Die Bürger einer Stadt bitten um Schonung für die Einwohner. Solche Szenen gab es wohl oft, aber ebenso oft waren sie umsonst: Gerade die Söldnerführer Pappenheim und Isolani machten sich noch nicht einmal etwas aus teuer bezahlten Schutzbriefen und ließen trotzdem plündern!
Abendmahlkelch aus Silber, um 1500, mit Wappendarstellungen. Der Kelch soll nach einer Eintragung im Kirchenbuch von dem schwedischen Offizier Peterson der Kirche gestiftet worden sein, weil der Mihlaer Pfarrer seinen im katholischen Küllstedt geborenen Sohn taufte.
Bei den Umbauarbeiten des alten Spritzenhauses auf dem Mihlaer Markt zum Chorzentrum im Jahre 2013 stießen die Bauarbeiter erneut auf Reste der Pestgräber von 1635 bis 1640.
Im Verlauf des Jahres 1634 gelang es den Kaiserlichen in das Werratal vorzudringen. Daran beteiligt waren kroatische Regimenter unter Führung des Generals Isolani, die eine neue Fluchtwelle in das immer noch einen gewissen Schutz bietende Eisenach auslöste.
Johann Ludwig Hektor von Isolani (1586-1640) gehörte zu jenen kaiserlichen Generälen, die ihren Feldherrn Albrecht von Wallenstein 1634 verraten hatten und auch an dessen Ermordung in Eger beteiligt waren. Nach Wallensteins Tod machte Isolani seinen eigenen Kriegszug durch Thüringen.
Im Verlauf der nachfolgenden Wochen erreichten Isolanis Streifkorps auch unsere Gegend. Dabei kam es bei Eisenach, im Georgenthal, zu einem Gefecht mit der schwedischen Besatzung in der Stadt, die unter dem Kommando eines Oberst Hoeditz stand. Es gelang den Schweden, die Kroaten abzuwehren. 17 Mann nahm man gefangen und sie endeten schließlich am Galgen der Stadt.
Dann waren wieder die Schweden im Ort. Im April 1634 gelang es kaiserlichen Truppenteilen, große Teile des Eichsfeldes unter ihre Kontrolle zu bringen. Bei der dortigen katholischen Bevölkerung wurden sie durchaus als Befreier empfangen. Schwedische Soldaten zogen sich ins Werratal zurück, mit ihnen auch die wenigen Menschen, die des evangelischen Glaubens waren.
Schwedische Söldner, inzwischen zum großen Teil aus den deutschen Landen rekrutiert, waren daher wieder in Mihla. Die Abteilung, die im April 1634 im Ort für einige Tage Quartier nahm, stand unter dem Kommando des Quartiermeisters Simson Peterson. Wie allgemein üblich, begleitete den Kriegszug der Schweden ein ansehnlicher Tross von Marketendern und Ehefrauen.
Die Frau des schwedischen Offiziers hatte im eichsfeldischen Küllstedt ein Kind geboren. Da aber der Vater die Taufe nicht von einem katholischen Priester vollziehen lassen wollte, wartete man ab, bis man in Mihla einen sicheren protestantischen Ort erreichte. Pfarrer Himmel vollzog dann die Taufe in der Kirche mit allen Zeremonien. Da gab es sogar in diesen düsteren Zeiten einmal ein Zeichen der Dankbarkeit, denn der Offizier Peterson stiftete für diese „gottgefällige Tat‟ der Mihlaer Kirche einen Abendmalkelch aus edlem Silber mit schönen Verzierungen.
Diese Aufmerksamkeit aus „Dankbarkeit‟ verliert natürlich insofern wieder an Wert, da der Abendmalkelch vom Schweden aus einer katholischen Kirche gestohlen worden war.
Während man in der Residenzstadt Eisenach noch im Herbst 1634 einen Trupp streifender Kroaten abwehren konnte, gelang dies ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1635, in der Amtsstadt Creuzburg nicht.
Kurz nach dem Osterfest 1635 überraschte ein Streiftrupp der Kroaten in der Nacht die Stadtwache und drang in die völlig ahnungslose Stadt ein. Zu den Opfern der Plünderungen gehörten auch der Wachtmeister der Stadtwache Georg Hüttener und der sich innerhalb der Stadtmauern aufhaltende Friedrich Hermann Treusch von Buttlar zu Brandenfels, ein hoher thüringischer Adliger. Die Kroaten wüteten so arg, dass man die zahlreichen Toten erst Wochen später begraben konnte....
Mihla wurde auch von diesem Streiftrupp geplündert. Wenig später waren Hatzfeldische Reiter im Ort. Sie schleppten die Pest ein, die zum zweiten Mal innerhalb von nur zehn Jahren noch im Sommer 1635 mit voller Wucht zu wüten begann.
Dieses Grauen dauerte vier Jahre. Unbeschreibliches geschah.
Wurden die Menschen von der Pest infiziert, gab es kein Entrinnen.
Der Tod trat häufig schon nach wenigen Tagen ein. 1635 musste Pfarrer Himmel 122 Opfer der Seuche beerdigen, in Lauterbach waren es sogar 75. Im Kirchenbuch berichtete der Pfarrer: „... waren Sonntag vor Michaelis 6 Personen uff einmal begraben und 3 Leichen aus einem Haus getragen, nämlich Claus Trömper, der Älteste, sein Sohn Hans, ein frommer Junggesell, und das Kind seiner Tochter, Hans Harseims Söhnlein Philippus, war groß Jammer anzusehen, weinet alle, die es sahen.‟
Das Wüten der Krankheit hielt die Söldner nur bedingt ab, die Orte zu plündern. 1635 begaben sich die Einwohner Lauterbachs auf die Flucht vor über 1000 Reitern, die das Dorf plünderten. In dieser Zeit starb der 27jährige Hans Meusemann, der seinen neben der Kirche gelegenen Hof dem Pfarrer vermachte, mit der Bitte, darin für Lauterbach eine eigene Schule einzurichten. Das geschah noch im gleichen Jahr.
Als erster Schulmeister wurde Elias Kranichfeld genannt, den die Pest aber bereits 1636 dahinraffte.
Ende 1635 verließ Pfarrer Franziskus Himmel Mihla, um als Adjunkt nach Creuzburg zu gehen. In seiner Mihlaer Zeit wurden Pfarrer Himmel zwei Söhne geboren, der 1621 geborene Heinrich besuchte zu dieser Zeit bereits die Eisenacher Lateinschule. 1625 kam noch ein Johann Friedrich hinzu. Heinrich Himmel, 1645 in Eisenach ordiniert, wurde noch im gleichen Jahr von den Herren von Harstall nach Mihla berufen (die Harstalls hatten als Rittergutsbesitzer ein entscheidendes Mitspracherecht bei der Pfarrerwahl).
Neuer Pfarrer wurde zunächst aber der 1604 in Creuzburg geborene Georg Emmerich Pfefferkorn, vorher bereits Pfarrer in Neustadt. Von ihm stammen die weiteren Nachrichten über den großen Krieg, ehe er dann 1645 ebenfalls zum Adjunkten (Superintendenten) aufstieg und die Pfarrstelle in Ostheim in der Rhön übernahm.
Zu dieser Zeit war der „Große Krieg“ in unserer Region bereits in seine letzte Phase eingetreten.
Zurück zu den Pestjahren 1635 bis 1637.
Heinrich Himmel war den Mihlaer bestens bekannt. Verheiratet mit einer Pfarrerstochter wurden der Familie neun Kinder geboren, von denen drei bereits im Kindesalter verstarben. Heinrich Himmel erlebte dann auch das Kriegsende in Mihla und die ersten Aufbaujahre nach dem großen Krieg, ehe er, 1677 nach dem Tode seiner Frau nochmals mit einer Eisenacherin aus der bekannten Familie Cotta verheiratet, 1680 in Mihla verstarb.
1636 erreichte die Pestwelle auch in Mihla ihren Höhepunkt.
147 Dorfbewohner verstarben im Verlauf des Jahres, in normalen Jahren waren es unter 30. Die Mehrzahl dieser Verstorbenen erlag der Seuche. Man setzte die meisten in Massengräbern auf dem Kirchhof bei. Die Gräber wurden am äußersten Ende des Kirchhofes zum Ölberg hin angelegt, meist nur mit Kalk bedeckt und bald wieder zugeschüttet. Von kirchlichen Zeremonien nahmen die Menschen aus Angst vor der Ansteckung bald Abstand. Meist wurde nur noch in der ebenfalls nur spärlich besuchten Kirche der Verstorbenen gedacht. Die Angst vor der Ansteckung war schließlich so groß, dass die Gottesdienste gar nicht mehr besucht wurden und die Menschen sich weigerten, über den Kirchhof, vorbei an den Massengräbern, zu gehen.
Bei den Bauarbeiten Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts für das neue Spritzenhaus, aber auch bei Erweiterungsbauten zum Wohnhaus der Familie Hotek und zuletzt bei den Umbauarbeiten am Feuerwehrgerätehaus zum heutigen Chorzentrum stieß man immer wieder auf eine große Ansammlung von Skelettresten, Knochen und Schädeln, dicht durcheinander beigesetzt.
Die Erinnerung an die Pestgräber war bei den Anwohnern noch nach Jahrhunderten so intensiv, dass die damaligen Bauleute sehr rasch die Hintergründe der angeschnittenen Gräber, bei denen es sich eben nicht, wie erst vermutet, um Reste des alten Gottesackers handelte, erfuhren. Bei den letztgenannten Umbauarbeiten am alten Spritzenhaus wurden die menschlichen Reste dann gesammelt und erneut beigesetzt.
Auch 1637 waren weitere 112 Tote zu beklagen. In Mihla verstarben in den als „Pestjahren‟ im Gedächtnis der Menschen haftenbleibenden Jahren 1635 bis 1637 381 Mihlaer, von denen mit großer Wahrscheinlichkeit die überwiegende Anzahl der Toten Opfer der Pest waren.
Bei gleichzeitig sehr stark zurückgehenden Geburtenzahlen kann man sich gut ausrechnen, wie rasch und wie stark damals die Einwohnerzahl sank. Der Ort, der vor dem Ausbruch des Krieges durchaus zwischen 800 und 900 Einwohner gezählt haben dürfte, war Mitte der 30er Jahre des 17. Jahrhunderts wohl weit unter eine Einwohnerzahl von 500 Seelen gefallen; schließlich musste der neue Pfarrer Pfefferkorn für die Jahre von 1635 bis 1640 insgesamt 592 Menschen ins Mihlaer Totenbuch eintragen.
Rainer Lämmerhirt
Ortschronist Mihla