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Ausgabe 3/2026
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Das besondere Interview - Menschen aus unserer Heimat

 

Ein Interview, geführt von Mirko Reise, LW Medien KG

Manche Gespräche sind mehr als ein Interview - sie sind eine Begegnung über Grenzen hinweg. Für unser Medienhaus ist dieses Gespräch mit Olympiasiegerin Andrea Henkel genauso ein Moment. Wir sind stolz, eine der erfolgreichsten Biathletinnen der Welt für „Das besondere Interview“ gewonnen zu haben - geführt über Kontinente hinweg, dieses Mal zwischen Thüringen und den USA, rein digital, verbunden durch gemeinsame Erinnerungen, Haltung und Leidenschaft für den Sport.

Aufgewachsen unweit des Rennsteigs, in der kleinen Stadt Großbreitenbach, begann hier der Weg einer Athletin, die später die großen Biathlon-Bühnen der Welt prägen sollte und das in guter Begleitung, der ebenso erfolgreichen älteren Schwester Andreas, Manuela Henkel im Skilanglauf.

Seit nunmehr einem Jahr stellen wir in dieser Rubrik Menschen vor, die wir für besonders halten. Menschen, die inspiriert haben, die bewegt haben, die Spuren hinterlassen.

Andrea Henkel ist eine von ihnen. Sie steht für Disziplin, Bodenständigkeit und einen Weg, der weit über Medaillen und Erfolge hinausreicht. Dieses Interview ist eine Einladung, hinter die Kulissen einer außergewöhnlichen Karriere zu blicken - und zugleich ein persönliches Gespräch über Herkunft und Aufbruch.

Kindheit, Heimat & Oberhof

Du bist in Großbreitenbach im Thüringer Wald aufgewachsen - was bedeutet dir Oberhof ganz persönlich?

In Großbreitenbach wurden die Grundsteine gelegt. Ohne den Großbreitenbacher Skiverein und die gute allgemeine sportliche Ausbildung in jungen Jahren wäre ich nie an die Sportschule in Oberhof gekommen. In Oberhof fand ich erst einmal das Internatsleben super spannend. Schule, Sport und immer viele um sich herum, die das Gleiche machen, sind auf jeden Fall motivierend, und wenn dann noch ein paar Erfolge hinzukommen, macht das Ganze noch viel mehr Spaß. Durch Oberhof wurde mir eine Welt eröffnet, die mein ganzes Leben geprägt hat, wie ich es nicht hätte erahnen können. Und wie gesagt, die Grundlagen dafür wurden in Großbreitenbach gelegt.

Erinnerst du dich an deinen ersten Kontakt mit dem Biathlonsport in Oberhof?

Meinen ersten Kontakt mit dem Biathlonsport hatte ich in Großbreitenbach. Ich glaube, bei meinem ersten Biathlonwettkampf in Oberhof habe ich mich verlaufen … da war ich quasi weniger erfolgreich.

Wie hat dich die Natur und das Klima im Thüringer Wald als Athletin geprägt?

Es gab mal eine Kampagne, bei der Athleten ein Statement über Oberhof abgegeben haben. Meins war: „Ich mag Oberhof, weil die Natur hier zum Austoben einlädt.“ Oberhof hat ja nicht unbedingt den besten Ruf, wenn es um das Klima und das Wetter geht, welches manchmal etwas rau sein kann. Ich denke aber, dass ich relativ wetterunempfindlich bin. Ich gehe einfach raus, wenn ich raus will, und warte nicht auf Sonnenschein. Ob das mit Oberhof zu tun hat oder mit meinem Drang nach Frischluft, weiß ich nicht. Auf jeden Fall finde ich es super angenehm, dass es in Oberhof selten richtig heiß wurde.

War Oberhof für dich immer ein Sehnsuchtsort - oder einfach „ganz normaler Alltag“?

Als 9-Jährige war es ein Sehnsuchtsort - damals hatte ich die geheime Idee, auch mal auf die Sportschule zu gehen. Später ein sehr geschätzter Wohn- und Trainingsort, der mir alles bot, was ich mochte und brauchte, inklusive vieler Menschen, die ich in Oberhof treffen konnte und mit denen ich viele Jahre verbracht habe. Es ist eine ganz besondere Gemeinschaft, in der man sich an vielen Orten der Welt immer mal über den Weg läuft.

Großbreitenbach oder Oberhof?

Alles hatte seine Zeit und jetzt ist es Lake Placid :)

Einstieg in den Biathlon

Warum ausgerechnet Biathlon - und nicht eine andere Wintersportart?

Ich war Langläuferin in Großbreitenbach, als das Damenbiathlon olympisch wurde. Im Zuge dessen hat damals die DDR-Regierung beschlossen, dass alle Langläuferinnen, die in Trainingszentren trainierten, in denen die Jungs Biathlon machen, nun jetzt auch Biathlon machen - und ich war eine davon. Zum Langlauf bin ich gekommen, weil meine große Schwester, Manuela, beim Langlauf war und ich dieselbe Medaillen-Dekoration über meinem Bett hängen wollte.

Was hat dich von Anfang an an der Kombination aus Ausdauer und Präzision fasziniert?

Mit 12 Jahren denkt man da nicht drüber nach; es hat einfach sehr viel Spaß gemacht, inklusive der Trainingslager und Wettkämpfe. Ich war schwer ruhig zu stellen, (zumindest wenn es um Bewegung ging, sehr laut war ich auf keinen Fall) und entwickelte mit der Zeit auch einen gewissen Ehrgeiz.

Wie sah dein Training in jungen Jahren in und um Oberhof aus?

Es war sehr abwechslungsreich. Neben dem „normalen“ Biathlontraining - Laufen und Schießen, haben wir viel allgemeine Athletik gemacht - Turnen, Hindernisläufe (das hat mir immer sehr viel Spaß gemacht), Spiele, Krafttraining…. und das mindestens 5-mal die Woche.

Gab es Trainer:innen oder Vorbilder aus Oberhof, die dich besonders inspiriert haben?

Am meisten war ich von dem Sportler-Internatsleben und den Wettkampfreisen inspiriert.

 

 

Der Weg zur Olympiasiegerin

Welche Station auf deinem Weg zur Olympiateilnahme war die wichtigste?

Alle waren wichtig. Angefangen damit, dass ich schon ein sehr aktives Kind war und immer draußen spielte. Kein Klettergerüst war vor mir sicher. Dass ich mit der Schuleinführung mit Langlauf und Gymnastik begonnen habe. Ganz wichtig war auch, dass wir in Großbreitenbacher Athleten nach der Wende mit all den Veränderungen von Siegfried Weigelt aus Scheibe-Albach mitunterstützt wurden. Dann natürlich der Schritt/Qualifikation an die Sportschule. Besonders wichtig war auch, dass mich nach meinem ersten etwas holprigen Jahr als Seniorin wieder gefangen hatte. Auch holprige Stationen sind oft super wichtig für die Weiterentwicklung.

Was war der schwierigste Moment deiner Karriere im Biathlon?

Als sich irgendjemand ausdachte, eine Liste an die Medien zu schicken, mit Athleten darauf, die bei einer Blutbank in Wien gewesen sein sollen und man nur hoffen kann, dass man uns glaubt, wenn wir beteuern, dass dies nicht der Fall war. Und wenn man dann im zweiten Schritt glaubt, dass die haltlosen Anschuldigungen wieder aus der Welt sind und dann doch wieder aufkommen, während der WM.

Wie hast du gelernt, mit dem Druck am Schießstand umzugehen?

Mir hat das Schießen immer viel Spaß gemacht, und ich war relativ schnell ganz erfolgreich am Schießstand, sodass ich das Schießen weniger als Druck als vielmehr als meine Stärke angesehen habe. In den letzten Jahren meiner Karriere hat sich das etwas gedreht, dann kam schon mal etwas Druck, aber das gehört zum Leistungsport dazu (und wahrscheinlich nicht nur dort). Dann bin ich am Schießstand mit Fokus auf die Schießelemente. Gegen Druck kann man nichts machen; es geht darum, wie man damit umgeht.

Welche Rolle spielte die Unterstützung aus der Heimatregion auf deinem Weg nach oben?

Wie schon angesprochen. Ohne die Voraussetzungen, die ich in Großbreitenbach hatte, wäre ich nicht zum Leistungssport gekommen und dann auch nicht an die Sportschule. Die Unterstützung der Region war sehr entscheidend. Ich hatte gute Trainer und beste Trainingsbedingungen. Das ist nicht selbstverständlich. Dann liegt natürlich auch noch am Sportler selbst, was man aus diesen Voraussetzungen und dieser Unterstützung macht oder machen kann.

Olympische Spiele

Wie hast du dich mental auf den olympischen Wettkampf vorbereitet?

Ganz ehrlich, gar nicht. Ich bin an das Rennen wie an alle anderen Rennen gegangen. Ich wollte zeigen, dass ich den Startplatz verdient habe, denn eigentlich sollte ich gar nicht laufen. Und ich hatte mich gefreut, dass ein bisschen Wind vorhergesagt war, da das alles etwas interessanter machte.

Gab es im Rennen einen Moment, in dem du wusstest: Das könnte heute mein Tag werden?

Ich hatte ein gutes Rennen, aber auch eine frühe Startnummer (26); deswegen wusste ich nicht, was das Rennen wirklich wert war, bis ich ganz aufgeregt von meiner Schwester im Ziel empfangen wurde.

Was war emotional intensiver - der letzte Schuss oder der Zieleinlauf?

Die Zielgerade von Liv Grete Skjelbreid und als meine Zeit umsprang, und damit war klar, dass ich gewonnen hatte.

Wie oft hast du in Gedanken nach Oberhof zurückgeblickt, als du auf dem Podest standest?

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr alles, was ich damals dachte, als ich auf dem Podest stand. Das ging alles sehr schnell. Ich weiß noch, wie froh ich war, dass ich mich durchgesetzt hatte, dieses Rennen starten zu dürfen. Es war super schön, dass meine Schwester da war.

Bedeutung von Oberhof & Biathlon heute

Was macht Oberhof aus deiner Sicht zu einem besonderen Biathlon-Standort?

Abgesehen vom regelmäßig voll besetzten Stadion zum Weltcup und der völlig wetterunabhängigen guten Stimmung ist Oberhof auch ein Top-Trainingsort für Biathlon. Es ist alles da, was man braucht, und sogar noch mehr.

Wie wichtig sind Orte wie Oberhof für die Nachwuchsarbeit im deutschen Biathlon?

Super wichtig, aber der Ort allein reicht nicht aus für gute Nachwuchsarbeit. Es braucht auch gute Trainer und natürlich auch Jugendliche, die alles mögen, was zum Biathlon und zum Biathlontraining gehört.

Was würdest du jungen Athletinnen raten, die heute in Oberhof trainieren und große Träume haben?

Für ihre Träume zu leben! Zu verstehen, dass es Spaß macht, zu schwitzen und zu trainieren, und dass es zu einem großen Teil an ihnen liegt, ob dieser Traum wahr werden kann. Die Trainingsbedingungen könnten nicht besser sein.

Wenn du heute nach Oberhof zurückkommst - fühlt es sich eher nach Heimat oder nach Karrierebeginn an?

Es fühlt sich nach einem Ausflug in mein altes Leben an.

Liebe Andrea - ich danke Dir für das tolle Interview, welches wir über diese weite Entfernung gemacht haben und lade Dich natürlich, beim nächsten Heimatbesuch gern mal zu uns hier ins Medienhaus ein.

Ich wünsche Dir alles Gute und ein tolles Leben - immer ein paar EUR (Dollar) in der Hosentasche und wünsche mir, dass Du die herrliche Zeit in der alten Heimat weiterhin so positiv genießen kannst.