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Stadtgespräch Spangenberg
Ausgabe 4/2026
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ARS NATURA

von links: Torso Belvedere, Torso Rodin, Torso Matisse

"Die große Aufgabe" Kuno und Else als Torsi mit Kopf, 2010 von Oliver Olthoff und Corian Siedentopf

2000 Jahre danach
Prägt der römische Limes die deutsche Psyche bis heute?
Aus: ingenieur.de, 07.02.2025

Es gibt zahlreiche Studien darüber, wie das Wirken der Römer in Germanien vor rund 2000 Jahren auf uns abgefärbt hat. Forschende verschiedener Universitäten gehen nun in eine Richtung, die bisher noch niemand erforscht hat: die Psychologie.

Forschende der Universität Jena sowie anderer internationaler Hochschulen analysierten umfangreiche psychologische Daten von mehr als 70.000 Befragten südlich und nördlich des Limes. Das Ergebnis zeigt eine deutliche Trennlinie: In den ehemaligen römischen Regionen weisen Menschen im Durchschnitt mehr Extraversion, eine höhere Gewissenhaftigkeit und geringeren Neurotizismus auf – Eigenschaften, die mit Wohlbefinden und einem gesunden Lebensstil verbunden sind.

Die Römer brachten eine Kultur mit, die auf Wohlstand, Hygiene und Fortschritt setzte. Diese Faktoren hatten nachhaltige Auswirkungen auf die Bevölkerung der besetzten Gebiete. Sie entwickelten sich wirtschaftlich und gesellschaftlich weiter, was wiederum langfristige kulturelle und psychologische Vorteile mit sich brachte.

Professor Michael Fritsch betont: „Die römische Besatzung hinterließ nicht nur physische, sondern auch kulturelle und psychologische Spuren, die sich bis heute in den Menschen widerspiegeln." Die Investitionen in Infrastruktur und Bildung schufen eine Basis, auf der folgende Generationen aufbauen konnten. Ein entscheidender Punkt ist dabei das Bildungsniveau.

Römische Gebiete profitierten von fortschrittlichen Verwaltungs- und Bildungssystemen, die die Verbreitung von Wissen erleichterten. Dies hatte langfristige Auswirkungen auf das intellektuelle und wirtschaftliche Wachstum der Region. Auch der Handel spielte eine wichtige Rolle: Städte und Dörfer innerhalb der römischen Provinzen hatten Zugang zu einem weitreichenden Handelsnetzwerk, das den Austausch von Waren und Ideen ermöglichte.

Die Idee des Torso – griechisch-römisch – modern

So wie das Wirken der Römer in Germanien dessen Kultur mitprägte, so ist die Bewunderung der Römer für Griechenland ein zentrales Thema der antiken Geschichte. Die Römer übernahmen griechische Kunst, Literatur, Philosophie und Mythologie. Römische Architektur und Kunst basierten stark auf griechischen Modellen, die kopiert oder weiterentwickelt wurden. Die römischen Eroberer stießen im 2. Jh. v. Chr. sowohl auf intakte als auch zerbrochene griechische Skulpturen. So ist es nicht eindeutig, ob der weltberühmte Torso vom Belvedere im Vatikan, der von dem athenischen Bildhauer Apollonios von Athen im 1. Jh. n. Chr. geschaffen wurde, nicht eine römische Kopie eines älteren griechischen Kunstwerks ist. Besonders in der Renaissance (der Wiedergeburt der antiken Ideale nach dem Mittelalter) wurden viele Kunstwerke der Antike wiederentdeckt, die die Künstler als Inspiration nutzten, Michelangelo als wesentliches Beispiel, der den Torso als ein nicht zu verbesserndes Ganzes betrachtete. Ein Torso besteht hauptsächlich aus dem Rumpf einer Statue oder Skulptur ohne die Gliedmaßen, den Kopf oder andere Details. Auguste Rodin, der beanspruchte, der Nachfolger Michelangelos im 19. Jh. zu sein, erklärte den Torso allgemein zu einer eigenen Kunstform. Er schuf mehrere Torsi. Seitdem gilt das Fehlen der Körperglieder nicht als Mangel, sondern als eine eigene Qualität. Henri Matisse entwarf 1906 einen Torso mit Kopf.

 

Auch die beiden Skulpturen der damaligen Kunststudenten Oliver Olthoff und Corian Siedentopf, die 2010 im Rahmen eines dreiwöchigen Workshops der Fakultät Gestaltung der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim in den Salzmann-Hallen in Spangenberg arbeiteten, schufen Kuno und Else als Torsi mit Kopf und nannten ihr Werk „Die große Aufgabe". Auch diese Torsi fordern die Betrachter deutlich dazu auf, das Fehlende in der eigenen Vorstellung zu ergänzen. Die Installation des Werks im Kaltenbacher Forst veranlasste damals einen Spangenberger, sich in einem Leserbrief in der HNA über die Figuren lustig zu machen. Kuno und Else könnten ganz ohne Arme und Beine ja gar nicht im gleichnamigen Spangenberger Theaterstück mitspielen.