Johann Serclaes von Tilly (* Februar 1559 auf Schloss Tilly im Herzogtum Brabant; † 30. April 1632 in Ingolstadt), Feldherr der katholischen Liga, hier rechts mit seinen Offizieren bei einer Besprechung, wurde auch für unsere Dörfer und Städte zum Schrecknis. Er vertrat ganz offensiv die Auffassung, dass der Krieg den Krieger ernähren müsse. Leidtragende waren die Menschen in den Orten.
Solch friedliche Erntebilder gab es in der Zeit des 30jährigen Krieges wohl nur noch in wenigen Jahren, so bis etwa 1623, bis die ersten Einquartierungen und Durchzüge von Söldnern alles veränderten. Schon bald fielen die Ernteerträge stark zurück, viele Felder wurden gar nicht mehr bearbeitet und lagen bald brach. Zudem tat auch die Münzverschlechterung ein Übriges,
Ein typischer Bauernhof aus der Zeit des 30jährigen Krieges. Zum Vierseitenhof gehören das Wohnhaus aus Fachwerk (links), daneben Knechtkam- mern und Mägdestuben, eine große Scheune und Ställe. Alles wird durch eine Torfahrt befriedet. So sahen auch die großen Bauernhöfe der Anspänner in Mihla aus, bis die Söldner kamen. Im Hintergrund brennt bereits ein Hof,
Die Situation in unserer Region änderte sich im Herbst 1625. Zunächst waren die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges heftig zu spüren. Ein ständiger Münzverfall setzte ein, bedingt durch das „Kippen und Wippen‟ der Gold- und Silbermünzen, die auf Anweisung der jeweiligen Regierungen durch die Münzmeister mit immer weniger Edelmetallgehalt ausgeprägt wurden. Gleichzeitig stiegen die Preise für Lebensmittel und Vieh immer rascher. Diese Wirtschaftskrise traf unsere Region völlig unvorbereitet, mitten in einer langen Zeit des Aufschwungs, und wurde daher als besonders hart empfunden.
Ende 1625 bezogen Kaiserliche Truppen unter Feldmarschall Tilly im Eichsfeld Quartier und stießen auch ins Werratal vor.
Über den Winter hin wurden auch in Mihla erstmals größere Einheiten untergebracht. Die Verpflegung dieser Söldner - Mihla konnte aufgrund seiner Größe durchaus Standort einer Kompanie mit weit über 100 Männern sein - oblag nun den Bauern und hing von der Art und Weise ab, wie die Offiziere zu den Bauern standen.
Allgemeines Problem war jedoch, dass Offiziere, allesamt von Adel, mit großer Herablassung auf die Bauern schauten.
Diese Standesunterschiede und die immer mehr ausgeprägte grundsätzliche Haltung „Der Krieg muss den Krieger ernähren!‟ führten dann rasch dazu, dass übertriebene Forderungen gestellt wurden; vor allem in jenen Orten, die noch keine Einquartierung erlebt hatten und daher völlig ahnungslos mit den Söldnern umgingen.
Besonders schlimm wurde es dann, wenn der Abmarschbefehl eintraf und die Söldner ihr geruhsames Leben gegen die Gefahren des Krieges eintauschen mussten. Getragen von der Gewissheit, diesen Ort der Einquartierung wohl nie wieder zu sehen, wurde nun geplündert und dabei oft genug auch Gewalt gegen die Bewohner eingesetzt.
Auch die Schlösser der Adligen blieben davon nicht verschont. Gerade die höheren Offiziere nahmen nur zu gern Quartier bei ihren Standesgenossen, die diese ungebetenen Gäste meist nur sehr ungern beherbergten.
Auch hier ist von Maßlosigkeit und Härte auszugehen, waren doch die Adligen in den Dörfern beinahe ebenso schutzlos wie ihre Bauern! Auch die später von einzelnen Obristen erkauften Schutzbriefe adliger Familien halfen da nur wenig.
Noch verheerender sollte es sich jedoch erweisen, dass die fremden Kriegsvölker die verschiedensten Krankheiten mit sich schleppten und diese durch ihre ständigen Kriegszüge auch noch rasch verbreiteten.
Neben Typhus und Ruhr - ständige Begleiterscheinungen größerer Soldatengruppen in diesen Kriegsjahren - war es vor allem die Pest, die den größten Schrecken unter den Menschen verbreitete. Einmal infiziert, gab es in den meisten Fällen keine Rettung und der Todeskampf dauerte nur wenige Tage, war aber umso heftiger.
In Thüringen brach die Pest bereits im Sommer 1625 aus. Zuerst in den fränkischen Grenzgebieten festgestellt, verbreitete sie sich in rasender Schnelligkeit. So wurde die Stadt Schmalkalden im Juni 1626 von der Pest heimgesucht.
Schon bald folgte Eisenach. HIer starben 1625 315 Personen neben 232 Geburten, im folgenden Jahre, dem ersten Pestjahr des Krieges, aber 769 neben 227 Geburten, während 1627 die Zahl der Verstorbenen auf 156 zurückging.
In Mihla wie in den meisten anderen Orten Thüringens wütete der „schwarze Tod" in den nächsten zwei Jahren. Gegen die Krankheit gab es keine Hilfe. Vor allem wurde die Gefährlichkeit der Infektion unterschätzt; trat die Pest in einer Familie auf, wütete sie oft, bis alle Bewohner eines Bauernhauses ver- storben waren. Die Pest war auch kein Schutz vor den Söldnern. Trotzdem durchzogen immer neue Truppen Mihla und lagen hier im Quartier.
Der Höhepunkt der Pestwelle noch 1625 forderte in Mihla 70 Todesopfer. Auch 1626 starben weitere Menschen an der Pest. Pfarrer Himmel berichtete am 23.10.1626: „... begraben Christoph Haserten, welchen die Pest so heftig übernommen, daß er in eine phrenesia und Wahnsinnigkeit geratten, in einem grimm und Unvernunft auß dem Bette und hause gelaufen und sich in die Werre gestürzt und ertränkt; er war 43 Jahr alt.‟
Im Frühjahr 1626 verließen Dragoner den Ort, nachdem sie einige Wochen in Mihla zugebracht hatten. Diese Soldaten gehörten zu jenen Einheiten, die der neue kaiserliche Feldherr Albrecht von Wallenstein auf eigene Faust aufgestellt hatte und die nun nach Norden zogen, um im August 1626 bei Lutter am Barenberge die Dänen sowie die restlichen Truppen der Union zu schlagen.
Noch vor dem Abmarsch der Truppen starb Hans Ziegenhorns Weib Unthey unter den Händen der Soldaten, die sich sogar an einer 60jährigen Frau vergingen. So berichtete Pfarrer Himmel im Kirchenbuch. Selbst vor der Pfarrbehausung des protestantischen Predigers oder gar vor der Kirche machten die kaiserlichen Soldaten - die meisten von ihnen aus katholischen Ländern stammend - keinen Halt!
Nachdem die Pest im Herbst 1626 abflaute und alle Bewohner hofften, das Schlimmste überwunden zu haben, brachte das Jahr 1627 eine neue Einquartierung. Die Hoffnung, dass nach dem Sieg über die Dänen nun der Krieg zu Ende gehen würde, erfüllte sich nicht. Die Kaiserlichen Truppen unter Wallenstein und das Heer der Liga, erneut vom Feldherrn Tilly befehligt, rückten immer weiter nach Norden vor, eroberten Mecklenburg und erreichten die Nord- und Ostseeküste.
Um die Sache der Protestanten in Deutschland schien es sehr schlecht bestellt zu sein. Wallenstein erhielt vom Kaiser den Titel eines Herzogs von Mecklenburg verliehen und wurde zum Admiral der Ostsee. Doch der Widerstand verstärkte sich...
Der Vorstoß nach Norden verschlang immer neue Soldatenverbände. Auf dem Marsch zum Kriegsschauplatz erreichten schon Ende 1626 neue kaiserliche Abteilungen das Werragebiet. Nun wurde das Amt Creuzburg betroffen. In der Stadt Creuzburg lagen die Stabseinheiten, in den Amtsorten, so auch in Mihla, die Kompanien.
In Creuzburg, das von den Soldaten mit einer langen Einquartierung belegt war, forderte die Pest nach den Aufzeichnungen des Sterbebuches in jenem Jahr 309 Opfer - für eine Stadt mit nur wenig über 1000 Einwohnern ein gewaltiger Aderlass!
Aus den Kirchenbüchern ist auch zu erfahren, dass eine ungeheure Teuerung für beinahe alle Waren einsetzte. So wurde für einen Malter an Korn die unbezahlbare Summe von 16 Gulden verlangt. Der Winter zum Jahr 1627 hatte daher eine große Hungersnot zur Folge.
So ging es weiter. Im Herbst 1627 ritten Einheiten des kaiserlichen Obristen Cronberg in Mihla ein. Ob sie auf eigene Faust beschlossen, in diesem reichen Ort zu überwintern oder Wallensteins Befehle entsprechend aussahen, lässt sich wohl nicht mehr klären.
Wir wissen auch nicht, ob der Obrist Cronberg selbst in Mihla weilte oder ob nur einer seiner Unterführer mit einer Kompanie hier Quartier nahm, was dann aber geschah, ließ den Namen Cronberg zum Schrecken werden.
Adam Philipp von Cronberg, um 1600 geboren und damit einer der jüngeren aufstrebenden und daher besonders skrupellosen militärischen Führer, hatte als Anführer der Leibgarde des bayrischen Herzogs Maximilian und später als ligistischer Offizier - auch hier befehligte er die Leibgarde Tillys - seinen Ruf als talentierter und treuer Offizier begründet.
1623 stellte er ein Kürassierregiment, die „Unüberwindlichen‟ genannt, auf. Schon bald verbreiteten seine Reiter, allesamt auf schwarzen Pferden und mit einem schwarzen Harnisch und Helm, darauf ein weißer Totenkopf, Angst und Schrecken.
Mit Einheiten dieses Obristen bekamen es nun die völlig ahnungslosen Mihlaer im Herbst 1627 zu tun.
Die Nachrichten, die Franziskus Himmel über diese Zeit ins Kirchenbuch eintragen musste, lassen nur ungefähr erahnen, welcher Schrecken über den Ort zog.
Die Menschen wagten sich nicht mehr auf die Straße. Wochenlang konnte die Kirche nicht geöffnet werden, da man ihre Plünderung und Verwüstung fürchtete.
Der Pfarrer schrieb am 16.12.1627: „... getauft Christoph Bechmann 1 jungen sohn... Dieß Kind wurde in der Pfarrbehausung... getauft, dieweilen des Obristen Cronbergers Kriegsvolk allhier Still lagk, daß man die Kirche nicht sicher öffnen durfte.‟
Am 3.1.1628 wurde Jost Bötticher begraben. Er „... war von den Soldaten des Cronbergers geengstet und geschlagen worden, daß er darüber in krankheit gefallen und ein seliges Ende genommen.‟
Elisabeth, die jüngste Tochter des Mihlaers Wolfgang Schuchart, ein „frömes megdlein, ihres Alters 19 Jahr...", wie Pfarrer Himmel schrieb, war „... durch des Cronberger Kriegs Volk also erschreckt worden, dass sie ein Dreivierteljahr geseuchelt...‟ und schließlich im April 1629 verstarb.
Drangsalierungen, Plünderungen und offenbar auch Vergewaltigungen waren nun an der Tagesordnung.
Noch im März 1628 geschahen weitere Verbrechen: Im Kirchenbuch wurde niedergeschrieben, dass Christoff Steinmetz begraben wurde.
Der 60jährige Mihlaer war in seinem eigenen Hause so von den Soldaten, die Himmel als „...wütend und tyrannisch...‟ bezeichnete, „...grausämlich und unmenschlich...‟ geschlagen worden, dass er nach neun Tagen an den Folgen verstarb.
Der Obrist von Cronberg allerdings überlebte auch nicht die Kriegsläufe. Nachdem er in besonders blutiger Weise an der Niederschlagung des bayrischen Bauernaufstandes 1634 beteiligt war, fiel er schließlich in der Nähe von Regensburg im Kampf gegen schwedische Einheiten.
Nur für kurze Zeit kehrten ruhigere Verhältnisse in Mihla ein. Die Bauern hatten sich noch nicht von der Wintereinquartierung erholt, da verkündeten Trommeln nur wenige Tage nach dem Abzug des Cronbergers auf dem Anger neue Soldaten.
-Dazu bald mehr-
Rainer Lämmerhirt
-Ortschronist Mihla-