Ted Rosenthal legte Blumen zum Gedenken an seine Familie nieder (Fotos: Stadt Wetzlar)
Rund 100 Menschen folgten der Verlegung von sieben Stolpersteinen für die Familie Rosenthal in der Bannstraße.
Der Künstler Günter Demnig verlegte die Stolpersteine in der Bannstraße.
In der Wetzlarer Innenstadt sind am Montag, 13. April, weitere 28 „Stolpersteine" an sechs Stationen zum Gedenken an Wetzlarer Bürger, die während der Zeit des Nationalsozialismus vertrieben, deportiert oder ermordet wurden, verlegt worden. 25 Stolpersteine wurden in Wetzlar bereits 2009 und 2015 verlegt. Der Künstler Günter Demnig, der in den vergangenen 30 Jahren bereits über 125.000 Stolpersteine in 31 Ländern verlegt hat, verlegte die handgefertigten Steine mit Messingplaketten zusammen mit dem Stadtbetriebsamt. Zur ersten Verlegestelle in der Bannstraße am Fußgängerüberweg zum Forum kamen rund 100 Menschen zusammen, um der Aktion beizuwohnen. Als Ehrengast nahm Ted Rosenthal mit seiner Ehefrau aus New York teil, dessen Vater Erich Rosenthal sich der Verfolgung durch die Nationalsozialisten 1938 durch Flucht in die USA entziehen konnte. Sechs weitere Angehörige der Familie Rosenthal, die zuletzt in der Bannstraße 14 wohnten, wurden ermordet oder starben an den Folgen der Haft im KZ, darunter der Großvater von Ted Rosenthal, Theodor Rosenthal. Biographien der Familienmitglieder wurden von Schülern der Goetheschule Wetzlar vorgetragen, die sich im Rahmen eines Projektes im Geschichtsleistungskurs mit dem Schicksal der Familien Rosenthal beschäftigt hatten. Das Gedenken wurde musikalisch von Jörn Martens von der Wetzlarer Musikschule Lahn-Dill untermalt und mit einem Gebet von Rabbiner Shimon Grossberg abgeschlossen, der die gesamte Verlegeaktion begleitete.
Die zweite Station befindet sich in der Brückenstraße 5, wo vier Stolpersteine zum Gedenken an die Familie Stern, die bis 1935 an diesem Ort ein Bekleidungsgeschäft führte, verlegt wurden. Es folgten Verlegungen in der Langgasse für Angehörige der Familie Jessel, in der Lahnstraße für Familie Rabow, in der Weißadlergasse für Familie Davidsohn und schließlich am Geilberg für Ernst Jakob und Berta Sauer. Ernst Jakob Sauer wurde am 27.03.1945 noch kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner in Wetzlar von den Nationalsozialisten hingerichtet, weil er an seinem Haus am Geilberg ein Schild mit der Aufschrift „Schütze mein Haus. Wir sind keine Nazis. Wir begrüßen die Befreier." angebracht hatte. Für alle Stolpersteine wurden Patenschaften von Institutionen oder Privatpersonen übernommen, die die Kosten des Steins und nach Möglichkeit auch dessen Pflege umfasst. Die Paten sind: Goetheschule Wetzlar, Wetzlarer Geschichtsverein, Luise Goldstein, Barbara und Hans Joachim Deiker, Omas gegen rechts, Sybille Weißschädel, Margarete Rabow, Dagmar Beyer & Andrea Neischwander, Cornelia Sieber, Sigrid & Klaus Kirdorf, Irmtrude & Ernst Richter.
Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD) nannte die Stolpersteine einen „lebendigen Auftrag zur Zivilcourage": „Stolpersteine fordern uns auf, den Blick zu senken und das Herz zu öffnen." Jeder Stein sei ein leuchtendes Erinnerungszeichen, das dazu auffordere, Fragen nach den Geschichten der gedemütigten und ermordeten Menschen zu stellen. Wagner sprach sich dafür aus, künftig noch weitere Stolpersteine in Wetzlar zu verlegen.
Alle Biographien der Wetzlarer Bürger, für die Stolpersteine verlegt wurden, sind in einer Broschüre dokumentiert, die für 10 Euro beim Verein Wetzlar erinnert e. V. (Helgebachstraße 32, 35578 Wetzlar, Tel. 06441/921840, E-Mail: info@wetzlar-erinnert.de) erworben werden kann.
Wohnsitz/Wohnhaus Wetzlar | Name | Geburts-jahrgang | deportiert, verschollen, ermordet |
Bannstraße 14 | Theodor Rosenthal | 1881 | Schutzhaft 1938 KZ Buchenwald Tot 02.12.1938 Frankfurt |
| Hertha Rosenthal | 1888 | deportiert 1942 Region Lublin ermordet |
| Erich Rosenthal | 1912 | Flucht 1938 USA |
| Bernhard Rosenthal | 1883 | deportiert 1942 Region Lublin ermordet |
| Minna Rosenthal | 1896 | deportiert 1942 Region Lublin ermordet |
| Ernst Rosenthal | 1923 | deportiert 1942 Region Lublin, Majdanek, ermordet 25.09.1942 |
| Gerda Rosenthal | 1930 | deportiert 1942 Region Lublin ermordet |
Brückenstraße 5 | Klara Stern geb. Jessel | 1885 | deportiert 1941 Kowno/Kaunas Fort IX ermordet 25.11.1941 |
| Heinrich Stern | 1876 | gedemütigt/entrechtet tot 17.03.1937 Frankfurt |
| Erich Stern | 1910 | Flucht 1935 Palästina |
| Hans Stern | 1919 | Schutzhaft 1938 KZ Buchenwald Flucht 1938 England |
Langgasse 44 | Moritz Jessel | 1882 | Schutzhaft 1938 KZ Buchenwald deportiert 1943 Auschwitz ermordet 22.03.1944 |
| Christine Jessel | 1891 | ausgegrenzt/drangsaliert überlebt |
| Lore Brück geb. Jessel | 1924 | gedemütigt/entrechtet überlebt |
Lahnstraße 34 | Georg Rabow | 1891 | gedemütigt/entrechtet tot 05.03.1942 Frankfurt |
| Margarethe Rabow | 1895 | ausgegrenzt/drangsaliert überlebt |
| Heinrich Georg Rabow | 1920 | gedemütigt/entrechtet Zwangsarb. Clausthal-Zellerfeld überlebt |
| Oskar Emil Rabow | 1922 | gedemütigt/entrechtet 1944 KZ Buchenwald überlebt |
| Walter Friedrich Rabow | 1923 | gedemütigt/entrechtet Zwangsarb. Clausthal-Zellerfeld überlebt |
| Hans Joachim Rabow | 1924 | gedemütigt/entrechtet Zwangsarb. Clausthal-Zellerfeld überlebt |
| Ernst Ludwig Rabow | 1926 | gedemütigt/entrechtet Zwangsarb. Clausthal-Zellerfeld überlebt |
Weißadlergasse 1 | Georg Davidsohn | 1876 | Flucht 1939 Argentinien |
| Agnes Davidsohn geb. Rabow | 1881 | Flucht 1939 Argentinien |
| Kurt Davidsohn | 1905 | Flucht 1937 Argentinien |
| Heinz Davidsohn | 1912 | Flucht 1938 Argentinien |
| Lotte Davidsohn | 1912 | Flucht 1935 Argentinien |
Am Geilberg 4 | Ernst Jakob Sauer | 1880 | hingerichtet 27.03.1945 Friedhof Wetzlar |
| Bertha Sauer | 1884 | ausgegrenzt/drangsaliert überlebt |