Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
manchmal sind es Orte, die mehr erzählen als jede Statistik. Der BING IN TREIS ist so ein Ort. Früher Bahnhofsgaststätte, danach lange Zeit ein Stück Dorfmittelpunkt mit Zapfhahn und Stammtisch. Als 2022 das letzte Bier gezapft war, stand zunächst einmal die Frage im Raum: War’s das? Oder geht da noch mehr?
Heute wissen wir: Es ging mehr. Viel mehr! Dass aus der ehemaligen Gaststätte eine lebendige Begegnungsstätte werden konnte, war kein Selbstläufer. Die Stadt hat das Gebäude damals für 220.000 Euro erworben - eine Entscheidung, die nicht nur Beifall bekam. Es gab kritische Stimmen, sogar der Bund der Steuerzahler wurde eingeschaltet. Auch das gehört zur Wahrheit. Aber wir sind standhaft geblieben, weil wir überzeugt waren: Ohne Orte der Begegnung kann keine Gemeinschaft entstehen.
Was danach folgte, war ein Zusammenspiel, wie man es sich als Bürgermeister nur wünschen kann. Engagierte Bürgerinnen und Bürger gründeten den Verein „Treiser Dorfleben“, heute mit über 100 Mitgliedern. Es wurde ein Nutzungsvertrag geschlossen, Veranstaltungen organisiert, Kultur ins Dorf geholt, Raum für Gespräche, Spieleabende und demokratischen Austausch geschaffen. Der BING wurde wieder zum Treffpunkt - zum Pulsschlag von Treis, wie es Kreisbaudezernent Christian Zuckermann treffend formulierte.
Ein Meilenstein war nun die Übergabe des Förderbescheids über 500.000 Euro aus dem europäischen LEADER-Programm. Als erste Kommune im Landkreis Gießen erhalten wir eine Förderung in dieser Höhe. Der Antrag wurde im November 2025 gestellt - und schon Ende Dezember bewilligt. Das war, um es salopp zu sagen, erste Sahne. Möglich wurde das nur durch eine schnelle Bauantragsbearbeitung, enge Abstimmungen mit der WI-Bank, dem Landkreis, dem Verein Region Gießener Land und der zuständigen Abteilung für den ländlichen Raum beim Lahn-Dill-Kreis in Wetzlar. Besser kann Zusammenarbeit kaum funktionieren. Herzlichen Dank dafür an alle Beteiligten!
Mit den Fördermitteln und dem im städtischen Haushalt eingeplanten Investitionsgeld, zusammen rund 1,2 Mio. Euro, gehen wir nun die Sanierung an: Dach, Fenster, Heizung, Barrierefreiheit. Schritt für Schritt, mit dem Ziel, den BING bis Ende 2027 zukunftsfest zu machen - innen wie außen.
Besonders wichtig ist mir dabei, dass der Bing künftig zwei starke Standbeine hat. Neben der Begegnungsstätte für die Dorfgemeinschaft wird das Obergeschoss künftig von der Schülerbetreuung der Treiser Grundschule genutzt. Rund 90 Prozent der etwa 80 Grundschulkinder nehmen das Ganztagsangebot in Anspruch - eine Zahl, die zeigt, wie sehr sich Schule und Familienleben verändert haben. Dafür braucht es Raum, Verlässlichkeit und gute Bedingungen.
Dass der Landkreis hier als Partner einsteigt und sich mit einer zusätzlichen Investitionssumme von 200.000 Euro auch finanziell stark beteiligt, ist ein wichtiges Signal. Die Vereinbarung ist langfristig angelegt, auf 20 Jahre, und für alle Seiten gewinnbringend. Kinder lernen und spielen im Herzen ihres Dorfes, Eltern profitieren von kurzen Wegen, und das Gebäude wird ganztägig sinnvoll genutzt. Genau so stelle ich mir moderne Dorfentwicklung vor: nicht getrennt nach Zuständigkeiten, sondern gemeinsam gedacht.
Der Bing ist damit kein Luxusprojekt. Er ist Ausdruck von Gemeinwohl, von Innenentwicklung, vom Erhalt alter Bausubstanz und vor allem vom Engagement einer Bürgerschaft, die den Kopf nicht in den Sand gesteckt hat. Ohne die Treiserinnen und Treiser gäbe es diesen Ort nicht.
Ob sich das „lohnt“, wird manchmal gefragt. Meine Antwort ist klar: Ja. Nicht nur finanziell, sondern auch menschlich. Begegnungsstätten wie der BING sind kein Selbstzweck. Sie halten Dörfer lebendig. Und genau darum geht es!
Eigentlich war vorletzten Freitag alles angerichtet für einen ganz normalen Veranstaltungsabend in Hungen. Auf Fragen vorbereitet, zahlreiche Hände schon im Vorfeld geschüttelt, geschniegelt und gebügelt - und dann kam sie: die Treppe. Unscheinbar, unschuldig, aber mit eindeutig krimineller Energie. Was dann folgte, hatte weniger mit Kultur und mehr mit Slapstick zu tun. Ich stolperte, fiel und lernte in Sekundenbruchteilen den Boden sehr persönlich kennen. Ende der Veranstaltung, bevor sie für mich überhaupt begonnen hatte.
Seitdem laufe ich mit einem VEILCHEN IM GESICHT herum, das sich farblich so entwickelt, als hätte ein expressionistischer Maler freie Hand bekommen. Tiefes Blau, dann ein Hauch Lila, inzwischen schimmert es hoffnungsvoll grün. Kunst am Kopf, sozusagen.
Natürlich schossen sofort die wildesten Gerüchte ins Kraut. Preisboxkampf? Auseinandersetzung mit einem Kollegen? Besonders mein Licher Kollege Julien Neubert geriet ins Fadenkreuz der Spekulationen - angeblich hätte er nach der Rede, die ich gemeinsam mit Bürgermeister Steinz aus Heuchelheim zu seinem zweiten Amtsantritt gehalten habe, allen Grund gehabt, mir eine mitzugeben. Zugegeben: Wir haben ihn verbal schon ein wenig auf die Schippe genommen. Aber ich versichere hoch und heilig: Julien ist völlig unschuldig, meine Nase ebenfalls - nur die Treppe nicht.
Die Wahrheit ist viel banaler und leider auch peinlicher: Ich war ganz alleine schuld. Kein Gegner, kein Drama, nur ein falscher Schritt. Der Notarztwagen brachte mich standesgemäß nach Gießen ins Uniklinikum. Diagnose: Prellungen, eine Schnittwunde am Auge, ein paar Stiche - und verdammt viel Glück gehabt.
Blieb nur die Frage: Wie geht man politisch, gesellschaftlich und optisch korrekt mit einem Gesicht um, das aussieht wie eine Wetterkarte? Inspiration fand ich beim französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der kürzlich mit äußerst lässiger Sonnenbrille unterwegs war. So eine dachte ich mir, das wäre doch was. Meine (nicht erfolgte) Anfrage an den Élysée-Palast blieb allerdings unbeantwortet. Sehr bedauerlich!
Der nächste Versuch: die Olaf-Scholz-Gedächtnisklappe. Kurz getestet, sofort verworfen. Steht mir nicht. Überhaupt nicht. Also blieb mir nichts anderes übrig, als das Veilchen offen zu tragen - als Mahnmal, Modeaccessoire und Gesprächseinstieg zugleich.
Ich bin aber optimistisch. Denn wer schon den Farbwechsel Richtung Grün erreicht hat, weiß: Das Ende ist in Sicht. Und bis dahin gilt: Lieber ein ehrliches Veilchen von einer Hungener Treppe als falsche Gerüchte von Preisboxkämpfen. Vorhang zu, Treppe im Blick.