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Heimatzeitung der Gemeinde Staufenberg
Ausgabe 17/2026
Heimatpflege
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Heimatpflege

Vor fast 100 Jahren als Kind in Nienhagen und in Dörfern der Umgebung

Von Erich Haldorn

Teil 2

Das neue Jahr begann bei uns Kindern mit dem Neujahrssingen. Bereits vor dem 1. Januar hatten wir Jungen uns abgesprochen, wir dürfen nicht in großen Trupps gehen, denn wenn man zu zweit geht, bekommt man mehr von den Leuten. Ich hatte mich abgesprochen mit meinem Freund Willi Kater, der aus Nieste mit seiner Familie zugezogen war. Willi kam zu uns und wir begannen bei unseren Nachbarn Eckhardt, das erste Lied zu singen. Der bessere Sänger war Willi und wir sangen immer das gleiche Lied: Ich bin der kleine Dicke und wünsche euch viel Glücke und ein langes Leben, müsst uns auch einen Fünfer geben. Wir hatten keinen Beutel mitgenommen, wenn man diesen dabei hatte, dachten die Leute, die wollten Plätzchen oder Äpfel, wir hätten aber lieber Geld. Man erhielt trotzdem öfter Äpfel und einige Nüsse. Im Allgemeinen bekamen wir aber 1 oder 2 Pfennig. Wenn wir Nüsse erhielten, steckten wir sie in die Hosentasche und bissen draußen an den Apfel, wenn er nicht schmeckte, warfen wir ihn weg. Als wir bei Wiemers ankamen und gesungen hatten, sagte Hermine Tante: "Ihr bekommt auch jeder einen Zweier, müsst aber auch den Rudolf mitnehmen." Rudolf war etwa 5 Jahre alt, wir waren 11 oder 12. Er war für uns Ballast. Rudolf machte aber die ganze Tour nicht mit und ging früher nach Hause. Jeder von uns hatte am Schluss unserer Tour etwa 60 bis 80 Pfennig zusammengesungen. Aus heutiger Sicht war es sicher nicht viel, da wir aber im Gegensatz zu heute kein Taschengeld von den Eltern erhielten, waren wir zufrieden mit dem Betrag. Damals galt das Sprichwort noch: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.

Dann kam für uns Kinder eine lange Zeitspanne bis zum Osterfest. Als Erwachsener hat man das Gefühl, sie ist kurz. Einige Tage vor dem Fest holten wir Moos aus dem Liebgehege zum Osternesterbauen in unseren Garten. Mutter hatte spät abends, als wir im Bett waren, Ostereier gefärbt. Großvater legte am Ostermorgen in der Frühe einige gefärbte Eier in unsere Nester. Gespannt schauten wir in die Nester, was der Osterhase uns gebracht hatte. Öfter lag ein Schokoladenhase dabei. Da wir schon Tage vor dem Fest von der Nachbarschaft gesagt bekamen: Hol dir Ostern ein Osterei. Das schönste Ei erhielten wir von Emma Tante aus der Gastwirtschaft Gerwig. Für alle Kinder im Unterdorf hatte sie ein Ei. Sie hatte unseren Vornamen in Sütterlinschrift auf das hellgrau gefärbte Ei geschrieben. Wenn alle Eier verspeist waren, wurde dieses lange verschont. Auch das Mittagessen von Mutter war etwas Besonderes zu Ostern, auch wurde extra Kuchen für die Feiertage gebacken.

Etwa 1937 verkauften meine Eltern ein Kalb. Ich schätze, sie erhielten vom Schlachtermeister Ketzer aus Nieste etwa 90,00 Reichsmark. Für meinen kleinen Bruder und mich wurde von dieser Einnahme je ein Bleyle-Anzug zu Ostern gekauft. Unser Großvater ging mit uns nach Landwehrhagen zum Laden Gimpel in der unteren Dorfstraße. Gimpel hatte ein Geschäft, wo man Lebensmittel, aber auch Schuhe kaufen konnte. Nun erhielten wir zum ersten Mal Halbschuhe vom Großvater. Es waren Schuhe nicht zum Schnüren, sondern sie hatten oben eine kleine Schnalle. Mit den neuen Anzügen und den neuen Halbschuhen waren wir froh und freuten uns. Als mir der Anzug zu klein wurde, erhielt mein Bruder Anzug und Schuhe. Diese bekam später unser Cousin Günter Schäfer, der einige Jahre jünger war.

Bedingt durch die Weltwirtschaftskrise 1929 musste die Zeche Steinberg 1931 Insolvenz anmelden. Hierdurch waren besonders Nienhäger Arbeiter betroffen, die arbeitslos wurden. Da es damals schwierig war, für die Schulentlassenen in Nienhagen eine Lehrstelle zu bekommen, gingen die meisten als Jungarbeiter vor der Insolvenz 1931 zum Steinberg. Hier wurden sie mit niedriger Entlohnung als Hilfskräfte beschäftigt. Sie mussten zu den Pausen für die Arbeiter Kaffee kochen sowie die Werkzeuge aus der Ziegelei und dem Tagebau reinigen. Auch zum Schmieren der Maschinen wurden sie eingesetzt. Auch mein Vater war als 15-Jähriger 1910 dort beschäftigt. Er erzählte als Rentner von dem damaligen Arbeitsplatz am Steinberg. Er musste unter anderem für die Frau vom Direktor Brennholz ins Haus holen sowie Wasser vom etwa 1 km entfernten Landgrafenbrunnen holen. Obwohl für die Zeche in großen Fässern Wasser mit Pferdegespannen für die Ziegelei geholt wurde, wollte die Frau Direktor nicht aus den Fässern ihr Wasser für den Haushalt.

Diese jungen Männer unter 18 Jahren, die nun durch Insolvenz 1931 auch arbeitslos wurden, erhielten kein Arbeitslosengeld. Die Gemeinde Nienhagen musste die jungen Arbeiter aus der Wohlfahrtskasse unterstützen, diese Kasse war aber nur sehr schwach gefüllt. Es wurde von der Gemeinde ein freiwilliger Arbeitsdienst eingeführt mit Unterstützung vom Arbeitsamt Kassel, welches auch die Finanzierung übernahm.

1932-33 wurde durch diese Maßnahme eine Straße im Wald der Forstgenossenschaft Nienhagen ausgebaut. Noch heute nennt man sie "Arbeitsdienststraße". Ein Gedenkstein im Wald erinnert an diese Arbeiten. Vor der Errichtung der Straße mussten die jungen Leute jede Woche beim Bürgermeister sich in eine sogenannte Stempelkarte einen Stempel in die Karte holen. Viele Jahrzehnte sprach man noch, wenn man arbeitslos wurde: Ich muss stempeln. Mein Vater war Bürgermeister. Die jungen Menschen waren meistens früher bei uns zuhause, bevor Vater von der Arbeit kam. Mein Großvater unterhielt sich dann mit den Jungen. Ich als 5-Jähriger hörte bei den Gesprächen zu. Unter anderem ging es auch um ein Schwein schlachten. Großvater sagte: Wir haben ein Schwein, das ist fast so groß, und zeigte mit der Hand eine Höhe von etwa 1 Meter an. Die jungen Männer glaubten das nicht. Sie sagten: "Vetter, das müsst ihr uns zeigen." (Vetter oder Unkel war damals die Ansprache für ältere Männer.) Ich war oft dabei, wenn Großvater sich mit den wartenden Leuten auf den Stempel unterhielt. Und so ging ich mit Großvater und den jungen Männern in den Schweinestall. Ich kann mich erinnern, jemand hatte einen Zollstock dabei und zeigte die Höhe des Schweins. Es war kein Meter groß, aber man war erstaunt über die Größe vom Schwein.

Der Begriff Stempeln bei Arbeitslosigkeit war viele Jahrzehnte eine verständliche Formulierung.

Ich möchte auch Ereignisse aus der Kinderzeit von Ursel Zuschlag, geb. Schäfer aus Landwehrhagen, in diesen Bericht einbringen (genannt Bachmanns Ursel).

Mit Ursel habe ich vor ihrem Tod 2024 oft lange interessante Telefongespräche geführt.

Ihr Ehemann Friedhelm war ein ehemaliger Kollege aus der Lehrzeit und später bei Firma Bokelmann in Landwehrhagen. Ursel und ich sprachen bei den Telefongesprächen nur in unserem dörflichen Platt, wie wir es als

 

Ursel Zuschlag

Kinder gelernt hatten. Ursel wurde am 10.06.1927 in Landwehrhagen geboren. Somit gleicher Geburtsjahrgang wie ich. Das Geburtsjahr ist ja nichts Außergewöhnliches, aber bei der Einschulung 1933 war der Monat Juni in Landwehrhagen für Ursel zu spät, um eingeschult zu werden. Ursel berichtete mir: "Ich konnte nicht in die Schule gehen und ich wäre doch so gern gegangen." Ihre Freundinnen wurden alle eingeschult: "Ich war sehr traurig und war immer am Heulen." Nun holte der Lehrer Bräutigam, den sie als Klassenlehrer bekommen hätte, jeden Abend die Milch von unserem Bauernhof Schäfer. Die Mutter von Ursel sprach zum Lehrer Bräutigam: "Die Ursel will unbedingt in die Schule, sie ist aber noch zu klein und kann auch nicht in die Schule wegen des Datums der Einschulung, sie ist immer am Heulen." Bräutigam sagte: "Frau Schäfer, kommen Sie mit Ursel zur Einschulung. Wenn es ihr nicht gefällt und sie keinen Spaß an der Schule hat, verlässt sie eben diese wieder." Und ich war so glücklich, als Bräutigam dieses sagte, so Ursel. Buckelranzen hatte ich ja schon. Da ich klein war, saß ich in der vordersten Reihe, was mir nicht gefiel. Aber ich war dann eine der Besten in der Klasse. Dann erzählte sie: "Wenn ich morgens aus dem Haus ging und in die Schule wollte, kam auf der Dorfstraße Oma Winter mir auf einem alten Reiserbesen als Gehstock entgegen. In der anderen Hand hatte sie den heulenden Enkel Rudi." Sie sagte: "Ursel, nimm doch den Rudi mit, er will nicht in die Schule." Ich nahm ihn an die Hand und sagte: "Es ist doch so hübsch in der Schule, heule doch nicht." Rudi war später der selbständige Bäckermeister Winter. Ursel berichtete mir auch von einem Erlebnis vor der Schulzeit. Sie sagte: Ich saß oft mit meinem Bachmanns Großvater am Wohnzimmerfenster und wir guckten auf die Dorfstraße, besonders sonntags war es interessant, wenn die Leute in die Kirche gingen. Auch mein Schäfers Onkel war immer dabei. Mit Gehrock und Zylinder auf dem Kopf. Ich sagte zu meinem Großvater: "Großvater, warum gehen wir denn nicht in die Kirche wie Schäfers Onkel?" Maichen, sagte er, "wir beten zuhause. Dein Schäfers Onkel geht den Frauen hinterher, der muss auch in die Kirche gehen." Ich dachte damals, warum geht denn der Schäfers Onkel den Frauen hinterher und nicht vorneweg. Den Sinn der Aussagen vom Großvater wurde mir erst später bewusst.

Dann hatten Plinkens, so Ursel, eine große Sandgrube, die fuhren ihren Sand mit dem Pferdefuhrwerk nach Kassel zu Henschels in die Gießerei. Da es bis zum Zollhaus zum Teil bergauf ging, wurde immer ein drittes Pferd vorn vor der Deichsel als Vorspann benötigt. Plinkens Friedchen und mich setzte man auf den Sandwagen und wir fuhren bis zum Zollhaus mit. Plinkens Onkel spannte das dritte Pferd vom Vorspann ab. Es ging ja nun bergab, er setzte uns beide auf das Vorspannpferd und wir ritten nach Hause, zuhause nahm uns der Opa Plinke wieder vom Pferd runter.

Dann sagte Ursel, ich will dir eine Geschichte erzählen, die ich aber erst nach dem Krieg 1946 Weihnachten erlebt habe. Ich war 19 Jahre alt. Wir hatten Flüchtlinge im Haus und wir wohnten beengt. Der Weihnachtsbaum stand in der Küche.

Im Schweinestall hatte die Sau geferkelt, draußen waren starke Frosttage und Vater konnte keine Heizbirne einschalten über dem Saustall, weil das Stromnetz ohne vorherige Bekanntmachung ausfiel. Vater holte die kleinen Ferkel in einem Futterkorb in die Küche und stellte den Korb an den Küchenherd, damit die Ferkel im Stall nicht erfroren. Der nahm dann öfter den Korb mit den Ferkeln und ging in den Stall und hielt die Ferkel an die Sau zum Saugen. Dann wurden sie wieder an den Küchenherd gestellt. Das muss man sich mal vorstellen, Heiligabend und Weihnachten und die Küche mit den Flüchtlingen und die Ferkel dabei. Es wurden besonders an die Vertriebenen Geschenke in essbarer Form verteilt. Ob Weihnachtslieder gesungen wurden, weiß ich schon gar nicht mehr. Diese Weihnachten 1946 vergesse ich nicht.

Ursel sagte öfter: "Erich, ich könnte dir noch viele alte Geschichten aus meiner Kindheit erzählen".

Fortsetzung und Schluss folgt