Dann der Einmarsch der Amerikaner! Nein, erst Einmarsch der deutschen „Armee"! Vor Bernhardts Haus wollten sie sich eingraben, im Garten vor dem Haus. Es waren noch Kinder, sahen schrecklich aus, todmüde, erschöpft, schleppten Maschinengewehre mit sich. Frau Bernhardt hat die Kinder (14 – 15 Jahre) hereingerufen und für gutes Essen gesorgt. Frau Bernhardt und ich hatten uns verabredet, wir müssen dafür sorgen, dass sie weggehen, sonst geht nicht nur „unser" Haus, sondern das ganze Viertel kaputt. Ich habe dann mit den Soldaten geredet und habe gemeint, Bernhardts Garten wäre bestimmt nicht der richtige Platz usw. Ohne uns haben die es sich dann überlegt und sind weitergezogen. Sie konnten kaum das Zeug (Anm.: Waffen, Munition) tragen. Frau Bernhardt gab ihnen Verpflegung mit. Für diese Kindereinsätze sollten meines Erachtens alle Generäle, die mitgemacht haben, ihr ganzes Leben tagtäglich Maschinengewehre tragen.
Bald, einen Tag später, kamen die Amis. Weil Nachbars Keller tiefer war, waren wir (Bernhardts, Nachbarn und einige Leute, die ich nicht kannte) dort zusammen. Die Kellertür wurde aufgerissen, und da standen einige Amis mit Pistolen. Verabredet war, dass ich „Sprecher" war. Mit „Hände hoch" musste ich herauskommen, zeigte meinen Pass, und die wurden ganz freundlich. Ob es auch Soldaten gäbe in Wellerode? Ich sagte nein. Ich bekam Zigaretten und wurde gebeten mitzufahren. Aber da ich wirklich krank war, hatten sie glücklicherweise Verständnis.
Und gesund wäre ich auch nicht mitgegangen: Feiger Jan besser als toter Jan!
Soweit also der Bericht aus Holland. Einiges muss aber noch nachgetragen werden. Herr van den Berg betonte in einem seiner Briefe, dass er „eine Ausnahme" sei, „denn die meisten haben es sehr schlecht gehabt".
Anna Bernhard (Tichhänns)
Dann kam das Osterfest 1945, am Ostermontag, es war der 2. April, besetzten die Amerikaner Wellerode. Nico van den Berg hat das ja geschildert. Natürlich haben auch Bernhardts dieser Stunde entgegengezittert. Die Spannung wich erst, als Nico den amerikanischen Soldaten seinen holländischen Pass gezeigt und vor allem erklärt hatte, dass ihm in diesem Hause nichts passiert sei.
In den folgenden turbulenten Tagen verließen Bernhardts auf einem Gespann des Bruders Konrad Löwers Hof lag damals noch in der Bachstraße das Dorf Richtung Wattenbach. Nico war in eine Strohschütte auf den Wagen gepackt worden, denn aus seiner Erkältung von der Reise per Rad nach Marburg war eine schwere Lungenentzündung geworden.
Mit der Besetzung von Wellerode war Nico nach eineinhalb Jahren als Zwangsarbeiter wieder ein freier Mann mit dem einzigen Wunsch, möglichst bald wieder nach Hause zu kommen. Doch Anna Bernhardt bestand mit resoluter Fürsorglichkeit darauf, die Lungenentzündung auszukurieren. Also musste Nico noch längere Zeit das Bett hüten. In dieser Zeit waren aber Bernhardts auch sicher vor irgendwelchen Übergriffen durch befreite Zwangsarbeiter im Gefolge der amerikanischen Besatzungstruppen, besonders Diebstählen und, das wissen wir heute, letztlich belanglosen, kleinen Plündereien, gegen die es allerdings in den Apriltagen 1945 keinerlei Schutz gab, es sei denn, man hatte einen Nico im Haus.
Endlich im Mai machte sich Nico auf die Reise. Eigentlich müsste das in Anführungen gesetzt werden, denn mit einem gut gepackten Rucksack verließ er zu Fuß Wellerode und kam ebenso nach Wochen in Groningen an, allerdings ohne Rucksack, der unterwegs geklaut worden war. Mit ihm ging übrigens ein anderer Holländer: Toni, der beim Bäcker Werner als Zwangsarbeiter verpflichtet war. Die Nachricht von der glücklichen Heimkehr ließ lange auf sich warten,
Die vorstehend in Auszügen aufgeführten Augenzeugenberichte wurden dem Buch Zeugen und Zeugnisse von Dietmar Peter entnommen