Am 27. Januar, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, erinnern Menschen weltweit an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors. In Deutschland steht dieser Tag wie kaum ein anderer für einen zentralen Satz: „Nie wieder.“ Zwei einfache Worte – und doch tragen sie die ganze Last der Geschichte. Aber was genau meinen wir, wenn wir sie sagen? Und wofür stehen sie heute?
Der Schwur von Buchenwald
Eine der bekanntesten Wurzeln des Ausdrucks liegt im April 1945, wenige Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Überlebende versammelten sich auf dem ehemaligen Appellplatz, gedachten der Ermordeten und formulierten in ihrem Schwur: Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln und der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit seien ihr Ziel.
Aus diesem Kontext hat sich die Formel „Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg“ herausgebildet, die bis heute in Gedenkreden und an Mahnmalen eine zentrale Rolle spielt. Laut dem ehemaligen Häftling Heinz Brandt skandierten die Überlebenden bei der Gedenkversammlung „Nie wieder“.
„Nie wieder“ bedeutete hier: Nie wieder eine Diktatur wie der Nationalsozialismus, nie wieder ein von Deutschland angezettelter Vernichtungskrieg.
Masada und das frühe „Nie wieder“ im Zionismus
Weniger bekannt ist, dass eine „Nie wieder“-Formel schon vor 1945 in jüdischen Debatten eine große Rolle spielte. Ein Schlüsseltext ist das 1927 erschienene hebräische Epos „Masada“ des Dichters Yitzhak Lamdan.
Masada ist eine antike Festung in Judäa, auf einem Felsplateau über dem Toten Meer, die im 1. Jahrhundert von römischen Truppen belagert und eingenommen wurde. Der Überlieferung nach wählten die jüdischen Verteidiger den kollektiven Suizid, um nicht als Sklaven in römische Gefangenschaft zu geraten – ein Ereignis, das später zu einem starken Symbol jüdischen Widerstands wurde.
Lamdan griff diesen Stoff auf und verdichtete ihn in seinem Gedicht zu einer Programmatik: „Masada darf nie wieder fallen.“ Damit wurde Masada vom historischen Ort zum Mythos – zu einem Bild für die letzte Zuflucht des jüdischen Volkes und die Notwendigkeit, sich niemals wieder wehrlos der Vernichtung auszusetzen.
Zionistische Jugendbewegungen pilgerten in der Folge symbolisch nach Masada; der Ort wurde im entstehenden Staat Israel zu einem nationalen Erinnerungsort, an dem der Schwur „Nie wieder fallen“ fast körperlich erfahrbar wurde.
Masada, Warschauer Ghetto und „Nie wieder“ als Widerstandsformel
Lamdans Verszeile wirkte weit über Palästina hinaus. Jüdinnen und Juden im Warschauer Ghetto bezogen sich in den 1940er Jahren auf Masada und das Gedicht, als sie sich 1943 – am 19. April – zum Aufstand gegen die Deportationen in Vernichtungslager wie Treblinka erhoben.
Für sie bedeutete „Masada darf nie wieder fallen“: Wir werden nicht tatenlos in den Tod gehen, wir leisten Widerstand, auch wenn der Kampf aussichtslos ist. „Nie wieder“ war hier kein pazifistischer Satz, sondern die Entscheidung, nicht mehr wehrlos Opfer zu sein – selbst um den Preis des eigenen Lebens.
Damit bekommt der Ausdruck eine neue Färbung: Er wird zum Symbol für Widerstand gegen Vernichtung, für Selbstbehauptung und Würde im Angesicht eines übermächtigen Feindes.
Meir Kahane: „Nie wieder“ als radikale Selbstbehauptung
An diese Linie knüpft später Meir Kahane an – allerdings in einer politisch radikalisierten Form. Der orthodoxe Rabbiner und Gründer der Jewish Defense League veröffentlichte 1971 das Buch „Never Again!“, auf Deutsch etwa „Nie wieder! Ein Programm zum Überleben“.
Kahanes „Nie wieder“ war eine strikte Lehre aus der Erfahrung der Schoah: Nie wieder sollten Juden schutzlos und wehrlos sein. Daraus leitete er ein Programm ab, das auf militanten Selbstschutz, die Forderung nach einem jüdischen Staat ohne nichtjüdische Bevölkerung und die Ablehnung liberaler Demokratie zielte – kurz: auf einen exklusiven, theokratischen Nationalismus.
Während Lamdans Masada-Bild die existenzielle Not und den Kampf ums Überleben poetisch verdichtet, treibt Kahane diesen Gedanken in eine Richtung, die viele demokratische Israelis und Jüdinnen und Juden weltweit als rassistisch und antidemokratisch ablehnen. „Nie wieder“ wird hier zu einer Parole, die zwar aus der Erfahrung der Verfolgung gespeist ist, aber selbst wieder Ausschluss und Unrecht legitimieren kann.
Zwischen universellem Ethos und partikularer Angst
Diese unterschiedlichen Linien – Buchenwald, Masada, Warschauer Ghetto, Kahane – zeigen, wie viel Spannkraft in den zwei Worten „Nie wieder“ steckt.
Für viele Deutsche ist „Nie wieder“ vor allem mit der Formel „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ verbunden und meint: von deutschem Boden darf nie wieder ein Vernichtungskrieg oder ein Völkermord ausgehen. Der Philosoph Theodor W. Adorno fasste dies in den Satz „Dass Auschwitz nicht noch einmal sei“, den er zur obersten Maxime einer demokratischen Erziehung erklärte.
Für viele Jüdinnen und Juden – insbesondere in Israel – bedeutet „Nie wieder“ daneben: nie wieder wehrlos sein, nie wieder ohne eigene Schutzmacht den Vernichtungsplänen anderer ausgeliefert sein. Masada, das Warschauer Ghetto und Kahanes „Never Again!“ stehen in dieser Lesart für Selbstbehauptung, Wehrhaftigkeit und notfalls auch militärische Stärke.
Zwischen diesen Polen – universelle Menschenrechte auf der einen, existenzielle Angst vor erneuter Vernichtung auf der anderen Seite – verläuft ein Spannungsfeld, das bis heute politische Debatten prägt.
Was sagen wir, wenn wir „Nie wieder“ sagen?
Gerade weil „Nie wieder“ so unterschiedlich gefüllt werden kann, ist es entscheidend zu klären, was wir selbst damit meinen.
Meinen wir ein „Nie wieder uns“ – die berechtigte Furcht, die eigene Gruppe dürfe nie wieder Opfer werden? Oder ein universelles „Nie wieder irgendwem“ – die Überzeugung, dass niemand mehr Opfer von Vernichtung, Entmenschlichung oder Krieg werden darf?
Für eine demokratische Erinnerungskultur in Deutschland wird „Nie wieder“ dann glaubwürdig, wenn beides zusammengedacht wird: die besondere Verantwortung gegenüber den Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti und allen vom Nationalsozialismus Verfolgten – und der allgemeinere Auftrag, jeder Form von Menschenfeindlichkeit in der Gegenwart entgegenzutreten.
Vom Ritual zum Auftrag im Alltag
Selbst die beste Gedenkkonzeption ersetzt nicht das eigene Nachdenken und Handeln. Gedenkveranstaltungen, Schulprojekte und Gedenkstättenbesuche sind wichtig, aber sie wirken nur, wenn sie die Frage stellen: Was folgt daraus für unser Heute?
„Nie wieder“ muss im Alltag konkret werden: im Widerspruch gegen antisemitische und rassistische Parolen, in der Unterstützung von Menschen, die bedroht oder ausgegrenzt werden, in einer demokratischen Streitkultur, die Hass nicht duldet.
Damit die zwei Worte mehr sind als eine gut klingende Formel, müssen wir sie bewusst aussprechen – wissend, welche Geschichte, welche Widersprüche und welche Verantwortung in ihnen steckt.
Nur dann kann „Nie wieder“ das bleiben, was es in Buchenwald, im Warschauer Ghetto und für viele Überlebende war: eine Mahnung, ein Versprechen – und ein Auftrag für jeden Tag. (LeWe)