Am Waberner Bahnhof kamen am 18. März 1946 1.200 Heimatvertriebene aus der ehemaligen Tschechoslowakei an (Postkarte aus den 1950er Jahren, Archiv Thomas Schattner)
Diese Fotografie entstand 1950 in Mardorf im Kontext des Iglauer Brauches des Maibaumfällens (Fotografie: Archiv Franz Höfer)
Die Iglauer Jugendgruppe in Hebel im Jahr 1953 bei ihrer Nikolausfeier in der Gastwirtschaft Heimel (Fotografie: Archiv Hans Maschita)
Zur Erinnerung an die alte Heimat und in Verbundenheit mit ihr spielten die Iglauer Trachten eine ganz besondere Rolle, so auch im Jahr 1954 bei einem Auftritt der Iglauer Jugendgruppe in Ziegenhain auf der Salatkirmes (Fotografie: Archiv Hans Maschita)
Begrifflichkeiten wie Krieg, Not und Flucht gehören heute leider wieder wie selbstverständlich zur kollektiven Wahrnehmung der bundesdeutschen und den europäischen Gesellschaften. Seit dem 24. Februar 2022, dem Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs der russischen Föderation auf die Ukraine vor vier Jahren, sind diese Vokabeln im Alltag des Sprachgebrauchs in Europa eine feste Größe. Nach dem Mediendienst Integration leben 4,3 Millionen geflüchtete Ukrainer in anderen europäischen Staaten, mehr als 1,2 Millionen davon in Deutschland (Stand: Februar 2025). Diese Geflüchteten, z.T. auch Vertriebenen, standen und stehen vor einem kompletten Neufang in einem Land u.a. mit anderer Sprache, Kultur, Religion, Geschichte und Traditionen. Oft kamen sie nur mit dem Nötigsten, manche auch nur mit Handgepäck.
Diese Aspekte erinnern daran, dass vor exakt 80 Jahren der alte Kreis Fritzlar-Homberg vor ähnlichen Herausforderungen, allerdings mit ganz anderen historischen Voraussetzungen, stand. Am 18. März 1946 kam auf dem Waberner Bahnhof ein Zug mit etwa 1.200 Menschen aus Deutschbrod in Ostböhmen an. Je dreißig Personen wurden in einem Waggon transportiert, der Zug bestand aus 40 Waggons. Diese Menschen waren allesamt deutschstämmig und kamen ursprünglich aus der Region Iglau im heutigen Tschechien, die in Teilen von Deutschen seit dem 13. Jahrhundert besiedelt wurde. Die Iglauer wurden wie viele andere deutschstämmige Bürger ab Ende Mai 1945 unter furchtbaren Umständen aus ihrer Heimat in Osteuropa vertrieben. Ihre Gesamtzahl betrug zwischen 12 und 14 Millionen. Als Rechtfertigung der Vertreibung diente der tschechoslowakischen Regierung der barbarische Weltanschauungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten ab 1939 in Osteuropa, um nun einen homogenen Nationalstaat zu errichten. Insgesamt kamen nach 1945 28.000 Heimatvertriebene am Waberner Bahnhof an.
Diesen Teil der deutschen Geschichte nahm der 69-jährige Johannes Tomenendal zum Anlass, am Beispiel der Heimatvertriebenen im heutigen Waberner Ortsteil Hebel am 25. Februar 2026 in einem Vortrag mit über 80 Zuhörern im Hebeler DGH unter dem Titel „Nach Krieg, Not, Flucht und Vertreibung … Neuanfang in Hebel“ zu beleuchten. Heute würde man das, was damals geschah, als ethnische Säuberungen bezeichnen. Der Transport, der vor 80 Jahren Wabern erreichte, stellte einen von insgesamt 15 dar, mit denen die Iglauer vertrieben wurden, aber den einzigen, der den alten Kreis Fritzlar-Homberg zum Ziel hatte.
Die Ankommenden wurden im Spätsommer 1945 entschädigungslos enteignet und anschließend z.T. für einige Monate ins Internierungslager Stecken, bestehend aus alten Baracken des Reichsarbeitsdienstes, gebracht, das mit Stacheldraht umzäunt war. Zuvor wurden sie wie Freiwild behandelt, oft gab es nächtlichen Besuch von Rotarmisten oder Rumänen, welche u.a. die Wohnung nach Wertgegenständen durchsuchten. Die Ausweisung der Betroffenen erfolgte am 13. März 1946, sie wurden in Güterwaggons verfrachtet und in die amerikanische Besatzungszone abgeschoben. Maximal 30 Kilogramm Gepäck durfte jede erwachsene Person mitnehmen. Zuvor wurden diese Menschen auf eventuell vorhandene Wertsachen untersucht und diese im Zweifel konfisziert. Über Furth im Walde, wo die Iglauer entlaust wurden und erstmals die Möglichkeit bekamen, sich waschen zu können, führte der anschließende Bahntransport nach Wabern. Hier übernachteten die Neuankömmlinge eine Nacht im alten Kindergarten. Von Wabern aus wurden die Vertriebenen am nächsten Tag auf amerikanische Lastwagen geladen und auf die umliegenden Dörfer verteilt, so auch neben Hebel auf Berge, Falkenberg Mardorf, Lendorf, Rockshausen und Unshausen. In ihrer großen Mehrheit bestand die Gruppe der Vertriebenen hauptsächlich aus Frauen mit Kindern, Jugendlichen und alte Menschen. Die Männer, sofern sie den Krieg überlebt hatten, befanden sich noch in Kriegsgefangenschaft oder in anderen Teilen des besetzten Deutschlands.
Die in Wabern gestrandeten 1.200 Menschen mussten mit ihren wenigen Habseligkeiten in den Kommunen des Kreisgebiets einquartiert und zudem anfänglich von ihren Quartiergebern versorgt werden. Eine enorme Herausforderung für einen kleinen Ort wie Hebel, der im Jahr 1939 ungefähr 460 Einwohner besaß und in den letzten Jahren des Krieges schon zahlreiche Evakuierte und Ausgebombte aus Kassel aufgenommen hatte. Nun verlangte die amerikanische Besatzungsmacht, dass in Hebel zusätzliche 250 bis 300 Menschen untergebracht werden mussten. Am 19. März 1946 erfolgte vor der Gastwirtschaft Heimel (heute Restaurant „Zur Post“) die Aufteilung von ca. 200 Vertriebenen aus der Iglauer Sprachinsel. Neben Wabern mit seinen heutigen Ortsteilen erfolgte die Einquartierung der Iglauer auch in den heutigen Kommunen Borken, Fritzlar, Homberg und Neuental.
Bei den Einheimischen Hebels hielt sich die Begeisterung, den neuangekommenen Heimatvertriebenen Wohnraum und Lebensmittel zur Verfügung zu stellen, in Grenzen. Die ersten Sätze, welche die Neuankömmlinge im nordhessischen Dialekt lernten, waren z.B.: „Kenge, macht de Dehre zu“ oder „Wos wunn dä denn hie? Die sunn hemegehn!“ Aus der Perspektive der Einheimischen hatte man es mit Fremden, welche einen anderen Dialekt sprachen, einer anderen Konfession angehörten, mit anderen Trachten, Bräuchen, Essgewohnheiten und einer anderen Mentalität zu tun. Umgekehrt waren etliche Vertriebene durch den Verlust von Haus und Hof, der plötzlichen Armut und von der vor und während der Ausweisung erlebten Gewalt zutiefst traumatisiert. Einzelne Frauen kamen z.B. mit fünf Kindern nach Berge, ohne Kenntnis vom Schicksal ihrer Männer, wie die Maschitas. Kinder hatten zudem mitunter 18 Monate keine Schule besuchen können, wie Hans Maschita, sollten aber nun in der dritten Klasse mitkommen.
Nichtsdestotrotz, es half alles nichts, man musste sich umständehalber zusammenraufen. Jeder war darum bemüht, das karge Dasein zu verbessern, obwohl die Arbeitsplätze knapp waren. Manche Neuankömmlinge wandten sich deshalb an die in Fritzlar am Flugplatz stationierten US-Truppen, in der Hoffnung dort Arbeit, Bekleidung und Nahrungsmittel zu bekommen. Andere halfen den Landwirten bei der Feldbestellung, der Pflanzenpflege, der Ernte und bekamen dafür Grundnahrungsmittel oder z.B. Gartenparzellen zur Eigenbewirtschaftung zur Verfügung gestellt. Dennoch, Einheimische und Neuankömmlinge schafften es im Lauf der folgenden Jahre, die Probleme gemeinsam anzugehen. So stellte die evangelische Kirchengemeinde in Hebel freundlicherweise den katholisch Gläubigen ihre Kirche anfänglich für Messfeiern zur Verfügung. Erst vier Jahre nach Ankunft der Neubürger konnte im Jahr 1950 eine Notkirche eingeweiht werden, die „Pappkathedrale“ genannt wurde, weil ihr zentrales architektonisches Element aus einer wiederaufgebauten Baracke des Trutzhainer Kriegsgefangenenlagers bestand.
Da der Kreis Fritzlar-Homberg schon damals als strukturschwach galt, wanderten nach 1950 viele der Heimatvertriebenen auf der Suche nach Arbeit wieder ab, um, wo auch immer, ganz nebenbei einen beträchtlichen Anteil am bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder zu leisteten. Deshalb sank die Einwohnerzahl Hebels in den folgenden Jahren wieder unter 500 Einwohner (Stand 2022), sodass heute im Waberner Ortsteil nur noch wenige ehemals heimatvertriebene Familien und Personen verblieben sind. Ihnen wurde die Fremde zur Heimat, die Heimat aber nicht zur Fremde. Auch deshalb sind die sehr farbenfrohen Iglauer Trachten bis heute der wichtigste Anknüpfungspunkt der Nachfahren der Vertriebenen zur alten Heimat.