Wer Stefan Barth heute erlebt, wie er mit ruhiger und runder Gestik ein sinfonisches Blasorchester durch ein kraftvolles Crescendo führt, würde kaum vermuten, dass die Musik für ihn einmal „ein Umweg“ war. Eigentlich hatte der Braunshausener ursprünglich Physik studiert. Doch die Musik ließ ihn nicht los. Schon als Jugendlicher war er bei „Jugend musiziert“ erfolgreich, mit 19 Jahren dirigierte er erstmals den Musikverein Braunshausen und übernahm ihn mit 20. „Ich war doch gar nicht so weit, um Musik zu machen“, blickt er heute zurück auf diesen mutigen Schritt.
Aus dem Umweg wurde die Lebensaufgabe. Barth studierte schließlich Blasorchester-Dirigat am Konservatorium in Luxemburg – ein Studium, das damals in Deutschland noch nicht möglich war. Seither teilt sich sein Berufsleben in zwei Hälften: die eine als Lehrer für Klarinette und Saxophon an der Musikschule Bernkastel-Wittlich, die andere als freiberuflicher Dirigent und Dozent deutschlandweit. Über 30 Jahre lang, davon mehr als 20 Jahre im Kreisverband, prägte er die regionale und überregionale Blasmusikszene, bis er sich nach der Corona-Pandemie aus der Verbandsarbeit zurückzog. Dabei dirigierte er in Summe keine Vielzahl von Vereinen, sondern setzte auf Kontinuität – etwa in Winterbach, Sötern, Wemmetsweiler (seit zwölf Jahren) oder Lüxem bei Wittlich (seit über 20 Jahren). Jüngstes Engagement ist die Stadtkapelle, die er ebenfalls musikalisch betreut.
Das Herz schlägt für die sinfonische Blasmusik
Sein Dirigierstil? „Emotional, frei“, sagt er selbst. Entscheidend geprägt haben ihn die „weichen und runden Bewegungen“, die er von Pierre Keuper lernte. Sein Herz schlägt für die sinfonische Blasmusik – Musik, die eigens für dieses Genre komponiert wurde. „Die Engländer sprechen von Wind Band, die Niederländer von Harmonie-Musik“, erklärt Barth. Wichtig sei ihm die klare Abgrenzung zum Sinfonieorchester: „Mit Streichern zu arbeiten ist eine ganz andere Welt.“ In der Probenarbeit versteht er sich im Blasorchester als eine Art „Band-Trainer“: erklären, formen, gemeinsam erarbeiten. Leistungsbereitschaft setzt er voraus – genauso wie gegenseitiges Zuhören und die Freude am Musizieren. „Mit Thekenmannschafts-Mentalität kann ich wenig anfangen“, sagt er offen. Die Arbeit mit unterschiedlichen Generationen im Orchester – von Jugendlichen bis zu Senioren – empfindet Barth als spannend und beglückend, auch wenn sie Konflikte birgt. „Der Charme ist, dass man das von jung bis ins hohe Alter machen kann. Wichtig ist eine gute Mischung.“
Besondere Konzerthighlights
Zahlreiche Konzerthighlights markieren seine Laufbahn, darunter „Der Herr der Ringe“ mit einem Symphonischen Blasorchester. Besonders prägend waren für ihn Auftritte mit herausragenden Solisten und international renommierten Musikern – darunter Grammy- und Opus-Klassik-Preisträger wie Matthias Höfs, Christian Schmitt, Andreas Hofmeir oder Walter Ratzek. „Von weltbekannten Musikern nimmt man auch persönlich sehr viel mit“, betont Barth.
Selbst musiziert Barth heute in einem Saxofonquartett und im Peter-Berg-Jazz-Orchester, wo moderne Arrangements der traditionellen Big-Band-Literatur im Mittelpunkt stehen. Jazz hört er auch privat am liebsten – zum Entspannen. Ansonsten begleitet ihn Musik vor allem beruflich: zur Vorbereitung, zur Programmgestaltung und zur Weiterentwicklung seiner Ensembles.
Mit Lampenfieber geht er vor jedem Konzert noch immer um. „Entspannt ist man nie.“ Doch die Routine helfe. Seine Vorbereitung? „Man geht es im Kopf nochmal durch. Wie in einem Film.“ Was ein gutes Konzert ausmacht? Nicht die absolute Fehlerfreiheit. „Leonard Bernstein sagte mal: In der Musik passieren mal gute und mal weniger gute Sachen.“ Ihm sind die ungeplanten, magischen Momente wichtig, „wenn ein Funke überspringt“. Auch wenn er sich über jeden Fehler ärgert: „Weniger wichtig ist, alles fehlerfrei zu spielen, sondern das, was man tut, mit Freude.“ (LeWe)