Warum sind Frauen in der Kommunalpolitik deutlich unterrepräsentiert? Zu diesem Thema nahm die Politikwissenschaftlerin Louisa Anna Süß (Ruhr-Universität Bochum) im Rahmen eines Vortrags auf Einladung des Gleichstellungsbüros der Stadt Wetzlar am Donnerstag, 19. März, im Wetzlarer Rathaus Stellung. Rund 25 Gäste folgten dem Vortrag „Nun sag’, wie hast du’s mit der Parität? Frauen in der Kommunalpolitik" im Stadtverordnetensitzungssaal. Mit einem eindrücklichen Vergleich verdeutlichte Süß die Schieflage im Lahn-Dill-Kreis: Der Name Christian - vertreten in Aßlar, Lahnau, Braunfels und bald Haiger - tauche bei den amtierenden (und künftigen) Bürgermeistern doppelt so häufig auf wie Frauen insgesamt dieses Amt innehätten (Greifenstein, Solms). Auch vor Ort zeige sich das Ungleichgewicht: In der neu gewählten Stadtverordnetenversammlung in Wetzlar sinke der Frauenanteil von zuletzt 42,5% auf nun 37,3%. Süß ordnete die Zahlen bundesweit ein: Auf kommunaler Ebene seien im Durchschnitt zwar 37,3% der Ratsmitglieder weiblich, doch mit wachsendem Grad an Verantwortung sinke der Anteil an Frauen deutlich - auf etwa 26% bei Fraktionsvorsitzenden und nur 11% bei Oberbürgermeistern.
Als zentrale Hürde auf dem Weg in Ämter beschrieb die Referentin die sogenannte „Rekrutierungsleiter": An jeder wichtigen Stufe auf dem Weg zu verantwortungsvollen Ämtern verlören Parteien und Fraktionen Frauen - aus vielfältigen Gründen, etwa fehlender Vereinbarkeit von (Ehren-)Amt und Familie, durch geschlechtsspezifische Sozialisation oder hemmende (Partei-)Strukturen. Dazu komme die permanente Zuschreibung, als Frau „immer zu …" zu sein - zu laut oder zu leise, zu nett oder zu aufmüpfig. Aktive Kommunalpolitikerinnen bestätigten diese doppelten Standards in der anschließenden Diskussion: Sie berichteten etwa, entweder dafür kritisiert worden zu sein, trotz neugeborenem Baby eine Sitzung zu leiten, oder - im umgekehrten Fall - für ihr Fehlen getadelt worden zu sein. So werde deutlich, dass viele Erwartungen kaum gleichzeitig erfüllbar seien.
In der Aussprache wurden konkrete Ansätze gesammelt, wie der Zugang von Frauen zur Politik erleichtert und ihr Verbleib gestärkt werden könne. Neben Austausch und Vernetzung ging es um transparente Verfahren, familienfreundliche Sitzungszeiten, Mentoring sowie die Sensibilisierung in Parteien und Parlamenten.