Das Foto zeigt einen Appell der Flüchtlinge vor dem Hauptgebäude des Schlosses. Neben der Hakenkreuzfahne ist die österreichische Fahne gehisst. Die Bildunterschrift lautet: Zum Gedenken an den 26. Juli 1934 und trägt die Datumseintragung „Mihla 1935“. Der abgebildete Gedenkappell auf dem Hof des Roten Schlosses soll also an den Tag des Beginns des Putsches, den 26. Juli 1934, erinnern. Der Putsch, der dem damaligen österreichischen Kanzler Dollfuß das Leben kostete, wurde niedergeschlagen und tausende österreichische Nazis flohen über die Grenze nach Deutschland. Interessant auf dem Foto ist weiterhin der Hintergrund. Die dort zu sehenden Gebäude des Westflügels wurden durch den RAD 1936 abgerissen.
Ansichtskarte aus dem Jahre 1938 mit einer Abbildung des Roten Schlosses als „Bezirksführerinnenschule 5“ des weiblichen Arbeitsdienstes, des RAD.
Das Rote Schloss in Mihla hat eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Als Sitz einer Linie der adligen Ritterfamilie von Harstall um 1581 auf den Resten eines Mainzer Wirtschaftshofes des 13. Jahrhunderts errichtet kam es 1895 nach dem Bankrott des letzten Harstallbesitzers immer wieder in neue private Hände.
Diese verkauften in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Stück für Stück sämtlichen Wald- und Landwirtschaftsbesitz des Rittergutes.
Nach dem Machtantritt Hitlers 1933 begann sich der NS-Staat für die leerstehende Immobilie zu interessieren. Die Verhandlungen zwischen dem letzten Besitzer und staatlichen Institutionen bzw. Vertretern von SA und Reichsarbeitsdienst zogen sich allerdings zäh hin.
Die Schlossgebäude waren bereits mehrfach an Institutionen des NS-Staates verpachtet worden. Schon in der Zeit der Zwangsverwaltung des Rittergutes hatten im Februar 1934 staatliche Stellen und die Gemeinde mit der Stabsführung der SA/SS verhandelt. Den SS-Offizieren ging es darum, die Gebäude für die Einrichtung einer Sportführerschule zu nutzen.
Noch im Februar 1934 hatte ein Major Biedermann aus Mühlhausen das Schloss besichtigt, um die baulichen Möglichkeiten zu prüfen. Am 21. 2.1934 war der Obergruppenführer der SS, Freiherr von Eberlein, in Mihla, um das Gebäude zu inspizieren. Nach einigen kleineren Umbauten, an denen auch die Gemeinde finanziell beteiligt war, zog die SS- Sportführerschule im April 1934 im Roten Schloss ein.
Allerdings ging diese Verpachtung schief, denn ständige Auseinandersetzungen zwischen den SS-Leuten und der Einwohnerschaft, die im Juli 1934 sogar zu handfesten Schlägereien mit Todesfolgen zum Beispiel bei einem Kinobesuch der Absolventen in Creuzburg führten, beendeten die Existenz dieser Schule in Mihla schon Ende 1934.
Nachdem die Gebäude längere Zeit leer standen, wurde wiederum im Rahmen der Zwangsverwaltung im Spätsommer 1935 das Rote Schloss Exilpunkt und Unterkunft für nach dem Dollfuß-Putsch in Österreich dort geflohene Nazis. Auch dies war jedoch keine dauerhafte Lösung, die letzten Österreicher verließen schon Ende 1935 das Schloss.
Von der Ankunft der Flüchtlinge aus Österreich, zum größten Teil Anhänger und „Kämpfer“ der österreichischen Nazis, konnte nun ein Foto erworben werden.
Nach der Räumung des Schlosses wurde eine Nutzung durch den Reichsarbeitsdienst, wiederum über Pacht, in die Wege geleitet. Der RAD betrieb bereits seit längerer Zeit im benachbarten Lauterbach ein Arbeitsdienstlager. Im Mihlaer Roten Schloss sollte nun eine Führerinnenschule des Bezirks Thüringen für den weiblichen Arbeitsdienst einziehen.
Anfang April 1937 traf das Vorauskommando des Reichsarbeitsdienstes im Mihlaer Roten Schloss ein. Es sollte die Belegung der Gebäude vorbereiten. Die Forderung wurde aufgemacht, dass die Gemeinde für den RAD als Vermieter auftreten müsse.
Der RAD ließ an der Straßenfront größere Umbauten vorzunehmen und auch den Torbereich neu gestalten. Gleichzeitig begann der Abriss von Stall- und Scheunengebäuden und der Bau einer modernen Turnhalle. In den Seitenflügel wurden Unterkünfte für die Mädchen der Schule errichtet.
Noch während die Umbauarbeiten liefen, die Führerinnenschule 5 des Gaus Thüringen wurde Ende 1937 offiziell eröffnet (die Leiterin, eine Frau Schmaus, bildet mit 20 Kräften des Stammpersonals in einem ersten Lehrgang 65 Mädchen aus ganz Deutschland als Führerinnen des weiblichen Arbeitsdienstes aus), wurde bereits über den Verkauf des Schlosses verhandelt.
Diese Verhandlungen führten dazu, dass die Reichsleitung des RAD die Schlossgebäude sowie einen Teil des Parkes ohne dessen südlichen Teil mit der den Brauereigebäuden für 60.000 Reichsmark noch im Jahre 1938 kaufte.
Rainer Lämmerhirt