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Ausgabe 9/2026
Vereine und Verbände
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Förderkreis 'Synagoge in Vöhl' e. V.

Das Foto ist an einem Probennachmittag in der Schule entstanden und zeigt links Regisseur Stephan Rumphorst und rechts Schulleiter Erik Wohlfart-Schüßler, die die jungen Schauspieler in die Mitte genommen haben.

„Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen!“ – Theater in Vöhler Synagoge

Schülerinnen und Schüler der Ederseeschule auf der Bühne

Man sieht ihnen die Vorfreude an, den Acht- bis Zehntklässlern der Ederseeschule Herzhausen, die zum Monatswechsel in vier Vorstellungen auf der Bühne der alten Synagoge ein Stück über Vöhler Juden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen.

Am Freitag, 27. Februar, haben sie zwei Vorführungen für ihre Mitschüler, bevor sie am Samstag und Sonntag jeweils um 19 Uhr in der Vöhler Synagoge das Ergebnis ihrer fleißigen Vorbereitung öffentlich zeigen. Im Rahmen einer Projektwoche werden sie von Montag bis Donnerstag noch einmal fleißig üben, bevor es dann ernst wird.

Als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ kooperiert die Ederseeschule schon seit vielen Jahren mit dem Förderkreis „Synagoge in Vöh“l. Alle Schülerinnen und Schüler besuchen mindestens einmal in ihrer Schulzeit die ehemalige Synagoge, die als einzige im Landkreis noch als solche erkennbar ist. Der Besuch erfolgt in der Regel im Rahmen des Religions- oder Ethikunterrichts, hin und wieder auch zu historischen Themen.

Die Zusammenarbeit mit Haupt- und Realschulklassen der Ederseeschule geht über Führungen durch das Gebäude weit hinaus. Manchmal stellt der Förderkreis das Gebäude für ganze Unterrichtstage zur Verfügung. Im Unterricht erarbeitete Ausstellungen werden gern in der Synagoge gezeigt. Zeitzeugen, die in der alten Synagoge referieren, werden gerne auch an die Ederseeschule vermittelt.

Mehrmals haben Oberstufenklassen der Ederseeschule Gedenkveran-staltungen in der Synagoge mitgestaltet. Unter der Überschrift „Der Opfer gedenken – Die Demokratie feiern“ haben sie Ausstellungen zum Holocaust-Gedenktag gezeigt, Gedichte vorgetragen, Bilder gezeigt und interpretiert.

Etwas Besonderes ist das „Landkulturbotenprojekt“, das 2025 zum achten Mal angeboten und durchgeführt wurde. Der Förderkreis beschäftigt während der hessischen Sommerferien 3 SchülerInnen der Realschule und 3 Gymnasiasten, die zu zweit zwei Wochen lang in der Synagoge Touristen und Einheimischen Führungen anbieten und dabei das frühere Aussehen des Sakralraums erklären, die vorhandenen Judaica vorstellen und erzählen, welchen Umständen der Erhalt des Gebäudes zu verdanken ist. Außerdem erarbeiten sie in Absprache mit Vorstandsmitgliedern des Förderkreises ein individuelles Projekt, das sie nach den Sommerferien öffentlich präsentieren.

Das jetzige Theaterprojekt ist ein Novum. Ermöglicht wird es durch die Förderung durch das Netzwerk für Toleranz Waldeck-Frankenberg, das Mittel aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“ und dem Landesprogramm „Hessen Aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“ zur Verfügung stellt.

Auf der Bühne gezeigt wird das Schicksal eines Vöhler Juden, der kurz nach der Jahrhundertwende geboren wird, zunächst die jüdische Schule besucht, den Kaufmannsberuf ergreift, sich im Sportverein als Fuß- und Faustballer sowie als Leichtathlet betätigt, dem Männergesangverein und dem Burschenclub angehört, Vöhler Kinder und die Damen in seinem Cabriolet chauffiert, eine Christin heiratet und mit ihr ein Kind bekommt. Dann jedoch ändert sich am 1933 mit der Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft vieles. Mannschaftkameraden und Sangesbrüder wenden sich von ihm ab; auch die Gemeinde macht ihm und seiner Frau das Leben schwer. Nach der Pogromnacht kommt er ins KZ Buchenwald, muss Deutschland verlassen, wird nach Kriegsbeginn wieder aufgegriffen und erlebt eine Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager, bevor er in Auschwitz getötet wird.

Mit von der Partie ist übrigens die Liedermacherin und Sängerin Beate Lambert, die im Vöhler Ortsteil Kirchlotheim im alten Pfarrhaus Räume für Musik-Workshops eingerichtet hat. Regisseur Rumphorst hat in das Theaterstück zwei weltberühmte deutschsprachige Lieder eingebaut; eins von den Comedian Harmonists und eins von Friedrich Holländer. Beate Lambert hat sich spontan bereit erklärt, diese Lieder zu singen.

Zugegeben: Es ist ein Vöhler Stück. Aber das, was gezeigt wird, hat sich in vielen Dörfern und Städten Deutschlands so oder so ähnlich abgespielt. Es macht deutlich, wie wichtig Freiheit und Demokratie sind. Wie gefährlich ein Abgleiten in autoritäre oder gar diktatorische staatliche Strukturen wäre.

Regisseur Stephan Rumphorst hat das Stück für die Jugendlichen geschrieben, die während der Proben viel über die deutsche Geschichte, aber auch gelernt haben, wie man sich auf der Bühne bewegt und wie man klar und deutlich rüberbringt, was man zu sagen hat.

Der Vöhler Heimatgeschichtler Karl-Heinz Stadtler, der das Projekt von Beginn an begleitet hat und dem Autor und Regisseur seine Rechercheergebnisse bezüglich der Vöhler Juden zur Verfügung stellte, versichert: „Alles ist wahr. Nichts ist erfunden!“

Rumphorst, Stadtler und Lehrerin Janine Thomas, die von der Ederseeschule mit der Begleitung des Projekts beauftragt wurde, sind begeistert von dem Elan und Engagement, mit dem die Schüler sich auf das Projekt eingelassen haben. Mit den schauspielernden Jugendlichen hoffen sie auf großes Interesse der Öffentlichkeit für die zwei öffentlichen Aufführungen in der alten Synagoge. Der Eintritt kostet 10 Euro.