Der junge Philipp von Hessen in Hofkleidung, ohne Herrschaftsinsignien, unbekannter Kopist nach Hans Brosamer um 1543, Mischtechnik auf Holz, Wartburg-Stiftung Kunstsammlung InvNr. M0076. Das Gemälde kann im Museum der Wartburg-Stiftung besichtigt werden.
Revers aus dem Jahr 1520, in dem die Stadt Creuzburg Landgraf Philipp von Hessen huldigt
Sogenannter Kurfürstentriptychon, Johann Lange nach Lucas Cranach d. Ä., 1566, Öl auf Holz, 1375 x 650 cm, Wartburg-Stiftung Kunstsammlungen InvNr. M0073
Veit Ludwig von Seckendorf: Compendium Seckendorfianum oder Kurzgefasste Reformationsgeschichte, Bände 1-2, Halle, 1755, Einleitung
Brief Luthers an Spalatin, Quelle: https://recherche.landesarchivonsachsen-anhalt.de/Query/detail.aspx?ID=479025, abgerufen 07.12.2025
https://de.wikipedia.org/wiki/Landgraf-Philipp-Denkmal#/media/Datei:Everding-Philip.jpg, abgerufen 07.12.2025
von Wolf-Marcus Haupt
Vor 500 Jahren wurde der Aufstand der Bauern in Frankenhausen grausam niedergeschlagen. Eine führende Rolle bei der Entmachtung der Aufständischen hat dabei Landgraf Philipp von Hessen gespielt. Dessen ungeachtet hat Philipp der Reformation in Hessen zum Durchbruch verholfen.
Ein Treffen zwischen Philipp dem Großmütigen (Philipp von Hessen) und dem sächsischen Herzog Johann dem Beständigen (Johann von Sachsen) und seinem Sohn Johann Friedrich kommt bei der Einführung der lutherischen Lehre in Hessen eine Schlüsselfunktion zu. Das Treffen fand am 20. März 1525 in Creuzburg statt und wurde bisher nur beiläufig behandelt. Und dennoch wird es von verschiedenen Autoren sehr unterschiedlich bewertet. Der Interpretationsspielraum reicht von einer Zusammenkunft wegen der Bauernkriegsunruhen, was Mentz vermutet, bis hin zu einem Bekenntnis Philipps zu Luther und zum reformatorischen Glauben, was der überwiegende Teil der Historiker betont.1
Einige Autoren sprechen sogar vom tatsächlichen Beginn der Reformation in Hessen, obwohl es schon im Vorfeld reformatorische Strömungen gegeben hat, die allerdings nicht flächendeckend waren.
Bevor auf das Treffen umfassender eingegangen werden soll, ist es zum Verständnis hilfreich, die verwandtschaftlichen und religiösen Verbindungen zwischen Hessen und Sachsen/Thüringen zu beleuchten. Die Geschicke beider Landesteile waren schon immer eng miteinander verknüpft. Bis zur Trennung von Hessen und Thüringen als Folge des Erbfolgekrieges 1263 bildeten beide Teile eine territoriale Einheit.
Trotzdem blieben in der Folgezeit die familiären und geographischen Verbindungen beider Länder erhalten. Sie gipfelten in der sogenannten Erbverbrüderung. Die Erbverbrüderung zwischen Hessen und Thüringen war ein politisch-militärischer Vertrag, der erstmals 1373 zwischen Landgraf Heinrich II. von Hessen und dem Markgrafen Friedrich III. und seinen Brüdern, den Wettinern, abgeschlossen wurde und später mehrfach erneuert wurde. Damit sollte der Status Quo und die Macht beider Vertragspartner abgesichert werden. Es war sogar üblich, dass sich einzelne Städte auf diese historischen Wurzeln in Form von Huldigungsschreiben berufen haben.
Im Hessischen Staatsarchiv Marburg befindet sich unter der Signatur HStAM, Urk. 1, 3332 ein Revers, also eine Urkunde der Stadt Creuzburg für die Landgrafen Wilhelm I. und Wilhelm II. von Hessen zwecks Huldigung auf die Erbverbrüderung zwischen Sachsen und Hessen. Die Urkunde ist datiert vom 18. Oktober 1487. Im Staatsarchiv Marburg findet sich ebenfalls ein Revers aus dem Jahr 1520, in dem die Stadt Creuzburg Landgraf Philipp von Hessen mit Siegel huldigt.
Im 16, Jahrhundert erreichten die verwandtschaftlichen Bindungen zwischen den Herzögen von Sachsen und der hessischen Landgrafenfamilie einen Höhepunkt. Georg von Sachsen war der Schwiegervater von Philipp von Hessen, da er mit dessen Tochter Elisabeth von Sachsen verheiratet war. Ein weiterer Sohn Georgs, Johann von Sachsen, war mit Christine von Hessen verheiratet, einer Schwester von Philipp von Hessen. Die feudalpolitischen und religiösen Interessen wurden also bereits frühzeitig verfolgt.
Obwohl die familiären Verbindungen so eng waren, gab es doch hinsichtlich religiöser Ansichten unterschiedliche Meinungen. Herzog Georg von Sachsen war strenger Katholik, während sein Sohn Johann und dessen Ehefrau Christine von Hessen (eine Schwester von Philipp) sich bereits früh zum Protestantismus bekannt haben. Philipp von Hessen und sein Schwiegervater, Georg von Sachsen, befanden sich also sehr früh in einem familiär-religiösen Konflikt.
Trotzdem muss bei der Einführung der Reformation zwischen Thüringen und Hessen unterschieden werden. Thüringen wird häufig als „Kernland der Reformation“ bezeichnet, da Luther wichtige Etappen seines Wirkens in Thüringen, speziell in Eisenach, auf der Wartburg und in Erfurt verbracht hat. Seine große Anhängerschaft und die Besetzung entscheidender Positionen mit Gleichgesinnten dürften bei der Einführung wesentlich gewesen sein. Zu nennen wären hier seine Weggefährten Menius in Eisenach, Myconius in Gotha, Mörlin in Arnstadt, Johannes Lang in Erfurt, Spalatin in Altenburg und viele andere. Auch Luthers alter Glaubensbruder Georg Spenlein in Creuzburg muss hier erwähnt werden. Darüber hinaus haben die zahlreichen kirchenpolitischen Auseinandersetzungen, z.B. an der Universität Jena, ihren Beitrag geleistet.
Die Entscheidung Philipps, die Reformation in Hessen einzuführen, war ein längerer Weg und steht wahrscheinlich mit einem zufälligen Treffen zwischen Philipp von Hessen und dem Reformator Philipp Melanchthon in der Nähe von Frankfurt in Verbindung. Die Begegnung im Jahr 1524 stellt den Beginn für einen jahrelangen Austausch mit dem Wittenberger Reformator dar und sollte der Grund für die Hinwendung des Landgrafen zu den reformatorischen Ideen sein. Doch schon im Vorfeld gab es vereinzelte reformatorische Strömungen. Nachgewiesen sind Johannes Feige in Lichtenau, Tileman Schnabel in Alsfeld und Bartholomäus Rieseberg in Immenhausen, die alle mit Luther freundschaftlich verbunden waren.
Schnabel musste 1523 seine Heimatstadt verlassen, da der Landgraf Philipp von Hessen den evangelischen Glauben noch nicht zulassen wollte. Er ist nach Leisnig in Sachsen geflüchtet, konnte aber nach drei Jahren nach Alsfeld zurückzukehren.
War Landgraf Philipp anfänglich noch unentschlossen, hat er sich nach 1525 zu einer Führungspersönlichkeit der Reformation entwickelt. Der Einfluss seiner Berater war wegweisend. Maßgeblich wäre hier sein Kanzler Johannes Feige zu nennen.
Inwieweit man die geänderten religiösen Ansichten Philipps mit dem Treffen im März 1525 in Creuzburg in Verbindung bringen kann, soll im weiteren beleuchtet werden. Es finden sich bereits sehr frühzeitig Hinweise, die dem Treffen einige Beachtung und Bedeutung zuweisen.
Einer der Ersten die umfänglicher über das Treffen zwischen Philipp von Hessen und Johann und Johann Friedrich von Sachsen berichtet haben, war Veit Ludwig von Seckendorf.
Deshalb soll er hier stellvertretend zitiert werden:
„Im Martio hielten der Churfürst von Sachsen, mit seinem Prinzen Johann Friedrich, und Philippus, Landgraf in Hessen, einen Convent in Creuzburg in Thüringen, und stifteten zugleich eine genaue und vertrauliche Freundschaft mit einander; wovon Lutherus Hofnung geschöpft, daß es auch dem Evangelio zur Förderung gereichen würde. Der Prinz Joh. Friedrich schrieb, unterm 2. April, an den Marschall von Dolzig: „Der Landgraf habe versichert, er wolle eher Leib und Gut, Lande und alles verlieren, ehe er vom Worte Gottes abfallen wolte.“ Herzog Georg in Sachsen war des Landgrafen Schwieger-Vater, und diesen suchte er auch, durch ein wohlgefaßtes, christliches Schreiben, zu gewinnen, und dem Evangelio günstig zu machen. Die Hofnung aber fehlte, wie der Landgraf selbst an den Chur-Prinzen Johann Friedrich, unterm 31. März, berichtet, und Herzog Georgens Antwort zugleich mit beigelegt. Laut derselben wolte der Herzog die Sache Gott überlassen; nach 100 Jahren werde sich schon zeigen, welcher Theil recht gehabt,“2
Weitergehende Informationen finden sich bei Friedensburg in seiner Habilitationsschrift.
"Am 7. März (d. d. Cassel di. n. Invocavit) 1525 schreibt Philipp an Johann Friedrich: er habe vorlängst den Wunsch nach einer Zusammenkunft ihrer beiden und schlage nunmehr für dieselbe den Sonntag oder Montag Oculi (19/20. März) und als Ort Kreuzburg, Eisenach oder Eschwege vor; Herzog Johann möge auch theilnehmen, Der letzere schickte dieses Schreiben am 14. März (d. d, Weimar di. n. Remin.) an Kurfürst Friedrich und theilt mit, er habe eingewilligt, dass Johann Friedrich die Zusammenkunft auf Montag nach Oculi in Kreuzburg anberaume, wohin er sich auch begeben wolle (Weimar Ges.-A., Orrig.). In Kreuzburg fand dann auch die Zusammenkunft der drei Fürsten statt. Mit Bezug auf dieselbe schreibt Luther am 27. März an Spalatin: "Gaudeo Hessorum principem nostris principibus colloqui, spero evangelii fructum fore (de Wette II nr. 687)." Johann Friedrich berichtete, der Landgraf habe geäussert, er wolle eher Leib und Leben, Land und Leute lassen, denn von Gottes Wort weichen, s. Spalatin Chronicon bei Mencken SS. Rer. German. II, 642, Seckendorff a. a. O. II, 35. Auch erzählt hier Philipp von seinen Bemühungen, Herzog Georg für das Evangelium zu gewinnen, s. Kolde, Friedrich der Weise und die Anfänge der Ref. S. 60 f. nr. 19."3
Luther und die Einführung der Reformation in Hessen
Luther hat die neuen Entwicklungen sehr positiv beurteilt. Das kommt in dem bereits erwähnten Originalbrief Luthers an Spalatin vom 27. März 1525 zum Ausdruck und der verdeutlicht, dass Luther sehr wohl um die Entwicklungen in Creuzburg wusste. Der Brief von Luther an Spalatin befindet sich im Landesarchiv Sachsen-Anhalt in Dessau.
De Wette hat den Brief wiedergegeben, in dem sich auch die zentrale Aussage Luthers befindet: „Gaudeo Hessorum Principem nostris Principibus colloqui, spero Evangelii fructum forte.“4
Frei übersetzt: „Ich bin froh, dass der Fürst von Hessen zu unseren Fürsten spricht, und hoffe auf die Frucht des Evangeliums.“
Philippsdenkmal in Kassel:
„Ich will eher Leib und Leben, Land und Leute lassen, denn von Gottes Wort.“5
Die Aussage Philipps von Hessen erfuhr durch ein Denkmal eine gewisse Renaissance. Es befand sich vor der Kasseler Martinskirche und war eine Idee des Evangelischen Bundes zur Wahrung deutscher protestantischer Interessen. Bereits 1889 wurden dafür Spenden gesammelt. Der sich anschließende Wettbewerb wurde vom Kasseler Künstler Hans Everding gewonnen, der 1898 mit der Umsetzung beauftragt wurde. Ein Jahr später wurde das Denkmal enthüllt. Auf dem Sockel befand sich das Zitat Philipps: „Ich will eher Leib und Leben, Land und Leute lassen, denn von Gottes Wort.“ Das Denkmal wurde 1942 als Folge des Krieges zur Materialgewinnung eingeschmolzen und ist nicht mehr erhalten.
Die Einführung der Reformation in Hessen
Ab 1526 setzte der Landgraf reformatorische Änderungen in Hessen durch. Auf der Homberger Synode hatten sich die meisten anwesenden Landstände für die Einführung des evangelischen Glaubens in Hessen entschieden. Anlässlich der Versammlung ließ Philipp eine Kirchenordnung, die „Reformatio Ecclesiarum Hassiae“ verfassen, die maßgeblich von Franz Lambert und anderen Theologen erarbeitet wurde, allerdings auf Anraten Martin Luthers wegen der strikten Forderungen nicht umgesetzt wurde.
1527 gründet Philipp von Hessen die Marburger Universität und schuf so die Grundlage für die Ausbildung evangelischer Geistlicher. Flankiert durch zahlreiche andere Maßnahmen konnte so die Reformation in Hessen durchgesetzt werden.
Es bleibt zu hoffen, dass das Treffen zwischen Philipp von Hessen, Johann und Johann Friedrich von Sachsen stärker in das Bewusstsein der hessisch-thüringischen Geschichtsschreibung und der Forschung rückt und den Stellenwert einnimmt, der ihm gerecht wird.
Ein Nachtrag
Wir wissen nicht genau, an welchem Ort in Creuzburg das Treffen stattgefunden hat. Eine unterhaltsame Fußnote findet sich bei Heinrich Schwerdt: „Auf dem jetzt noch stehenden Thurme zu Kreuzburg war der erste Thürmer, der mit seiner Clarinette blies und mußte der Stadt hüten, Hans Hellermann. Der erste Fürst, so in der Stadt angeblasen wurde, war Herzog Hans von Sachsen, der andere Philipp von Hessen. Diese kamen anher Anno 1522 und machten sich drei Tage miteinander lustig auf dem Rathaus.“6
Literaturverzeichnis
1 Mentz, Georg: Friedrich der Grossmütige, 1503÷1554, Erster Teil, hrsg. von der thüringischen historischen Kommission, Jena, 1903, S. 55.
2 Seckendorf, Veit Ludwig von: Compendium Seckendorfianum oder Kurzgefasste Reformationsgeschichte, Bände 12, Halle, 1755, S. 41.
3 Friedensburg, Walter: Zur Vorgeschichte des Gotha-Torgauischen Bündnisses der Evangelischen, Theil I, Marburg, 1884, S. 40 und 41.
4 De Wette, Wilhelm Martin Leberecht: Dr. Martin Luthers Briefe, Sendschreiben und Bedenken, Zweyter Theil, Berlin, 1826, S. 640-641.
5 Clemen, Otto: Zu Landgraf Philipps reformatorischen Anfängen, in: Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde, 44 NF. 34, Kassel, 1910, S. 113.
6 Schwert, Heinrich: Kreuzburg an der Werra, in: Thüringen und der Harz mit ihren Merkwürdigkeiten, Volkssagen und Legenden, hrsg. Sydow, Friedrich v. / Bechstein, Ludwig / Herringen, Gustav, 8. Band, Sondershausen, 1844, S. 28.