Ormesheimer: (v-li) Alexander Mayer und Walter Niederländer
So vergingen Tage und Nächte, bis eines morgens in aller Frühe ein Geschrei ertönte. Die russischen Posten kamen hereingerannt und jagten uns vor die Pritschen. Wir wussten gar nicht, was da los sein könnte. Da kam auch Major Geis und rief: „Leute, sofort mit allem, was ihr habt, vor euren Pritschen antreten!“ Wir hatten noch immer keine Ahnung, was da gespielt wird. Als wir raus kamen, stand an der Seite des Bunkers ein Tisch, auf dem Papiere und Akten lagen. Dabei standen russische Offiziere und Major Geis, weil er dolmetschen musste, was die Russen mit uns vorhatten. Als alle in Reih und Glied dastanden und aufs Höchste gespannt waren, was jetzt passiert, meldete sich Major Geis zu Wort. Wer nun aufgerufen wird, kommt sofort zu diesem Tisch, unterschreibt mit seinem Namen und geht vorn zum Tor. Dann kam die große Überraschung, als Major Geis weitersprach: „Es geht ein Gefangenentransport nach Deutschland.“ Was in dem Augenblick geschah, kann man kaum schildern. Männer fingen an zu weinen und zu beten, dass Gott ihnen helfe, in die Heimat zu kommen. Viele machten Kreuzzeichen. Was da in einem Menschen vorgeht, kann nur der begreifen, der so etwas erlebt hat. Die Ungewissheit, bin ich nun dabei oder nicht, kann man kaum ertragen.
Major Geis bat um Ruhe und versicherte, dass alle nach Hause kommen werden, auch die, die heute nicht dabei sind. Nun wurden die Namen verlesen. Alles war mäuschenstill. Jeder war gespannt, ob er bei den Glücklichen sein könnte. Zuerst wurde der Bunker 1 aufgerufen. Ich wartete darauf, dass mein Name vorgelesen werden sollte. Aber leider war mein Name nicht dabei. Als dann die Namen von Bunker 2 vorgelesen wurden, wollte ich am liebsten weit weglaufen, weil ich glaubte, dass ich nun nicht mehr dabei sein könnte. Nach einer Weile hieß es plötzlich Otto Peter Lonsdorf. Ich lief sofort an den Tisch, wo die Offiziere standen und meldete mich. Hier bekam ich ein Formular, das ich unterschreiben sollte. Das tat ich und rannte, so schnell wie ich konnte, an das Ausgangstor, denn ich hatte Angst, dass sie mich wieder zurückholen könnten. Es dauerte nun lang, bis alle verlesen waren. Es waren etwa 180 Gefangene, die aufgerufen wurden. Unten am Tor sah man lauter Männer mit glücklichen Gesichtern, die sich freuten, die Heimat bald wieder zu sehen. (Fortsetzung folgt).