhört worden sind, jedenfalls nicht so, wie wir das in diesem Augenblick gerne gehabt hätten.

Aber im Nachhinein konnte man feststellen, dass es für uns überhaupt nicht so „bekömmlich“ gewesen wäre, wenn wir unbedingt das erhalten hätten, wofür wir gebeten haben. Gottes Wille war etwas anderes, als es der unsere war. Später sind wir ihm sogar dann dankbar gewesen, dass er seinen und nicht unseren Plan verwirklicht hatte.

Allerdings bleiben, das muss ich hier eingestehen, manchmal Fragen. Manchmal gibt es Situationen, in denen Gottes Wille unverständlich bleibt. Manchmal ist Gott einfach nicht zu verstehen und man erhält auch im Gebet keine zufriedenstellende Antwort. Selbst Jesus hat diese Erfahrung gemacht, als er im Garten Gethsemane betete, der Vater solle diesen Kelch an ihm vorübergehen lassen und dann doch gekreuzigt wurde. Es gibt Situationen, die sich auch durch Beten nicht verändern lassen. Aber dann kann das Gebet vielleicht uns verändern und unsere Einstellung dazu. Vielleicht kann es uns helfen, sich in den Willen Gottes zu fügen, auch dann, wenn wir ihn nicht verstehen. „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Das kann - liebe Gemeinde - mitunter sehr schwer und schmerzlich sein. Aber wenn es uns gelingt, „dein Wille geschehe“ aus ehrlichem Herzen zu beten, dann können wir loslassen, dann kann es uns auf wunderbare Weise befreien und entlasten. Dann hilft Gebet eben so.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Pastor

Dr. Hanno Schmitt