In der Nähe des „Schwedenkreuzes‟ bei Neukirchen wurde im März 1632 der reiche Mihlaer Bauer Klaus Künemundt von Marodeuren erschossen.
Der „Schüzstein‟ am Reckenbühl im Hainich erinnert an eine Mordtat aus dem Jahre 1640.
Eine historische Ansicht des alten Forsthauses Reckenbühl
Nach der Schlacht von Lützen im November 1632 setzten sich im Eisenacher Land die Schweden fest. Ihr Kriegsrat Alexander Esken residierte in Erfurt und stellte von dort aus immer neue Forderungen an die herzoglichen Ämter. Immer neue Steuern und Lebensmittellieferungen waren nun aufzubringen; konnten diese nicht termingerecht erfüllt werden, wurden Soldaten in die Ämter gelegt, die sich dann über die Forderungen hinaus schadlos hielten.
Zudem waren nun die Zeiten viel unsicherer geworden. Kaiserliche Söldner drangen immer wieder in das Eisenacher Land vor und unternahmen Streifzüge gegen die Schweden, die sich aber meist nur gegen die Bevölkerung richteten und kurzfristige Beute als Ziel hatten.
Zudem mussten unsere Vorfahren nun mit einer neuen Plage Bekanntschaft machen: Aus allen Heeresteilen hatten sich Söldnergruppen abgesondert, waren vom normalen Dienst desertiert und führten ihren Krieg auf eigene Faust. Diese Marodeure nahmen auf niemanden Rücksicht, wichen den regulären Söldnerabteilungen aus und verschwanden nach ihren Überfällen wieder ganz schnell.
In unserer Gegend wurde der waldreiche Hainich nun zu einem solchen Rückzugsgebiet.
Mitunter mussten die Dorfbewohner auch erleben, dass solche Banden von „üblem Kriegsvolk‟ auch in Verbindung mit den adligen Offizieren der regulären Abteilungen standen und sich mitunter gegenseitig regelrecht unterstützten. Eine „Hand wusch so die andere‟.
So wurden im Winter von 1632 auf 1633 und auch in den nachfolgenden Jahren sogar die Handelsstraßen immer unsicherer.
Immer wieder kam es zu Überfällen auf Reisende und die Bauern der umliegenden Dörfer wagten sich kaum noch zu den wenigen in der Stadt Eisenach abgehaltenen Märkten, um dort ihre Produkte verkaufen zu können, besonders nachdem der Mihlaer Anspänner Klaus Künemundt am 21.3.1632 auf dem Wege zum Eisenacher Markt bei Neukirchen von berittenen Wegelagerern angehalten worden war. Die Marodeure wollten ihm den Wagen und die Pferde wegnehmen. Künemund, einer der reichsten Mihlaer Bauern - sein Bauerngut lag am Markt (das spätere Trabert/ Böttger-Haus, 2017 abgerissen) - leistete offenbar Widerstand, denn aus den späteren Heimbürgenaufzeichnungen können wir erfahren, dass seine Familie immer wieder Offiziere im Mihlaer Defensionsausschuss stellte. Er hatte militärische Efahrung, die ihm nun allerdings nichts nutzte.
Pfarrer Himmel schrieb zu diesem Ereignis, welches sicher den gesamten Ort bewegte: „...Klaus Künemund, als er früh fur tags nach Eisenach zu Marckts gefahren, von bösen Buben und straßen Räubern, so im die pferde nehmen wollten, nahs für new Kirchen jämmerlich erschossen worden, haben ihn in den Kopf getroffen, daß er also balden an der städte ihne Ach oder wehe todt geblieben...‟.
Der Überfall und die Ermordung des Klaus Künemund erfolgte, wie Pfarrer Himmel vermerkte, in der Nähe von Neukirchen. Am dortigen Verlauf der alten Straße etwas außerhalb der Ortslage erinnerte das „Schwedenkreuz‟ lange Zeit an diese Mordtat. Offenbar fand der Überfall in der Nähe dieses mittelalterlichen Sühnekreuzes statt, das natürlich mit dieser Tat in keinem Zusammenhang stand.
Aber in der Erinnerung der Menschen wurde so dieses Kreuz (es wurde von Unbekannten im Jahre 2016 ausgegraben und entwendet und 2025 wieder erneuert!) zu einem Mahnmal aus dem 30jährigen Krieg, und die tatsächliche Erinnerung an das frühere Geschehen ging völlig verloren.
Falsch war dabei auch die Formulierung eines „Schwedenkreuzes‟, denn die Schweden waren lange Zeit noch die Söldner mit der höchsten Disziplin und Schweden waren es auf keinem Fall, die Künemund erschossen.
Aber an diesem Beispiel zeigt sich, dass die Erinnerung an das furchtbare Grauen dieses Krieges später immer wieder an den Schweden festgemacht wurde!
Am 14. September 1632 überfielen mehrere marodierende Söldner das Forsthaus Reckenbühl, um die dortigen Pferde zu stehlen.
Der Anschlag gelang jedoch nicht, die Bewohner des Forsthauses - als Forstknechte durchaus bewaffnet und geübt im Umgang mit Feuerwaffen - setzten sich zur Wehr.
In einem Feuergefecht wurden die Räuber zersprengt. Ein Söldner wurde getötet und ein zweiter schwer getroffen. Der verwundete Söldner flüchtete entlang der Straße in Richtung Mihla und wurde von Mihlaer Bauern im Tal aufgefunden, auf den Bäckerkarren geladen und in die „Schwarze Herberge‟ (dem späteren Gasthof „Zum Mohren‟) gebracht.
Im Kirchenbuch vermerkte der Pfarrer: „... nannte sich Heinrich Stauer aus Heinsam im Braunschweiger Land.... war verbunden worden und in folgender Nacht gestorben. Ward mit christlichen Ceremonien begraben, weil er unserer Confessio. Und ohn Unterlaß in seinen schmerzen Gott und den Nahmen Jesum angeruffen.‟
Diese Ereignisse zeigen, dass es durchaus Widerstand gegen die Soldateska gab und bewaffnete Bauern, Förster oder Defensioner gegenüber kleinen Einheiten Möglichkeiten eines erfolgreichen Kampfes hatten. Größere Widerstandsaktionen sind allerdings nicht überliefert.
Aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wurden bis in unsere Zeit Sagen von Generation zu Generation weitergegeben, die von Räubern im Hainichwald berichten.
Ebenfalls damit in Verbindung gebracht werden die noch heute am Weg von Mihla nach Kammerforst befindlichen beiden Steinkreuze. Der so genannte „Schüzstein‟ an der Ausfahrt des Forsthauses Reckenbühl trägt die eingeritzte Nachricht vom 1640 erfolgten Mord an einem Conrad Schüze, wenige Meter weiter wird mit dem „Magdkreuz‟ eine Räubersage verbunden.
Gerade beim Schützstein überlagern sich vielleicht früher noch vorhandenes Wissen über die mögliche Tat - in der mündlichen Überlieferung wird von einem Boten oder gar Zolleinnehmer berichtet, der dort zu Tode kam - mit sagenhaften Momenten.
Während dieser Stein wohl von einem Angehörigen des Ermordeten, auf der Rückseite sind die Worte „...Just Michel Schüze...‟ zu erkennen, kurz nach der Tat errichtet wurde, ist das an der alten Fahrstraße von der Antoniusherberge nach Kammerforst zu findende „Magdkreuz‟ wesentlich älter. Es stammt aus dem 15. Jahrhundert.
Die tatsächlichen Hintergründe für die Errichtung dieses typischen Sühnekreuzes waren wohl schon zur Zeit des 30-jährigen Krieges nicht mehr bekannt und so entstand um die alte Antoniusherberge auf der Passhöhe der Straßen nach Mihla, Nazza und Kammerforst und um das Kreuz ein regelrechter Ring von Legenden, der dann im 19. Jahrhundert sogar schriftlich ausgeweitet, dadurch aber nicht glaubwürdiger wurde: Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges lebte einmal ein Förster namens Kurt Pfeffer als Wirt in der Antoniusherberge im Hainich. Pfeffer überfiel harmlose Reisende, die in seiner Herberge Schutz suchten. Dann hätten sich die Männer, wohl die Defensioner, aus Nazza und Mihla aufgemacht, das Raubnest auszuheben, hätten Pfeffer dann am „Galgenhuber‟ unweit der Herberge aufgehängt. Angeblich würde nun das Kreuz sein Grab darstellen
Eine schöne Geschichte, die deutlich machen könnte, welche Möglichkeiten des Widerstandes gegen Marodeure die Dorfbewohner gehabt hätten! Hätten, denn die in der Legende eingewobenen Bruchstücke stellen die Erinnerung an ein Geschehen dar, welches sich, wenn überhaupt, im 16. Jahrhundert, gut 100 Jahre vor den Kriegsereignissen abgespielt hat. Aber auch an diesem Beispiel ist wiederum erkennbar, welche Wirkungen, welchen Eindruck die Schrecknisse des großen Krieges auf unsere Vorfahren hatten.
Rainer Lämmerhirt