Titel Logo
Werratal Bote Mitteilungsblatt der VG Hainich-Werratal und Stadt Treffurt
Ausgabe 7/2026
Amt Creuzburg
Zurück zur vorigen Seite
Zurück zur ersten Seite der aktuellen Ausgabe

Vergessene ehemalige Siedlungen in der Mihlaer Flur

Rechts des Eingangs der „Hohen Straße“ in das Sandholz stößt der aufmerksame Beobachter auf Erdwälle und Steinsetzungen, die vermutlich den Standtort der Siedlung Wesse noch heute markieren.

Blick auf den Eingang der Hohen Straße in das Sandholz. Rechter Hand dürfte der Standort der früheren Siedlung zu finden sein.

Der Kirchort Wesse

Wir blicken in das 14. Jahrhundert. Der Landesausbau der vorhergehenden Zeit, in dessen Ergebnis etliche Kleinsiedlungen rund um Mihla entstanden waren, kann durch verschiedene Ursachen zum Erliegen und kehrte sich ins Gegenteil um.

Hierfür waren wiederum wirtschaftliche Veränderungen entscheidend.

Hatten die Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur den Bauern, die Einführung neuer Bearbeitungsmethoden der Felder, verbesserte Geräte in der Landwirtschaft, die Kummetanspannung für Zugtiere u.a., zunächst viele Vergünstigungen im täglichen Leben gebracht, änderte sich dieser Zustand bereits im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts wieder grundlegend.

Die ökonomisch erstarkten Städte und größeren Siedlungen wie Mihla bestimmten zunehmend die Preise für landwirtschaftliche Produkte, die Märkte blühten auf.

Während die handwerklichen Produkte immer teurer wurden, erhielten die Bauern für ihre Erzeugnisse immer geringere Gelder. Diese Preisschere, die schließlich als Agrarkrise zur absoluten Verschlechterung der landwirtschaftlichen Entwicklung führte, ging zudem noch einher mit zahlreichen witterungsbedingten Missernten. In unserer Region verzeichneten die Chroniken furchtbare Auswirkungen der Werraflut von 1342 und 1348 trat erstmals die Beulenpest auf, um im Abstand von meist nur wenigen Jahren immer wieder die Menschen heimzusuchen.

Viele Menschen starben, ganze Landstriche begannen zu veröden. Die Folgen für die meist in ungünstigen Höhen-oder Waldlagen entstandenen Kleinsiedlungen waren dramatisch.

Allerorts wurden diese Siedlungen und Höfe aufgegeben, wurden zu Wüstungen.

Viele Bewohner zogen in die größeren Siedlungen, in denen man sich bessere Lebensbedingungen erhoffte und die auch wesentlich sicherer waren.

Unser Gebiet zählte mit zu den am stärksten durch diese Wüstungsperiode betroffenen Zonen in Westthüringen.

Von den urkundlich oder durch Flurnamen fassbaren Kleinsiedlungen um Mihla gingen in dieser „Wüstungsperiode“ Harstall (1349/50 letztmalig bewohnt genannt, 1436 bereits Wüstung), Münsterkirchen (1436 wohl bereits wüst), Almenhusen (1483 als Wüstung genannt), Kesselgewende (1436), Walterdehusen/Werthausen (1436 Wüstung), Wesse (1506 wurde dort wie auch in Münsterkirchen eine noch genutzte Kapelle genannt) und Habichsthal (1436 wüst genannt) ein. Die Mehrzahl der überlebenden Bewohner dürfte sich in Mihla niedergelassen haben.

Die Kapellen bzw. Kirchen von Münsterkirchen und Wesse (von beiden Orten ist keine sichere Nachricht erhalten, wann sie aufgelassen wurden) waren noch lange nach dem Wüstwerden, wohl bis zur Reformationszeit, als Wallfahrtskirchen in Gebrauch.

Wo lag nun die Siedlung Wesse?

Siedlungsreste anhand von Ziegelresten und Steinen wurden unmittelbar am Eingang der „Hohen Straße“ in das Sandholz rechter Hand bei Bodenbegehungen gefunden. Noch heute sind an verschiedenen Stellen Gräben und vermutliche Wallreste erkennbar. Bereits im Jahre 1229 vermeldete eine Urkunde, dass Wesse unter dem Schutz des Landgrafen gestellt war, genauer ein dortiges Gut des Kloster Lippoldsberg an der Weser. 1249 wird der Ritter Hermann von Mihla vom Landgrafen ein Lehen über Wesse hält.

Daraus und aus der Meldung im Jahre 1506, dass in Wesse eine noch genutzte Kapelle vorhanden sei, ist zu erschließen, dass in der kleinen Siedlung an der alten Straße von Mihla und der Werrafähre nach Scherbda ein Wirtschaftsgut bestand, welches vielleicht sogar befestigt war.

Die Wasserversorgung war mit Sicherheit gegeben denn unweit des vermutlichen Siedlungsplatzes entspringt die „Kline“, ein kleiner Bachlauf, der gegenüber von Ebenshausen in die Werramündet. Vielleicht haben wir hier es mit einem alten Dorfbrunnen zu tun.

Nach dem die Siedlung aufgegeben war nutzte man in den zutiefst religiösen Jahren des 15. Jahrhunderts die noch vorhandene Kapelle, sicher ein Steinbau, als Ziel von Prozessionen.

Daran erinnern die Flurnamen „Am Kreuz" (unterhalb der alten Siedlung) und „Mönchsberg".

Gleich daneben ist auf alten Urkunden der Wessenberg (oder Wäßenberg) eingezeichnet. Hier ist der Name der Siedlung zu finden.

Im Althochdeutschen bezeichnet dieser Name einen steilen Berg, auf einem Berg liegend, was ja für unsere Siedlung durchaus zutrifft.

Die Fluren des verlassenen Ortes wurden zum Teil auch vom neuen Wohnort aus weiter genutzt, zum Teil bedeckte bald der Wald wieder die Äcker.

Ortschronist Rainer Lämmerhirt, Mihla