Als am Abend des 16. Mai 1906 die ersten modernen Gaslaternen auf den Straßen von Berka aufleuchteten, war das ein großer Fortschritt und wurde mit Freude begrüßt. Bis dahin leuchteten den damals rund 2.165 Einwohnern (Stand 1905) in 381 Gebäuden abends gerade einmal 40 Petroleumlaternen heim. Zum Vergleich: Heute sind es in der Kernstadt Bad Berka bei einer Zahl von 5.484 Einwohnern (ohne Ortsteile) immerhin fast 900 moderne Straßenlampen.
In den Jahren 1905/1906 investierte die Stadt Berka viel Kraft und Geld in die Infrastruktur. Wasserleitung und Kanalisation waren gebaut, nun galt es auch die Frage der zentralen Beleuchtung zu lösen. Für die Verlegung der Wasserleitungsrohre waren die Straßen ohnehin aufgerissen worden. Da war es sinnvoll, vor ihrer endgültigen Fertigstellung auch die Gasrohre für eine Gasbeleuchtung mit zu verlegen.
Man liebäugelte zwar auch mit der modernen und bequemen Elektroenergie. Bereits Ende des 19. Jh., als an elektrische Überlandzentralen noch nicht zu denken war, gab es Überlegungen, unter Ausnutzung des Martinswerkes ein Elektrizitätswerk zu errichten, das die Städte Blankenhain, Kranichfeld, Tannroda und Berka mit elektrischem Licht versorgen sollte. Doch die Zeit für ein derartiges Projekt war noch nicht reif. Auch beim neu gegründeten Portland-Zementwerk erkundigte sich die Stadt wegen möglicher Stromlieferungen. Dessen Stromerzeugung reichte Anfang des 20. Jh. aber gerade für den eigenen Bedarf. Schließlich legte 1905 der Berkaer Mühlenbesitzer Constantin Oschatz ein Projekt zur Errichtung eines Elektrizitätswerks für Berka vor. In einer umfangreichen Dokumentation erläuterte er die Vorzüge der Elektrizität. Zur Bedienung führte er aus: „Wie wohl allgemein bekannt, geschieht dieselbe durch einfaches Drehen an einem sog. Schalter, welcher unabhängig vom Ort der Aufhängung des Leuchtkörpers überall selbst in anderen Räumen angebracht werden kann. Diese Fernzündung des elektrischen Lichtes macht es in allen Zimmern so beliebt“.
Die Stadt machte sich die Entscheidung nicht leicht. Eine spezielle Beleuchtungskommission prüfte die Erfahrungen anderer Städte und stellte Kostenvergleiche an. In der zusammenfassenden Stellungnahme hieß es: „Natürlich ist die Verwendung des elektrischen Lichts außerordentlich vielseitiger und bequemer als die des Gasglühlichts, insbesondere was Schlafzimmer, Keller, Boden, Stallbeleuchtung betrifft. Aber der Preis gibt doch letztendlich den Ausschlag.“ Elektrischer Strom war immer noch teurer in der Herstellung als Gas. Für kleinere Städte wie Berka waren Gaswerke rentabler.
In der Gemeinderatssitzung am 23. Oktober 1905 sprachen sich die Stadträte daher für die Errichtung einer Gaszentrale aus und erteilten der Firma Thiem und Töwe aus Halle das alleinige Recht zur Erzeugung, Abgabe und Verteilung von Licht und Heizung auf die Dauer von 30 Jahren.
Die Verfechter der Elektroenergie reagierten sofort. Mühlenbesitzer Constantin Oschatz legte beim großherzoglichen Bezirksdirektor Dr. Röhrig Beschwerde ein. Ermuntert wurde er von mehreren Handwerkern, Geschäftsleuten, Landwirten, Hotel-Betreibern. In einer Unterschriftensammlung bekundeten 71 Bürger ihren Willen und baten die: „… hohe Regierung bei der behördlichen Genehmigung der Konzession der Gasanstalt die Errichtung eines Elektrizitätswerkes nicht ausschließen zu wollen…“
Die Beschwerde wurde zurückgewiesen. Mit der Benoidgasgesellschaft Dr. Thiem & Dr. Töwe aus Halle hatte sich die Stadt Berka für eine renommierte Firma entschieden, die mit ihren Benoidgasanlagen höchste Auszeichnungen und Reverenzen aufweisen konnte.
Benoidgas war ein mit Kohlenwasserstoffen angereichertes Luftgemisch, das weder explosiv noch giftig sein sollte und sich zur Beleuchtung, Heizung und zum Betrieb von Gasmotoren eignete.
In dem Vertrag verpflichtete sich die Stadt, künftig alle kommunalen Gebäude, Straßen, Wege und Plätze mit Gas zu beleuchten.
Gebaut wurde auf einem ca. 100 m² großen Grundstück in der Bachgasse/Ecke Harthstraße (heutige Bachstraße) und bereits am 1. Mai 1906 nahm das Gaswerk seinen Betrieb auf. Die Kosten für das markante Gebäude mit dem dicken Turm, einem rund 4 km langen Rohrnetz und der Straßenbeleuchtung betrugen 65.183 Mk. Erbauer und Eigentümer war die Firma Thiem & Töwe. Der turmförmige Gebäudeteil war massiv aus Stein errichtet worden und enthielt den Benoid-Gasapparat, auch Gasometer genannt. Die Anbauten für Heiz- und Apparateräume wurden in Fachwerkbauweise ausgeführt.
Die mit Benoidgas betriebene Straßenbeleuchtung erstrahlte erstmals am 16. Mai 1906. In einem Brennkalender wurde für jeden Tag des Jahres festgelegt, welche Laternen ab wann und wie lange zu brennen hatten. Das waren in Berka zunächst 48 Straßenlaternen, die im Allgemeinen bis 11 Uhr abends brennen sollten. Sechs Laternen wurden als sog. Richtlaternen bestimmt, die bis 1 Uhr nachts leuchteten. Als verantwortlicher Gasmeister wurde Constantin Buhler eingesetzt. Er war bereits verantwortlicher Wassermeister und nun auch für die Gasanlagen zuständig.
Bürgermeister Strauchenbruch äußerte sich zunächst befriedigt: „Das hiesige Gaswerk funktioniert ohne jede Störung tadellos. Das Licht ist vorzüglich und gewährleistet hauptsächlich eine ausreichende Straßenbeleuchtung.“
Doch der Konflikt ließ nicht lange auf sich warten. In dem mit dem Gaswerk abgeschlossenen Vertrag hatte sich die Stadt wenigstens das Vergaberecht für andere Kraftquellen vorbehalten und im Oktober 1908 mit dem Zementwerk einen Vertrag zur Kraftstromlieferung abgeschlossen. Dieser Vertrag sollte in den folgenden Jahren ständig Grund für gerichtliche Auseinandersetzungen mit der Benoidgasgesellschaft sein.
Durch den Bau zahlreicher Villen außerhalb der geschlossenen Ortslage stieg die Notwendigkeit, auch die elektrische Beleuchtung zuzulassen, denn es war zu kostspielig, die Gasleitung auf die umliegenden Anhöhen zu legen. 1909 wollte die Stadt die Carl-Alexander-Straße (heute Heinrich-Heine-Allee) mit zwei elektrischen Straßenlaternen versehen. Ein Erlaubnisgesuch bei der Firma Thiem & Töwe wurde abgelehnt. Zu gerichtlichen Klagen kam es auch, als 1910 das Kurbad umgebaut und vom Zementwerk mit Kraftstrom zur eigenen Lichterzeugung beliefert wurde. Siegerin blieb die Benoidgasgesellschaft, die sich auf den 1905 geschlossenen Vertrag beziehen konnte. Aber auch die Kritik der privaten Nutzer, die bereits einen Gasanschluss hatten, nahm zu. Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde es immer schwieriger, das zur Gaserzeugung notwendige Benzin zu beschaffen.
Aufgrund der vertraglichen Bindung mit der Firma Thiem & Töwe hätte die Zulassung einer elektrischen Beleuchtung eigentlich erst nach 30 Jahren erfolgen können, es sei denn, es fände sich ein Käufer für das Gaswerk. Nach harten Verhandlungen erwarb aus vertraglichen Gründen zunächst der Zimmermeister Max Linke das Bad Berkaer Gaswerk von der Benoid-Gas-Lieferungsgesellschaft zum Preis von 40.000 Mk. Das Werk ging dann an die neu gegründete Bad Berkaer Gaswerksgesellschaft über, die sich aus drei Gesellschaftern zusammensetzte: dem Zimmermeister Max Linke, der Stadt Bad Berka und der Benoid-Gas-Lieferungsgesellschaft. Die Stadt trat der Gesellschaft mit einem Kapital von 40.000 Mk. bei. Am 22. September 1916 schloss die Gaswerksgesellschaft schließlich mit der Stadt und dem Zementwerk einen Vertrag, der die elektrische Beleuchtung teilweise zuließ.
Das Gaswerk konnte aber dem Konkurrenzdruck der Elektroenergie nicht standhalten, es war zu unrentabel. Die Gebrüder Linke kauften im November 1920 das Grundstück um das Gaswerk und beantragten im Januar 1921 den Umbau des Gebäudes zu einem privaten Wohnhaus. Die Gaswerksgesellschaft löste sich 1923 auf.
Hella Tänzer, Ortschronistin Bad Berka