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Heimatzeitung der Gemeinde Staufenberg
Ausgabe 18/2026
Heimatpflege
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Heimatpflege

Vor fast 100 Jahren als Kind in Nienhagen und Dörfern der Umgebung

Von Erich Haldorn

Schlussbericht

Werner Zinke aus Nieste hatte meine Großcousine Frida Wolfram geheiratet. Aus dieser Heirat entstand eine gute Freundschaft mit Werner Zinke. Werner, der 1930 geboren wurde, berichtete mir, als er etwa fünf Jahre alt war, wie auf dem Dorf geschlachtet wurde. Die Mutter von Werner hing den Schinken und die Fleischknochen, welche vorher in Salz gelegen hatten, ins offene Fenster zum Trocknen in der "Wurschteböhne" (Wurstekammer). Später wurden die Fleischknochen in eine Sole gelegt und das Trocknen am Fenster entfiel. Von der Straße konnte man die Pracht vom Schinken und der Knochen sehr gut betrachten. Da es Einwohner und Durchreisende gab, welche kein Schwein zum Schlachten hatten, versuchten nun einiges aus der Wurstekammer in der Nacht bei Zinkens zu holen. Dies klappte aber nicht aus folgendem Grund. Der Vater von Werner, Justus Zinke, hatte einen Volksempfänger-Radio gekauft, um die neuesten Nachrichten aus der Welt zu erfahren. Nun konnte man nicht wie 2026 einfach ein Radio kaufen und ohne Antenne empfangen. Vater Justus Zinke hatte im Garten eine lange Fichtenstange, etwa 7-8 Meter lang, im Erdreich mit einem Antennenkabel zum Radio verbunden. Von der Fichtenstange im Garten bis zum Haus lagen etwa 8 Meter Länge. Am Wohnhaus hatte man auch eine lange Leiter mit etwa 10 Meter Länge an einem Haken aufgehangen. Wie schon gesagt, diejenigen, die Lust an den Schinken und Knochen hatten, kamen nachts, es waren also Einbrecher, um sich die begehrten Wurstwaren und Schinken zu holen. Eine Leiter, die am Haus an einem Haken hing, war ideal, um ans Fenster der "Wurschteböhne" zu kommen. Allerdings hatten die Einbrecher das Antennenkabel nicht gesehen, es war ja dunkel. Nun kamen die Einbrecher mit der Leiter an das Kabel und die Leiter fiel um. Der Großvater von Werner hatte den Krach draußen gehört und schrie: "Justus, komm schnell, sie wollen bei uns einbrechen." Als nun der Vater von Werner nachschaute, waren die Einbrecher geflüchtet. Das Antennenkabel hatte Zinkens somit die allseits beliebten Schlachtewaren nun zum eigenen Verzehr gerettet. Zinkens hatten bis zu dem Einbruch keinen Hofhund, der wie bei anderen Familien an der Kette im Hof Einbrecher durch das Bellen verscheuchen sollte. Nun wurde ein Wachhund in der Familie angeschafft. Für Werner und seinen Bruder ein großer Gewinn. Mit dem Hund wurde viele Jahre gespielt und man hatte große Freude mit ihm.

Werner ging im Winter 1941-42 als Zehnjähriger mit seinem Großvater, einige Tage vor Weihnachten, zu Fuß nach Großalmerode, um Verwandte zu besuchen. Wir gingen über den Umschwang und den Bilstein. Großvater ging abends zurück nach Nieste. Ich sollte, da wir Ferien hatten, einige Tage bei den Verwandten bleiben. Zwischen den Feiertagen setzte ein starker Schneefall ein. Durch die Schneehöhe konnte kein Bus und keine Bahn nach Kaufungen fahren. Die Ferienzeit war zu Ende und ich musste in Nieste in die Schule. Aber durch den Schneefall saß ich in Großalmerode fest.

Meine Mutter musste mich beim Klassenlehrer in Nieste entschuldigen. Nach einigen Tagen, als Bus und Bahn wieder fuhren, konnte ich nach Kaufungen fahren und wurde von Mutter und Bruder abgeholt. Werner berichtete mir weiter, dass er zu Weihnachten vom Paten in Großalmerode ein paar Skier geschenkt bekam. Er hatte aber nicht lange Freude an den Skiern. Es kam in Nieste eine Bekanntmachung an die Bevölkerung. Die Bürger wurden aufgerufen, alle Skier für die Deutsche Wehrmacht in Russland abzugeben. Man erhielt eine Bescheinigung mit dem Hinweis, dass nach einem siegreichen Ende des Krieges jeder neue Skier erhielt.

Vater Justus war Maler und arbeitete in Kassel und hatte einen guten Verdienst. Er war, wie Werner, auch ein großer Fan von Motorrädern und kaufte sich auf Ratenzahlung ein Motorrad, eine DKW mit 200 cm³. Mit dem Fahrzeug mit Sozius fuhr er die Mutter und uns Jungen spazieren. Aber auch in der Heuernte fuhr er uns ins 5 km entfernte Breite Tal.

An einem Morgen fuhr Vater nach Kassel zur Arbeitsstelle. In Dahlheim, in einer Linkskurve, kam der von Uschlag kommende Omnibus sehr stark links ab. Hierbei drückte der Omnibus meinen Vater mit dem Motorrad von der Straße, Vater stürzte mit dem Kopf so stark auf diese, dass er sofort tot war. Der plötzliche Tod vom Vater hat Mutter, mir und Bruder nicht nur in Geldnot, sondern auch einige Jahre große physische Probleme erbracht. Bei der gerichtlichen Verhandlung 1939 über die Schuldfrage von dem Unfall, beim Amtsgericht Kassel, wurde mein Vater als Schuldiger verurteilt. Somit hatte Mutter keinen Anspruch auf Unterhaltszahlungen. Der Rechtsanwalt meiner Mutter konnte dieses Urteil nicht nachvollziehen. Zwei Jahre später wurde das Verfahren nach einem Einspruch von Mutters Anwalt noch einmal beim Amtsgericht Kassel verhandelt. Es wurden diesmal Zeugen eingeladen und vernommen, die bei dem Unfall im Omnibus saßen. Aufgrund dieser Zeugenaussagen wurde die KVG verurteilt und musste an unsere Mutter nach der Urteilsverkündung zwei Jahre nachzahlen.

 

Werner Zinke

Sein Freund Heinrich Blumenstein, der auch wie er im Verkehrsverein Nieste war, überzeugte ihn vom Skisport, 37 Jahre nach Abgabe seiner Skier 1942 an die Wehrmacht. Der aktive Spieleinsatz beim Fußballsport begann 1946, sowie bei vielen anderen leichtathletischen Sportarten, die er seit der Kindheit erfolgreich mit hohen Auszeichnungen und Urkunden vom Landessportbund Hessen erhielt. Nun begann eine neue Leidenschaft für den Skisport. Nach dem Kauf der ersten Skier 1977 wurden danach noch 4 Paar weitere wertvolle und teure Bretter gekauft. Er hatte schriftlich nachweislich 2300 km an Wettkämpfen teilgenommen. Diese Wettkämpfe fanden in Österreich, Norwegen, Finnland, Schweden, Frankreich, selbstverständlich auch in Deutschland, statt.

Ich möchte noch eine persönliche Bemerkung einfügen. Bevor ich diesen Bericht geschrieben habe, lag ich 6 Wochen im Krankenhaus und wurde in vierstündiger Operation am Rücken operiert. Tage danach war ich der Meinung, mit Berichte schreiben für das Mitteilungsblatt ist nicht mehr möglich. Gott sei Dank bin ich wieder in der Lage zu schreiben. Ich möchte mich bei den Mitarbeiterinnen der Gemeinde Staufenberg

bedanken für die zahlreichen Berichte von mir, die sie an den Wittich Verlag weitergeleitet haben.

Kassel, früher Staufenberg April 2026

Erich Haldorn

Quellennachweis: Ursel Zuschlag, Werner Zinke und mir. Korrektur: Rudolf Schäfer