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Ausgabe 2/2026
Allgemeine Nachrichten
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Über Femizide, Rollenbilder und Verantwortung

Nadine Thielen und Luisa Maurer bei der Predigt im Gottesdienst zum Thema Femizide, Rollenbilder und Gleichstellung

Gottesdienst und Gespräch mit Journalistin Nadine Thielen im Kulturkloster

Ein Gottesdienst, der bewegt, irritiert und zum Weiterdenken anregt: Im Kulturkloster Hermeskeil standen am Sonntag, 28. Dezember 2025, das Thema Femizide und der mit dem Katholischen Medienpreis ausgezeichnete Podcast „Im Fall Stefanie“ im Mittelpunkt. Zu Gast war die Journalistin Nadine Thielen, die gemeinsam mit Theologin Luisa Maurer die Predigt hielt. Im Anschluss gab es Raum für Austausch, Fragen und persönliche Begegnungen.

„Luisa, früher warst du unkomplizierter“, eröffnete Luisa Maurer die Predigt – und führte damit direkt in die Realität heutiger Geschlechterdebatten ein. Sie erzählte von einer Diskussion am Weihnachtstisch, ausgelöst durch ihre Lektüre von Carolin Kebekus’ Buch „Es kann nur eine geben“. Weihnachten sei eben nicht nur idyllisch, sondern bringe auch Konflikte und Ungerechtigkeiten zur Sprache. Auch die Weihnachtsgeschichte erzähle nicht nur vom Schönen, sondern konfrontiere mit Leid, Gewalt und Brüchen. Es sei wichtig, dass es Menschen gebe, die auch über das Schlechte sprechen und verwies auf die Arbeit von Nadine Thielen. Thielen gebe mit ihrem Podcast Frauen eine Stimme, die selbst nicht mehr sprechen können. Am Beispiel des „Falls Stefanie“ zeigte sie auf, wie das Bild einer scheinbar perfekten Beziehung bröckelt, wie sich Macht und Kontrolle schleichend entwickeln – und warum es so wichtig ist, genau hinzuschauen.

Der Fall Stefanie

Im Gespräch schilderte Thielen eindrücklich die Dynamiken im „Fall Stefanie“. Nach außen habe alles perfekt gewirkt, körperliche Gewalt habe es zunächst nicht gegeben. Doch psychische Gewalt, Kontrolle und Besitzdenken bestimmten zunehmend die Beziehung. Als Stefanie versuchte, sich daraus zu lösen, wurde ihr das nicht ermöglicht – sie wurde getötet. Ein Femizid: die Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist.

Thielen machte deutlich, dass dieser Fall kein Einzelfall sei. In ihrer Recherche habe sie typische Muster erkannt, die sich wie eine Schablone auf viele Femizide legen ließen. Nach der Veröffentlichung des Podcasts sei sie erschrocken gewesen, wie viele Frauen sie angesprochen hätten, weil sie diese Dynamiken aus ihrem eigenen Leben oder Umfeld kennen. Übergriffiges Verhalten, Kontrolle und Kleinhalten seien Erfahrungen, die Frauen aller Altersgruppen machten.

Rollenbilder, Social Media und gesellschaftlicher Rückschritt

Ein Schwerpunkt auch bei der anschließenden Diskussionsrunde lag auf Rollenbildern, die in sozialen Medien verbreitet werden: sogenannte „Tradwives“, Männer, die sich als „Machtmenschen“ inszenieren, aber auch christliche Influencerinnen und Influencer, die Unterordnung propagieren. Man sprach darüber, dass Räume für Frauen enger würden und Rechte zunehmend infrage gestellt seien – nicht zuletzt durch antifeministische Bewegungen, die auch Teil rechter Strategien seien. Antifeminismus sei ein zentraler Bestandteil dieser Ideologien, wie auch aus der Runde angemerkt wurde.

Gleichzeitig betonte Thielen, dass es ihr nie um einen belehrenden Zeigefinger gegangen sei. Ihr Anliegen sei es zu zeigen, dass solche Fälle „etwas mit uns allen zu tun haben“. Rollenverteilungen seien nicht per se falsch, solange sie freiwillig gewählt und jederzeit veränderbar seien. Im Fall Stefanie sei genau das nicht möglich gewesen.

Die Rolle von Kirche

In der Diskussion wurde auch selbstkritisch über die Rolle der Kirche gesprochen. Die katholische Kirche stehe historisch für patriarchale Strukturen, so Maurer. Diskutiert wurde so auch ein Satz aus der vorangegangen Lesung aus dem Kolosserbrief: „Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter.“ Ein Satz, der im Gottesdienst für Erstaunen sorgte. Luisa Maurer knüpfte daran an und stellte klar, wie wichtig es sei, Bibeltexte in ihren Kontext zu setzen. Die Lesung spreche zuvor ausdrücklich von Liebe, gegenseitigem Respekt und gewaltfreiem Umgang. Einzelne Sätze dürften nicht als Legitimation für Unterordnung oder Machtmissbrauch gelesen werden.

Hoffnung und Appell

Trotz aller kritischen Befunde zeigte sich Nadine Thielen hoffnungsvoll. Sie glaube, dass die Gesellschaft heute weiter sei als früher – auch wenn es Kräfte gebe, die zurückdrehen wollten. Ihr Appell: Es brauche früh männliche Vorbilder für Jungen, die andere Bilder von Männlichkeit vorleben. Und es brauche den Mut, Rollenbilder immer wieder zu hinterfragen. (LeWe)