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Werratal Bote Mitteilungsblatt der VG Hainich-Werratal und Stadt Treffurt
Ausgabe 7/2026
Amt Creuzburg
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Er trug Creuzburg im Namen - Michael Praetorius Creutzburgensis

Michael Praetorius, Porträtholzschnitt, 1606

Michaël Schultes, Schülerliste der fünften Klasse der Torgauer Lateinschule 1576

Michael Praetorius, Matrikeleintrag 1583

Frank-Bernhard Müller

Tod in Wolfenbüttel, Begräbnisbuch, Leichenpredigt

Vor 405 Jahren verstarb der prominente Komponist, Musiker und Musiktheoretiker Michael Praetorius am 15. Februar 1621 in Wolfenbüttel. Er wurde am 23. desselben Monats in der Hauptkirche Beatae Mariae Virginis unter der Orgel begraben. Das Epitaph zu seinem Gedächtnis ist nicht mehr vorhanden. Nach dem Begräbnis-Buch der Hauptkirche BMV war es über der Treppe zur nördlichen Empore angebracht. Es zeigte das Bildniß Praetorii, darüber die Himmelfahrt CHristi zierlich in Alabaster gehauen, links daneben und rechts kurze Inschriften (Bibelzitate). Eine dritte, längere Inschrift stand unter dem Bildnisse. Soweit die Auskünfte im Begräbnis-Buch, wie es 1747 nach Christoph Woltereck gedruckt wurde.

Ein Entwurf für diese dritte Inschrift findet sich zudem im Anhang der Leichenpredigt, die Magister Peter Tuckermann 1621 gehalten hat. Der aufmerksame Leser vergleicht und bemerkt Auffälligkeiten: Bei Woltereck ist als Todesdatum IV. Febr(uarii angegeben, in der Inschrift der Leichenpredigt XV. Febr(uarii). Auf deren Titelblatt lesen wir am 15. Februarij seliglich entschlaffen. Nun kundig gemacht, also sachverständig und mit dem Gegenstand vertraut, lesen wir eine (lateinische) Passage am Ende des Textes. In unsere Muttersprache übertragen steht dort, dass Michael Praetorius sein frommes Leben mit einem frommen Tod beendet hat, als er gerade im 49. Lebensjahr, das heisst im siebten klimakterischen Jahrsiebt, stand. Diese Formulierung beruht auf der Vorstellung, dass das Leben eines Menschen in Siebenerschritten verläuft und die jeweils siebenten Jahre gefährlich und sozusagen kritisch sind und deshalb als klimakterisch bezeichnet werden. Der römische Gelehrte Censorinus hat im Jahr 238 n. Chr. in seinen Betrachtungen zum Tag der Geburt das Wissen der Antike dazu gesammelt. Das 49. Lebensjahr galt ihm als das problematischste von allen, da sich in diesem Lebensalter siebenmal sieben Jahre erfüllen. Christine Wulf (Göttingen) hat 2026 die Forschung zu diesem nur abschriftlich überlieferten Epitaph auf den neuesten Stand gebracht.

Michaels Geburt, des Vaters Michael Schulteis Amtszeiten, Lateinschule in Torgau

Es ist ein Ros entsprungen - das Juwel unter den Weihnachtsliedern, eben erst gehört - singen wir seit 1609 nach der innigen Melodie, deren Schöpfer in unserer Kleinstadt an der Werra das Licht der Welt erblickte.

Von Michaels Kindheit wissen wir nichts, Taufverzeichnisse gibt es in Creuzburg erst ab 1574. Das Geburtsjahr 1572 ist aber rekonstruierbar aus dem oben erwähnten Gedicht, demzufolge er gestorben ist, als er gerade sein 49. Lebensjahr beging. Die Inschrift auf dem Porträt von 1606 im 35. Lebensjahr stützt die Jahreszahl 1572 - demnach hatte Praetorius erst das 34. Jahr vollendet. (Abb. 1) Michael kam als jüngster Sohn des Pfarrers Michael Schulteis zur Welt, vermutlich in dem für diesen erbauten, bezeugten Pfarrbau. Die herzoglichen Brüder Johann Friedrich II. und Johann Wilhelm von Sachsen loben am 3. März 1549 den Rat der Stadt, Euern neuen pfarrer zu Creutzp belang(end). Sie haben gern gehort, dass der Rat die pffar zu pauen willens ist. Im Stadtbrand am 24. September 1634 wurde auch das Pfarrhaus in die Asche gelegt.

Am Rande sei bemerkt: In seiner Reihe Chor der Woche stellte der reichweitenstarke Deutschlandfunk Kultur am 1. Juli 2025 den Creuzburger Michael-Praetorius-Chor vor. Leider war das Hörerlebnis getrübt, in der Anmoderation war der Namensgeber des Chores im Mittelalter geboren. Eine seltsame Lesefrucht, die nicht schmeckt.

Es ist Michael Schulteis’ zweite Amtszeit in Creuzburg, die von 1569 bis 1573 währte. Die erste Amtszeit ging von 1549 bis 1563, Kurfürst Moritz von Sachsen hatte am 2. Juli 1549 dessen Absetzung in Torgau verfügt. Nach wiederholten kirchlichen Prüfungen (sog. Visitationen) wird Schulteis erneut entlassen. Darüber und über die Gründe seiner Enturlaubung schreibt er am 19. August 1573 an den Rat zu Creuzburg: Darauff haben die Visitatores mich meines Ampts entsetzt, Vnd mir in 14. Tagen das Landt zu reumen durch den amptschultheis gebeten. Das erbetene, sehr wohlwollende Dienstzeugnis stellt der Rat am 21. August aus. Schulteis kehrt nach Torgau zurück, 1578 nach Treuenbrietzen, wo er außer Amtes um 1615 stirbt. Er bittet am Ende des langen Schreibens darum, dass seine Liebe Haußmutter Vnd Kinder in der Obhut der Stadt bleiben können. Dann fügt er zwei aufschlussreiche Sätze hinzu: Da sie Schulteis’ Garten und Äcker nicht balde [in Kürze] verkaufen werden, sollen sie doch dafür sorgen, dass der Schoß [Steuerabgabe] und was sich sonst davon zugeben gebürt, treulich gegeben werde. Und sie sollen sich auch, solange sie hir seind, still und aller Gebühre halten. Wie lange blieben sie noch in Creuzburg? Frau und Kinder müssen spätestens 1576 nachgezogen sein, denn in einer Schülerliste der Lateinschule in Torgau aus diesem Jahr ist der jüngste Sohn mit dem Namen Michaël Schultes aufgeführt. (Abb. 2)

Studienjahre - Studienabbruch - Berufsentscheidung:

Organist oder großer Doctor

Nach Schuljahren in Torgau und Zerbst wurde Michael bereits 1583 an der Universität Frankfurt/Oder immatrikuliert. Noch minderjährig, hat er den Immatrikulationseid nicht geleistet. Sein Familienname und Herkunftsort erscheinen in der Universitätsmatrikel in latinisierter Form: Michael Praetorius Kruciburgensis, ein frühes gedrucktes Zeugnis, das auf seine Heimatstadt verweist. (Abb. 3) Der Tod seines Bruders Andreas 1586 gefährdete die Fortsetzung des Studiums. Der Theologieprofessor und Pfarrer hatte großen Einfluss und war gut vernetzt. Es fügte sich aber: Der junge Michael Praetorius wurde Organist an der Universitäts- und Pfarrkirche. Ende 1589 verließ er Frankfurt und setzte seine Studien in Helmstedt privatim fort.

Als Praetorius 1608 zum Konventualen des Klosters Amelungsborn ernannt wurde, wendet er sich an den Kammersekretär Heinrich Hertwig. Praetorius’ Brief vom 26. September 1608 (das Original verwahrt die Universitätsbibliothek Basel) ist in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung, ordnen wir ihn ein: Er bittet um Unterstützung, als Konventuale angenommen zu werden, was eine zusätzliche Versorgung bedeutet, und fragt: Waß kann es Aber schaden daß Ich darneben ein Conventualis des Ortts sey? Allerdings schätzt er sich zu gering, ungeschickt, unwürdig und untüchtig zu solchen hohen sachen ein und bittet um ein sog. Promotorial, ein Empfehlungsschreiben. Er befürchtet, dass er einiger vornehmen Leute Vngunst mir Vff den halß laden Vnnd ziehen wurde und betont seine akademische Ausbildung.

Das ist der Zusammenhang, in dem wir rückblickend lesen: Weill Ich nun in daß 15. Jhar Alhier meine studia an die Wand gehangen … [Ich] hette woll zu der Zeitt, do ich ein Organist worden, ein großer Doctor werden können. Dieser oft zitierte Brief hat immer wieder die Spekulationen darüber angeregt, ob Praetorius wie sein Vater und seine Brüder Pfarrer und Theologe hätte werden wollen. In seiner Leichenpredigt hat sich der Hofprediger Tuckermann erstmals dazu geäußert: es [habe] jhm offt gerewet, daß er sich nicht zum Predigampt begeben. Wenngleich Tuckermann wenig zum Lebenslauf mitteilt, so weiß er: Praetorius ist in seinem Ampt sehr fleissig gewesen, hat auch offt hohe vnnd schwere Anfechtungen gehabt, da er seine Jugent vbel zugebracht, auch ein sündiger Mensch vnd kein Engel gewesen, war auch mit viel Creutzes vnd Vnglücks geschlagen, daß er ein wolgeplagter Mann gewesen.

Ausgewählte Lebensstationen

Im Trauerjahr für Herzog Heinrich Julius 1614 wurde Praetorius in Dresden Capellmeister von Haus aus und Director der Music, er blieb bis 1616. An der Besetzung der Hofkapellen beteiligt, schuf er Festmusiken zu Fürstenbesuchen, Hochzeiten und Taufen. Berichte über den Taufgottesdienst des Prinzen August von Sachsen am 18. September 1614 in der Dresdner Schlosskirche beschreiben sein beeindruckendes Dirigat: Ein noch nie gehörtes Jubiliern und Musicirn voller Lieblichkeit, Praetorius’ schöne und liebliche Musica kann nicht gnug gerühmt werden.

Am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges besuchte Kaiser Matthias 1617 Dresden. Praetorius’ Musik hinterlässt einen gewaltigen Eindruck: Kaiser und König hörten einer wie der andere/ Mit gespitzten Ohren, wie Du die Chöre leitest. Die Edlen des Reiches staunten in grosser Zahl/ Und nannten dich ein Instrument des höchsten Gottes. Seine Festmusik zum Reformationsjubiläum am 31. Oktober/2. November 1617 ebendort sei sehr herrlich köstlich vnd anselig gewesen.

Das Legat vom 23. Mai 1619

Schon lange kränkelnd, hinterlegte Michael Praetorius Sonntag Trinitatis 1619 bei der Fürstlichen Kammer in Wolfenbüttel ein Legat (Vermächtnis), das er von Herzog Friedrich Ulrich und mehreren Zeugen beglaubigen ließ. Der Herzog gibt die Zusage, sich an die rechtmäßige Durchführung des von Praetorius verfügten Vermächtnisses steif fest und unverbrüchlich zu halten.

3000 Mariengulden (Geld, das er nie besessen hat und das aus Gehaltsrückständen resultiert) verteilte er auf neun Städte und Einrichtungen, die in seinem Leben und dem seiner Familienangehörigen von Bedeutung gewesen sind. Die Heimatstadt wurde zuerst bedacht: Anfangs und zuerst sollen dreihundert Mariengulden nach Creuzburg, da ich geboren bin und mein Vater viel Jahr lang im Predigtamt gewesen, belegt und die Zinsen darvon unter vorbenannte Personen jährlichen distribuiret und ausgeteilet werden.

Weiter sind genannt Torgau, Frankfurt an der Oder, Dresden, Halle, Zerbst, Halberstadt und Wolfenbüttel. In die märkische Kleinstadt Treuenbrietzen, da meine Eltern in ihrem Alter gelebet gestorben und begraben sind, gehen 450 Mariengulden. 1620 ist eine erste und wohl einzige Zinsrate ausgezahlt worden. Die Enkel Otto Franz und Johann Friedrich Praetorius griffen die Angelegenheit zu Beginn des 18. Jahrhunderts wieder auf. Das Geld war dann aber so abgewertet, dass es nur noch jeweils 370 Taler waren für die Heinrich-Städtsche Kirche zu Wolfenbüttel und das Waysen-Haus zum heil. Geiste zu Wolfenbüttel.

Im Jahr darauf bezeugt der Theologe und Komponist Michael Altenburg, dass Michael Praetorius der Weitberühmte kunstreiche/ Fürtreffliche und von Gott hochbegabte Musicus ein vortrefflicher Mann sei. Er bezeichnet Praetorij, Schützen vnd anderer mehr in genau dieser Aufeinanderfolge als beispielhafte Musiker. Alle drei Männer sind gebürtige Thüringer - aus Alach bei Erfurt, Creuzburg an der Werra und Köstritz an der Weißen Elster.

Creuzburg im Namen - vielfältige Varianten

Michael Praetorius hat seine Heimatstadt wohl nie wieder gesehen, er hat sie aber niemals vergessen. Aus Michaels Studienzeit sind zwei Disputationen überkommen, in denen er 1589 und 1593 als sog. Respondent (derjenige, der in einer Disputation etwas entgegnet) Rede und Antwort stehen musste. Den Vorsitz führte Joachim Garcaeus (Gartz), der 1588 die geborene Theodora Musculus, die Witwe des 1586 verstorbenen Rektors der Universität Frankfurt heiratete: Andreas Praetorius, Michaels Bruder. Beide Disputationen über Fragen der antiken Philosophie führen Creuzburg im Titel: Respondente Michaële Praetorio Creutzburgensi 1589 und Respondente Michaele Praetorio Creutzburgensi 1593.

Umfangreiche Vorreden, Vorworte und Widmungen zu den Druckwerken variieren seinen Beinamen, der latinisiert auf den Geburtsort hinweist. Hier eine Auswahl: Michael Praetorius/Michaël Praetorius ergänzt mit Creutzburgensis (1607), Creutzbergensis (1612, 1615), Cruciburgensis (1611), Crucemontanus und Crucimontanus (1613, 1607, 1610). Oft ist der Beiname ein unaufgelöstes C., das auch als Capellmeister (1613) aufgelöst wird. So versteht sich C. M. (1607) als Capellae Magister (Kapellmeister). Mit Michaël Praetorius Cruciburgensis, Musico ist 1603 ein eigenhändiger Stammbucheintrag unterschrieben. Zwei Jahre später bezeichnet er sich auf dem Titelblatt des ersten Bandes der neunbändigen Musae Sioniae als der zu Gott um seine Seligkeit seufzende M. Praetor. C. Wie genau sich Tuckermann im häuslichen Lebenskreis der Familie Praetorius auskannte, wissen wir nicht. Aber im Ausgang seiner Predigt über Michael Praetorius CREVZBERGENSIS (Michael Praetorius aus Creuzburg) bekennt er: muß ich jhm das Zeugniß geben, wo in einem Hause alhier fleissig gebeten [gebetet] worden, so ists in warheit in seinem geschehen. Daran ist zu denken, wenn wir Michael Praetorius drei Jahre vor seinem Tode auf einem Titel-Holzschnitt identifizieren. Irdische Musikanten und die himmlischen Heerscharen im Konzert vereint - Michael Praetorius kniet am Fuße des Gekreuzigten, erkennbar an seinem Wahlspruch Mihi Patria Coelum, mit dem auch der Stammbucheintrag 1603 endet.